Ob man es mit Frank-Walter Steinmeiers »Deutschland-Plan« vergleicht oder der Agenda von Schwarz-Gelb: Das aktuelle »Krisenpapier« der Goldenen Zitronen ist ein Produkt von bestrickendem Charme. Von »tütender Elektronik« und einem »Kunstvorfall« kann man dort lesen, von einem »furios scheppernden Durch- und Miteinander demokratischer Leidenschaften«. So hört sich das im Duktus der Zitronen an, wenn die Fanfaren für ein neues Album von Deutschlands dienstältester dezidiert linker Band erklingen. Ein neues Album ist bei den Goldenen Zitronen immer auch ein neues Statement zur Lage der Nation.

Die Entstehung der Nacht heißt das beim Hamburger Buback-Label veröffentlichte Opus, es enthält Beiträge über zusammenbrechende Börsen, die rätselhafte Betroffenheit zum Tod des Landeshauptmanns Haider und jugendliche Rückzugsspiele im Pop. All das konnte man auf einem Zitronen-Album erwarten, es gibt aber einen Refrain, der 25 Jahre Rock- und Popsozialisation mit den Golden Zitronen infrage stellt: »Wir verlassen die Erde als enttäuschte Herde … wir verlassen die Kugel als ein trauriges Rudel«. Ist aus dem Kampfschiff der Poplinken ein lahmer Rettungsdampfer geworden?

Ihr Werk versteht sich als ständige Erneuerung linker Positionen

»Ein Stück weit sind wir in den Texten so ratlos wie alle anderen auch«, räumt Gitarrist Ted Gaier ein. Als Gedankenspiel habe die Band das kollektive Aus-dem-Staub-Machen schon gereizt, sagt Sänger Schorsch Kamerun. »Vielleicht wäre es manchmal ja auch ganz gut, in eine Arche Noah zu steigen und gemeinsam irgendwie abzulegen. Mit Sun Ra gesprochen: Space is the place.« Von einem »Sinnbild für die Möglichkeit« spricht Kamerun weiter: »Wenn’s gar nicht mehr geht, verschwinden wir gemeinsam. Was aber wiederum nicht wirklich unserer Praxis entspricht.«

So sind sie, die Zitronen: Sie jonglieren mit Theorie und Praxis, mit Politik und Kunst – ihr Werk versteht sich als ein ständiges Update linker Standpunkte und ästhetischer Haltungen. Ein Langzeitprojekt, das vor allem dem Grübeln über den Umgang mit einer sich entsolidarisierenden Gesellschaft geschuldet ist, darüber hinaus aber einem beachtlichen Gestrüpp an Themen. Und auch wenn das nicht gerade lustig klingt: Die Weltflucht gerät den Goldenen Zitronen alles andere als bekümmert. Die Band klingt im Song Wir verlassen die Erde wie ein heiteres Grundschulorchester, das noch Defizite bei den Flöten hat.

Wollte man die Geschichte der Goldenen Zitronen im Zeitraffer erzählen, reichten wahrscheinlich drei Songs dafür aus: Alles was ich will (Nur die Regierung stürzen) 1990, die Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen betitelte Aktualisierung 2001 und das Stück Positionen vom neuen Album, das vom Moment des Absprungs kündet. 1984 operierte die Band noch auf dem festen Boden des Hamburger Punk-Universums, die Goldenen Zitronen spielten die beste Hafenstraßenbambule der Welt. Im Gründungsmythos ist aber bereits der erste Bruch festgeschrieben. Man verweigerte sich dem »Schneller, lauter, härter« der amerikanischen Guinness Buch-Gitarrenpunks ebenso wie den politisch korrekten Parolen der einheimischen Autonomenpunks.

Das Album Porsche, Genscher, Hallo HSV führte jene spezifischen Hardcore-Schlager im Programm, die demonstrierten, was die Band unter »Punk im Punk« (Ted Gaier) verstand: die Fähigkeit zu permanenter Selbstreflexion. Die Ironie in diesem Spiel hat das Konzertpublikum leider weggegrölt, Fun-Punk wurde mit den Toten Hosen groß und telegen. Die »Goldies« indessen, wie sie sich bis heute ganz uncool nennen, lernten, ihre Form von Nichteinverstandensein mit den Verhältnissen zu differenzieren – und im Dialog mit verbündeten Kräften in die Öffentlichkeit zu tragen. Das war der Keim für den Diskurspop, der unter dem Logo »Hamburger Schule« einen republikweiten Twist entwickelte und spätere Marktführer wie Blumfeld und Die Sterne an Land spülte.