Die Goldenen Zitronen Eigentlich ist immer Krise

25 Jahre Gegenöffentlichkeit im Geiste des Punk: Die Goldenen Zitronen schenken sich und uns zum Jubiläum ein neues Album.

Zuweilen ratlos wie alle anderen auch: Die Goldenen Zitronen im 25. Dienstjahr

Zuweilen ratlos wie alle anderen auch: Die Goldenen Zitronen im 25. Dienstjahr

Ob man es mit Frank-Walter Steinmeiers »Deutschland-Plan« vergleicht oder der Agenda von Schwarz-Gelb: Das aktuelle »Krisenpapier« der Goldenen Zitronen ist ein Produkt von bestrickendem Charme. Von »tütender Elektronik« und einem »Kunstvorfall« kann man dort lesen, von einem »furios scheppernden Durch- und Miteinander demokratischer Leidenschaften«. So hört sich das im Duktus der Zitronen an, wenn die Fanfaren für ein neues Album von Deutschlands dienstältester dezidiert linker Band erklingen. Ein neues Album ist bei den Goldenen Zitronen immer auch ein neues Statement zur Lage der Nation.

Die Entstehung der Nacht heißt das beim Hamburger Buback-Label veröffentlichte Opus, es enthält Beiträge über zusammenbrechende Börsen, die rätselhafte Betroffenheit zum Tod des Landeshauptmanns Haider und jugendliche Rückzugsspiele im Pop. All das konnte man auf einem Zitronen-Album erwarten, es gibt aber einen Refrain, der 25 Jahre Rock- und Popsozialisation mit den Golden Zitronen infrage stellt: »Wir verlassen die Erde als enttäuschte Herde … wir verlassen die Kugel als ein trauriges Rudel«. Ist aus dem Kampfschiff der Poplinken ein lahmer Rettungsdampfer geworden?

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Ihr Werk versteht sich als ständige Erneuerung linker Positionen

»Ein Stück weit sind wir in den Texten so ratlos wie alle anderen auch«, räumt Gitarrist Ted Gaier ein. Als Gedankenspiel habe die Band das kollektive Aus-dem-Staub-Machen schon gereizt, sagt Sänger Schorsch Kamerun. »Vielleicht wäre es manchmal ja auch ganz gut, in eine Arche Noah zu steigen und gemeinsam irgendwie abzulegen. Mit Sun Ra gesprochen: Space is the place.« Von einem »Sinnbild für die Möglichkeit« spricht Kamerun weiter: »Wenn’s gar nicht mehr geht, verschwinden wir gemeinsam. Was aber wiederum nicht wirklich unserer Praxis entspricht.«

So sind sie, die Zitronen: Sie jonglieren mit Theorie und Praxis, mit Politik und Kunst – ihr Werk versteht sich als ein ständiges Update linker Standpunkte und ästhetischer Haltungen. Ein Langzeitprojekt, das vor allem dem Grübeln über den Umgang mit einer sich entsolidarisierenden Gesellschaft geschuldet ist, darüber hinaus aber einem beachtlichen Gestrüpp an Themen. Und auch wenn das nicht gerade lustig klingt: Die Weltflucht gerät den Goldenen Zitronen alles andere als bekümmert. Die Band klingt im Song Wir verlassen die Erde wie ein heiteres Grundschulorchester, das noch Defizite bei den Flöten hat.

Wollte man die Geschichte der Goldenen Zitronen im Zeitraffer erzählen, reichten wahrscheinlich drei Songs dafür aus: Alles was ich will (Nur die Regierung stürzen) 1990, die Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen betitelte Aktualisierung 2001 und das Stück Positionen vom neuen Album, das vom Moment des Absprungs kündet. 1984 operierte die Band noch auf dem festen Boden des Hamburger Punk-Universums, die Goldenen Zitronen spielten die beste Hafenstraßenbambule der Welt. Im Gründungsmythos ist aber bereits der erste Bruch festgeschrieben. Man verweigerte sich dem »Schneller, lauter, härter« der amerikanischen Guinness Buch-Gitarrenpunks ebenso wie den politisch korrekten Parolen der einheimischen Autonomenpunks.

Das Album Porsche, Genscher, Hallo HSV führte jene spezifischen Hardcore-Schlager im Programm, die demonstrierten, was die Band unter »Punk im Punk« (Ted Gaier) verstand: die Fähigkeit zu permanenter Selbstreflexion. Die Ironie in diesem Spiel hat das Konzertpublikum leider weggegrölt, Fun-Punk wurde mit den Toten Hosen groß und telegen. Die »Goldies« indessen, wie sie sich bis heute ganz uncool nennen, lernten, ihre Form von Nichteinverstandensein mit den Verhältnissen zu differenzieren – und im Dialog mit verbündeten Kräften in die Öffentlichkeit zu tragen. Das war der Keim für den Diskurspop, der unter dem Logo »Hamburger Schule« einen republikweiten Twist entwickelte und spätere Marktführer wie Blumfeld und Die Sterne an Land spülte.

Die Goldenen Zitronen seien in ihren kleinen Idealen bis heute erkennbar geblieben, behauptet Schorsch Kamerun. Damit verteidigt er den Anspruch, im Kollektiv Standpunkte zu entwickeln, statt der Verlockung zu erliegen, reich, berühmt und ein Star nach den Gesetzen der Celebrity-Kultur zu sein. Was links ist, wie und wo links gespielt wird, entscheiden nicht nur die Gründerväter Schorsch Kamerun und Ted Gaier, zwei Mittvierziger mit vorzeigbaren Postpunkbiografien, die längst vom deutschen Subventionstheater mitfinanziert werden. Die aktuelle Band mit Julius Block, Mense Reents, Enno Palucca und Stephan Rath improvisiert von Album zu Album eine Standortbestimmung im Spektrum der dissidenten Möglichkeiten.

Lösungen gibt es keine, bloß ein paar Handlungsanreize

Dieses Linkssein ist durch den Kugelhagel der Style Wars getragen worden, durch die Diskursschleifen fälliger Standortbestimmungen in den Neunzigern – und steht heute noch als Nachweis popfähiger Renitenz da. Sicher, die Goldenen Zitronen befinden sich im Fahrtwind der Krise, die Aktualität spielt ihnen die Themen nur so zu. »Aber eigentlich ist ja immer Krise auf Goldiesplatten«, sagt Ted Gaier. Für Schorsch Kamerun gibt es den Moment, »wenn ›das Blut bricht‹, wie Oskar Maria Graf schreibt. Wenn man es nicht mehr aushält. Ich glaube, dass das als letzte Option vorhanden sein muss. Es ist jetzt nicht so, dass ich zum Steinewerfen aufrufe. Da sagt dann jeder: Ey, Schorsch, das kennen wir aber auch. Trotzdem, wir müssen die Option behalten, uns von etwas zu verabschieden, etwas ins Stürzen zu bringen, wenn nötig.«

Mit welchen Mitteln positioniert sich eine politische Band in der Unverständlichkeit unserer Zeit? Im Zweifelsfall über die Musik. »Sich ständig zu den neuesten Trends durchzufiltern verklebt aber einfach alle kleinen Härchen in den Ohren«, so Schorsch Kamerun. Also kollidieren Fragmente aus elektronischer Musik, No Wave und Folk mit perkussiven Mustern aus der Krautrock-Ära, enden in einer Art Fusion-Sound, der bewusst im Disparaten verharrt. Im Rückgriff auf die erste eigenständige deutsche Popkultur sind keine Lösungen, wohl aber Handlungsanreize zu entdecken: Reflektiere deine Geschichte! Setz dich über die restriktiven Strukturen hinweg! Wage was!

Mit der Coverversion eines Hippieliedchens von Melanie (Beautiful People), das Gastsängerin Michaela Mélian wie eine Wiedergängerin Nicos raunt, gelingt der Band ein Schritt aus dem Spektrum der üblichen Zuschreibungen. Noch seltsamer ist die nach einem berühmten Pink-Floyd-Album benannte Instrumental-Improvisation Der Flötist an den Toren der Dämmerung: Die Zitronen haben mal eben schnell die Grammatik Afro-Jazz untersucht. Dieser »Piper« verrät mehr über die Goldenen Zitronen 2009, als das die vielen semantischen Feinheiten leisten können. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache landet die Band immer häufiger bei einer Musik, die sie in Welten trägt, in denen man die sperrigen Textcollagen Schorsch Kameruns gar nicht mehr entziffern kann.

Das neoliberal geschundene Subjekt darf aber dann doch noch aufbegehren bei den Goldenen Zitronen. Es meldet sich, von Wünschen und Zweifeln autorisiert, es scheint aus einem Hörspiel ins Hier und Jetzt zu treten: »Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden«, heißt es in Bloß weil ich friere – wenn er seine längeren Texte rhythmisiert, dann sei er fast schon im Theater, sagt Schorsch Kamerun dazu. Der Versuch, solch einen Monolog mit Musik zusammenzubringen, findet seine Grenzen in den Launen der Maschinen. Die singen sowieso, was sie wollen.

Mit so viel Sound hinterfragen die Zitronen heute sogar ihren Status als Punk-Gegenöffentlichkeit. Man kann dieser Band beim Altern zuhören, weil sie einfach nicht irrelevant werden will. Was auch daran festzumachen ist, dass die Goldenen Zitronen im Strudel der Aufnahmen und Arbeiten ihr 25-jähriges Bandjubiläum fast vergessen hätten. Herzlichen Glückwunsch dazu.

"Die Entstehung der Nacht" von den Goldenen Zitronen ist erschienen bei Buback/Indigo.

 
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