Die Goldenen Zitronen Eigentlich ist immer KriseSeite 2/2

Die Goldenen Zitronen seien in ihren kleinen Idealen bis heute erkennbar geblieben, behauptet Schorsch Kamerun. Damit verteidigt er den Anspruch, im Kollektiv Standpunkte zu entwickeln, statt der Verlockung zu erliegen, reich, berühmt und ein Star nach den Gesetzen der Celebrity-Kultur zu sein. Was links ist, wie und wo links gespielt wird, entscheiden nicht nur die Gründerväter Schorsch Kamerun und Ted Gaier, zwei Mittvierziger mit vorzeigbaren Postpunkbiografien, die längst vom deutschen Subventionstheater mitfinanziert werden. Die aktuelle Band mit Julius Block, Mense Reents, Enno Palucca und Stephan Rath improvisiert von Album zu Album eine Standortbestimmung im Spektrum der dissidenten Möglichkeiten.

Lösungen gibt es keine, bloß ein paar Handlungsanreize

Dieses Linkssein ist durch den Kugelhagel der Style Wars getragen worden, durch die Diskursschleifen fälliger Standortbestimmungen in den Neunzigern – und steht heute noch als Nachweis popfähiger Renitenz da. Sicher, die Goldenen Zitronen befinden sich im Fahrtwind der Krise, die Aktualität spielt ihnen die Themen nur so zu. »Aber eigentlich ist ja immer Krise auf Goldiesplatten«, sagt Ted Gaier. Für Schorsch Kamerun gibt es den Moment, »wenn ›das Blut bricht‹, wie Oskar Maria Graf schreibt. Wenn man es nicht mehr aushält. Ich glaube, dass das als letzte Option vorhanden sein muss. Es ist jetzt nicht so, dass ich zum Steinewerfen aufrufe. Da sagt dann jeder: Ey, Schorsch, das kennen wir aber auch. Trotzdem, wir müssen die Option behalten, uns von etwas zu verabschieden, etwas ins Stürzen zu bringen, wenn nötig.«

Mit welchen Mitteln positioniert sich eine politische Band in der Unverständlichkeit unserer Zeit? Im Zweifelsfall über die Musik. »Sich ständig zu den neuesten Trends durchzufiltern verklebt aber einfach alle kleinen Härchen in den Ohren«, so Schorsch Kamerun. Also kollidieren Fragmente aus elektronischer Musik, No Wave und Folk mit perkussiven Mustern aus der Krautrock-Ära, enden in einer Art Fusion-Sound, der bewusst im Disparaten verharrt. Im Rückgriff auf die erste eigenständige deutsche Popkultur sind keine Lösungen, wohl aber Handlungsanreize zu entdecken: Reflektiere deine Geschichte! Setz dich über die restriktiven Strukturen hinweg! Wage was!

Mit der Coverversion eines Hippieliedchens von Melanie (Beautiful People), das Gastsängerin Michaela Mélian wie eine Wiedergängerin Nicos raunt, gelingt der Band ein Schritt aus dem Spektrum der üblichen Zuschreibungen. Noch seltsamer ist die nach einem berühmten Pink-Floyd-Album benannte Instrumental-Improvisation Der Flötist an den Toren der Dämmerung: Die Zitronen haben mal eben schnell die Grammatik Afro-Jazz untersucht. Dieser »Piper« verrät mehr über die Goldenen Zitronen 2009, als das die vielen semantischen Feinheiten leisten können. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache landet die Band immer häufiger bei einer Musik, die sie in Welten trägt, in denen man die sperrigen Textcollagen Schorsch Kameruns gar nicht mehr entziffern kann.

Das neoliberal geschundene Subjekt darf aber dann doch noch aufbegehren bei den Goldenen Zitronen. Es meldet sich, von Wünschen und Zweifeln autorisiert, es scheint aus einem Hörspiel ins Hier und Jetzt zu treten: »Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden«, heißt es in Bloß weil ich friere – wenn er seine längeren Texte rhythmisiert, dann sei er fast schon im Theater, sagt Schorsch Kamerun dazu. Der Versuch, solch einen Monolog mit Musik zusammenzubringen, findet seine Grenzen in den Launen der Maschinen. Die singen sowieso, was sie wollen.

Mit so viel Sound hinterfragen die Zitronen heute sogar ihren Status als Punk-Gegenöffentlichkeit. Man kann dieser Band beim Altern zuhören, weil sie einfach nicht irrelevant werden will. Was auch daran festzumachen ist, dass die Goldenen Zitronen im Strudel der Aufnahmen und Arbeiten ihr 25-jähriges Bandjubiläum fast vergessen hätten. Herzlichen Glückwunsch dazu.

"Die Entstehung der Nacht" von den Goldenen Zitronen ist erschienen bei Buback/Indigo.

 
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