Joseph Haydn Juchzer vom Olymp herabSeite 2/2
Die »gantz neu Besondere Art«, die der Komponist selbst an seinem opus 33 lobte, ist eine Herausforderung an alle Kollegen, von denen einer auf höchstem Niveau antwortet: Mozart widmet dem »caro Amico« sechs Quartette, die Haydn nachhaltig verwirren. Sechs Jahre dauert es, bis er mit seinem opus 50 wieder die Führung der Avantgarde an sich reißt. Im opus 55 (komponiert wohl kurz vor der Französischen Revolution) wird er fokussierter, herber, seine Experimente gewinnen Dramatik, und diesen Ton trifft das junge finnische Ensemble Meta4 mit erfrischend rauem Timbre. Vom entsetzlichen »Schmunzeln«, auf das man Haydn oft verkleinert, sind die Finnen klanglich besonders weit entfernt.
Inzwischen war die Kunst des Streichquartetts derartig etabliert, dass junge Komponisten mit Werken für ebendiese Besetzung debütierten; Haydn selbst konnte seine Stücke in vollen Sälen erleben wie in London. Dort war es üblich, mit markanten Anfängen das Publikum aus dem Geplauder zu reißen. Es ist also auch Taktik, dass das C-Dur-Quartett von 1793 (opus 74/1) mit zwei Akkorden beginnt. Erst dann folgt ein Thema als Reverenz an einen verstorbenen Freund – nämlich modelliert nach dem Finalthema aus Mozarts Jupitersinfonie. Wie es in Haydns Experimentalstudio entlegensten Modulationen unterzogen wird, das hört man beim Schuppanzigh Quartett eingehender und farbenreicher als bei den Auryns, deren Ausdruckswucht hier an der Struktur vorbeigeht.
Wer wie das Auryn Quartett eine Gesamtaufnahme stemmt, muss eben damit rechnen, gelegentlich von Leuten überholt zu werden, die weniger vertraut mit Haydn, aber noch neugieriger sind. So erlebt man das auch beim 2003 gegründeten Minetti Quartett, blutjungen Typen, denen zum D-Dur Quartett (76/5) des 65-Jährigen mehr einfällt als den Auryns. Das geht im ersten Satz von kleinen Zäsuren und frech klirrender E-Saite bis zu bildhafter Dynamik, wenn turbulente Zweiunddreißigstel im Bass mit Decrescendo und Crescendo dezent, aber deutlich zum Sturm im Wasserglas dramatisiert werden. Im Finale zeigt Haydn, wie man billige Schlussakkorde, bäurische Quinten und eine banale Tanzweise so durcheinanderwürfelt, dass die Götter kichern. Bei den Minettis hört man sie, diese feinen Juchzer vom Olymp.
Aufnahmen von Haydns Streichquartetten:
Auryn Quartett: opus 1, 33, 74, 76 (alle bei Tacet)
Schuppanzigh Quartett: opus 9 Nr. 6; opus 74 Nr. 1; opus 50 Nr. 6 Accent ACC 24197/Note
Quarteto Casals: opus 33 Harmonia Mundi HMX 2962022.23
Meta4: opus 55 Hänssler Classic 98.587/Naxos
Minetti Quartett: opus 64 Nr. 4, opus 74 Nr. 3, opus 76 Nr. 5 Hänssler Classic 98.589/Naxos
- Datum 15.11.2009 - 17:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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