Wladimir Horowitz Am Ende der Suche
Im Jahr 1986 gab der Pianist Wladimir Horowitz ein legendäres Konzert in Berlin. Jetzt ist der Radiomitschnitt mit allen Moderationen auf CD erschienen.
© Klemens Beitlich/Sony Music

Der 82-jährige Horowitz erklärte Virtuosität endgültig zur Nebensache
Was ist Wladimir Horowitz nicht alles gewesen? Für die amerikanische Kritik war der 25-Jährige 1928 »ein Tornado der Steppe«, später mutierte er zum »Hypervirtuosen« oder »Zauberkünstler«, zum »Überpianisten« und zur »Legende zu Lebzeiten«, wahlweise auch zum »Rattenfänger«. Und »der letzte Romantiker« am Klavier war Horowitz ohnehin. In die grenzenlose Bewunderung mischte sich immer wieder auch Skepsis über das Exzentrische, Manieristische und Zirzensische seiner Kunst, der – leicht akademische – Verdacht des nicht ganz Seriösen.
War man nicht fast erleichtert, wenn sein Beethoven, mehr noch sein Mozart anfechtbar gerieten? War der Manegenstar nicht allzu leichtfertig bereit, musikalischen Tiefsinn an die donnernde Opulenz technizistischer Bravour-Piècen zu verraten? Doch die wahre Kunst des Wladimir Horowitz lag in anderen Bereichen, weit jenseits der mit bestürzender Sicherheit hingefegten Arpeggien und Skalen.
»Man geht nicht durchs Leben, um Oktaven zu spielen«, meinte er, bevor er sich 1953 für zwölf lange Jahre (und nicht zum letzten Mal) vom Konzertpodium zurückzog. Bei aller Lust an Virtuosität und Brillanz war Horowitz doch auch ein Zweifler und neugieriger Tüftler, ein Leben lang auf der Suche nach Farben, Nuancen, Schattierungen – und ja, nach der Seele der Musik.
Es mag nostalgisch klingen, doch vielleicht ist diese Suche beim alten Horowitz auf berührende Weise an ihr Ziel gelangt. Die jetzt mit allen Moderationen auf CD veröffentlichte Rundfunk-Liveübertragung des Berliner Konzertes vom 18. Mai 1986 jedenfalls legt diesen Schluss nahe. Die manuellen Fähigkeiten des 82-Jährigen sind, ungeachtet einiger Fehlgriffe, vor allem in Schumanns Kreisleriana immer noch verblüffend.
Wesentlicher aber ist der Gestus von Verinnerlichung und Reduktion, Nachdenklichkeit und Poesie, der dieses Konzert hörbar bestimmte. Der geliebte Scarlatti wird zum barocken Melancholiker, Chopin singt bei aller stolzen Eleganz insbesondere von Nachtschwärze und Tragik. Kongenial legt Horowitz die Spiritualität des wesensverwandten Skrjabin offen, versenkt sich in die verhaltene Trauer Rachmaninows, verliert sich in Schumanns poetischer Fantasie. Virtuosität ist endgültig Nebensache, unwichtig. Was nicht heißt, Horowitz habe 1986 nicht mehr mit ihr kokettiert.
- Datum 03.11.2009 - 17:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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