Verkannt worden sind sie beide, da ging es Beethovens Violinkonzert nicht besser als Benjamin Brittens einzigem Versuch in diesem Genre. Höflich und nicht gänzlich unbeteiligt immerhin nahm das New Yorker Publikum bei der Britten-Uraufführung durch den Dirigenten John Barbirolli und den Geiger Antonio Brosa 1940 zur Kenntnis, was in der Seele des jungen Engländers alles vor sich ging (es waren, unter anderem, die Kämpfe des Spanischen Bürgerkriegs).

Der Geiger Franz Clement entschied bei der Wiener Beethoven-Uraufführung, dass es dem Bonner Komponisten deutlich an Showtalent mangele, und schmuggelte eine eigene Revuenummer zwischen die Sätze: Er hielt das Instrument einfach verkehrt herum, während er zur Gaudi aufspielte. Beethovens Violinkonzert ist rehabilitiert, Brittens Werk weniger: Kaum zu erklären, dass jede der raren Aufführungen vom Seufzer »Schade, dass wir es nicht öfter hören« begleitet wird, das Stück dann aber wieder jahrelang auf eine Chance warten muss.

Der Niederländerin Janine Jansen und dem London Symphony Orchestra unter Paavo Järvi ist Brittens Violinkonzert ein Herzensanliegen. In der langen Kadenz des zweiten Satzes, die hin zur finalen und ziemlich finsteren Passacaglia führt, erfühlt Jansen über die technische Makellosigkeit hinaus das vielleicht wichtigste Wesensmerkmal von Brittens Musik: Bei aller Passion ist sie an einer Überwältigung des Hörers nicht interessiert. Selbst in größter Verzweiflung bleibt der Duktus des Erzählens ein wenig distanziert. Britten behandelt den Krieg, aber es ist keine Agitation spürbar, sondern zuerst einmal große Nachdenklichkeit.

Anders als Lisa Batiashvili, die zuletzt als Dirigentin und Solistin gewissermaßen aus der Mitte der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen heraus Beethoven verstanden hatte, setzt Janine Jansen bei der Interpretation des D-Dur-Konzerts auf Abstand zwischen dem fast vibratolosen Spiel der Bremer und ihrer eigenen, leicht romantisierenden Auffassung. Aber da beißt sich nichts, es knistert nur angenehm, zumal Jansen nach einigem Überlegen auch noch die Kadenz von Fritz Kreisler gewählt hat. Gleichwohl: Benjamin Britten ist auf dieser CD das eigentliche Ereignis.

Beethoven/Britten: Violinkonzerte. Janine Jansen (Violine), London Symphony Orchestra, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg.: Paavo Järvi, Decca 478 1530