Eigentlich hat das Optimal, der wohl größte Musikfachhändler Münchens, mit Blasmusik nichts am Hut – zumal wenn sie sich bayerisch »Blosmusi« nennt. Welcher trendbewusste Zeitgenosse würde so etwas Gestriges schon kaufen wollen? Stattdessen werden Münchner Clubgeher hier mit Techno, Hip-Hop, Reggae und Indie-Rock versorgt, Hipsterklängen aus aller Welt eben, und das gleich regalweise. Als der Szenetreffpunkt diesen Sommer Jubiläum feierte, heizten trotzdem weder Techno-DJs noch Hip-Hop-Bands dem Fußvolk ein, sondern ausgerechnet: eine Blaskapelle.

La Brass Banda heißt die Ausnahme von der Regel, fünf junge Burschen, die ausgezogen sind, um die »brutale Wucht des Blechs« zu erforschen. Immer wenn sie, barfuß und in Lederhosen, auf einer Münchner Innenstadtstraße ihre Instrumente auspacken, glauben die Passanten zunächst an einen Witz. »Wisst ihr, was der Unterschied zwischen Techno und bayerischem Techno ist?«, ruft der Frontmann daraufhin in die Menge. »Die Tuba!« Dann schmettert ein obertongesättigtes Umpf-Umpf-Umpf um den Block. Ein E-Bass setzt ein. Posaune und Schlagzeug legen einen schweren Disco-Wumms vor. Die Trompete spielt Feuerwehr. Und was zuerst wie die Liveversion eines Daft-Punk-Hits wirkt, entpuppt sich als beschleunigtes und bassverstärktes bayerisches Gstanzl.

Das erklärte Ziel ist Tanzmusik mit Dreck unter den Fingernägeln

Nur kurze Zeit später finden sich sonnenbebrillte Klubgänger wie auch Nerds mit umgehängter Plattentasche wippend und stampfend auf dem Asphalt wieder. Selbst Skeptiker wiegen rhythmisch die Köpfe. Und können irgendwann nicht anders als: zur Blosmusi tanzen. Das ist der Zeitpunkt, zu dem La Brass Banda es wieder mal geschafft haben: Die amorphe Menge ist auf gut Bayerisch euphorisiert. Dass bei diesem handgemachten Kirchweih-Techno zugleich sämtliche Genregrenzen über den Haufen geblasen werden, nehmen die Beteiligten billigend in Kauf. »Unsere Musik«, sagt Trompeter und Bandchef Stefan Dettl, »zielt in erster Linie auf die Bühnenwirkung. Wir entwickeln unsere Stücke ausschließlich live.« Brachial muss es scheppern. Und dennoch so zuverlässig ineinandergreifen wie das Uhrwerk am heimischen Kirchturm.

Tatsächlich haben Stefan Dettl wie Posaunist Manuel Winbeck jahrelang mit der Blasmusik ihres Heimatdorfes Übersee am Chiemsee auf Feuerwehrfesten und in Bierzelten gespielt, während Schlagzeuger Manuel Da Coll und Bassist Oliver Wrage eher der Clubszene entstammen. Fünfter im Bunde ist Andreas Hofmeir, der seine Tuba zum Rhythmusinstrument umwidmet, technoide Stakkati aus dem Schalltrichter stößt. Die notwendige Technik haben sie alle. Schließlich kennen sich die Bandmitglieder vom Musikstudium am Konservatorium – und lassen ihre Virtuosität bestenfalls bewusst schleifen. La Brass Banda, erklärt Dettl, wollten »das kalkulierte Chaos» pflegen. Und der rein elektronischen Musik eine handgemachte Alternative entgegensetzen: Tanzmusik mit Dreck unter den Fingernägeln.

»Wir haben absichtlich alle Harmonieinstrumente draußen gelassen«, sagt Dettl. Wenn es um den Tanzboden geht, bleibe kein Platz für Verzierungen und Kleinkunst-Gift. Stattdessen müssten alle dicke Backen machen, um einen fetten Rhythmus zu erzeugen. Möglicherweise liegt hier die Erklärung für das Phänomen Brass Banda: Es ist der derbe Charme der fünf Chiemgauer, der für ausverkaufte Tourneen gesorgt hat, vom serbischen Goražde bis in Londoner Klubs, vom Rock-Zirkus in Roskilde über Avantgarde-Festivals und Heimatwochen bis zum Reggae-Open-Air am Chiemsee. Ihr Debütalbum Habediehre jedenfalls sammelte weit über Bayern hinaus Lorbeeren. »Eine tödliche Kombination von großen Riffs, Arrangements im Lalo-Schifrin-Stil und Tanzflächenfüllern«, schwärmte etwa das Londoner Magazin Songlines. Und empfahl, all die »epigonalen Gypsy-Orchester zu vergessen, um sich den puren Treibstoff dieses süddeutschen Funk zu gönnen«.

Die Mundpropaganda besorgte den Rest und katapultierte die Truppe aus dem Stand heraus in die Indie-Charts. Dabei sehen sich die fünf Oberbayern als »Voixmusiker«. Als solche sammeln und verbinden sie Bruchstücke verschiedenster Provenienz – Polka, Techno, Mariachi-Klänge, Ska, Gypsy, Landler – zu einer Tanzmischung, die nach demselben Prinzip funktioniert wie der frühe Hip-Hop. Nur dass die Samples eben live aus den Schalltrichtern dröhnen. Und der Rap in breitestem Chiemgau-Bayerisch daherkommt, irgendwo zwischen Bierzelt-Animation und hinterfotzigem Gstanzl. Textprobe? »Natalie, i scheiß auf di und die Partnertherapie…« La Brass Banda wollen keine Botschaft verbreiten. Deswegen kommt auch erst die Musik, die Texte entstehen »eher nebenher«.