Der Geiger Thomas ZehetmairVerzweiflungsknirschen

Mit seiner grandiosen Aufnahme der 24 Capricen von Niccolò Paganini porträtiert der Geiger Thomas Zehetmair den Virtuosen als Freak von 

Setzt dem Virtuosentum die Wahnsinnskrone auf: der Geiger Thomas Zehetmair

Setzt dem Virtuosentum die Wahnsinnskrone auf: der Geiger Thomas Zehetmair  |  © ECM

Niccolò Paganini ist ein Zugabenkönig. Einen Violinabend mit seiner berühmten Caprice Nr. 24 als Rausschmeißer zu beenden, ist immer ein sicherer Erfolg. Die staunenden Ahs und Ohs des Publikums sind dem Stück gleichsam einkomponiert – wenn der Geigenbogen schaukelnd wie ein Schiff auf hoher See souverän durch die Akkordzerlegungen pflügt, wenn die Pizzikati prasseln und die Flageoletts zur Saaldecke schweben. Der Virtuose meistert das scheinbar Unmögliche. Und der Zuhörer verlässt das Konzert in der Zuversicht, dass es um die Welt nicht ganz schlecht bestellt sein kann, so lange der Mensch solches zu vollbringen vermag.

Paganini hat 24 Capricen geschrieben, es sind minutenkurze, musikalisch eher simpel gebaute Stücke, die jeweils einer technischen Höchstschwierigkeit gewidmet sind. Nur wenige von ihnen hört man im Konzertsaal, die meisten fristen ein Dasein als Etüden- und Prüfungsmaterial für Studenten. Sie klingen dann nach Übeschweiß und zähem Sichabmühen, es haftet ihnen etwas Streberhaftes an. Der österreichische Geiger Thomas Zehetmair aber führt die 24 Paganini- Capricen komplett als Werkzyklus im Konzert auf und hat sie nun (bereits zum zweiten Mal) auf CD eingespielt.

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Schon wenn er den Bogen zur Caprice Nr.1 ansetzt, mischt sich ein irritierendes Schmirgeln und Knirschen in seinen Ton, das sich durch die gesamte Aufnahme zieht. Wäre Zehetmair noch ein Student, würde der Geigenprofessor sofort mit dem Ölkännchen herbeieilen, um das Quietschen in den Scharnieren zu beseitigen. Denn das gängige Paganini-Ideal verlangt bis heute nach Makellosigkeit, nach einem ungefährdeten, triumphalen Ton, wie ihn Jascha Heifetz am brillantesten beherrschte.

Davon aber will Zehetmair nichts wissen. Er profiliert sich nicht als Schöntuer. Er meidet konsequent alles jubilierend Glatte und lässt keine Honigsüße aus den Terz- und Sextparallelen tropfen. Ihn interessiert vielmehr das Gefährdete, das Waghalsige und Krankhafte, das in den Stücken rumort. Zehetmair entdeckt den Verzweiflungston in den Capricen: Hier improvisiert ein Getriebener berserkerhaft gegen eine große Leere an.

Man kann es in den zeitgenössischen Berichten überall nachlesen: Paganini war keine gloriose Lichtgestalt des Virtuosentums, sondern ein Schmerzensmann, eine gequälte Kreatur, ein Freak. Als spindelig dürr, »hoch wie ein Galgen« wird seine Silhouette beschrieben, von Qecksilberkuren gegen die Syphilis war sein Körper gespenstisch ausgemergelt. Totenbleich, mit zahnlos eingefallenem Mund und schlurfendem Gang betrat er die Bühne.

Der Kritiker Ludwig Rellstab vernahm nach einem Berliner Konzert im Jahr 1829 neben einem betörend kantablen Ton auch »grelle, unschöne Striche« in Paganinis Spiel. »Es kratzt und schabt manchmal ganz unerwartet«, schreibt er, »und im Augenblick, wo man sich unwillig abwenden möchte, hat er deine Seele schon wieder mit einem goldenen Faden umschlungen und droht sie dir aus dem Leib zu ziehen.«

Leserkommentare
    • bvdl
    • 30. Dezember 2012 8:51 Uhr

    Die Bach Partiten/Sonaten: grandios! Paganini: unterirdisch. Aber nicht, weil Zehetmair hier gewollt kratzt und damit das diabolische aus den Stücken graben will. Weil er technisch überfordert ist, leider. Er hat schlicht eine sehr eigenwillige Technik, die ihn zu Höhenflügen befähigt, gleichzeitig aber von gewisser Literatur ausschliesst. Die unglaubliche Akkordtechnik, die schier unfassbare Geläufigkeit, die er in der Bach-Aufnahme zeigt, stehen der klassisch virtuosen Technik gegenüber, die er leider nicht beherrscht.

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  • Schlagworte Musik | Konzert | Solist
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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