Der Geiger Thomas Zehetmair VerzweiflungsknirschenSeite 2/2

Ähnliches lässt sich von Zehetmairs Interpretation sagen. Er setzt dem Virtuosentum die gezackte Wahnsinnskrone auf. Er überdreht die Tempi, die Springbogenexzesse rückt er in die Nähe des surrealen Gefuchtels, die hohen Töne pfeifen wie vom Jenseits her. Was nicht bedeutet, dass Zehetmair die Stücke nicht bewältigt, im Gegenteil: Vielleicht hat er zu lange in sie hinein- und durch ihren oberflächlichen Glanz hindurchgehört.

So weit war die Technik schon: Niccolo Paganini (1782 - 1840) auf einem historischen Foto kurz vor seinem Tod

So weit war die Technik schon: Niccolo Paganini (1782 - 1840) auf einem historischen Foto kurz vor seinem Tod

Beim Lob des Virtuosen wird gerne das Bild vom Artisten unter der Zirkuskuppel bemüht. Der Blick auf den Solisten ist dann ein bewundernder, von unten nach oben, vom dicht besetzten Rund hinauf in die atemberaubende Höhe des Könnertums. Zehetmair aber dreht mit seinem Paganini-Spiel die Perspektive um: Er zeigt, wie der Solist mit weit aufgerissenen Augen von oben hinabschaut – in den gähnenden Abgrund. Seine Interpretation stellt die Gefährung und die Einsamkeit unter der Kuppel heraus. Die Flageolettpassagen lassen die dünne Luft erahnen, die dort herrscht, die Doppelgriffkaskaden haben etwas Taumelndes, der fadenfeine, expressive Ton lässt deutlich werden, wie nahe Gelingen und Katastrophe beieinanderliegen. Den Capricen kommt in Zehetmairs Interpretation das Hoffnungsfrohe abhanden, das doch eigentlich an die Vorführung instrumentaler Trapeznummern geknüpft ist: Das Versprechen, dass der Virtuose die Gesetze des Irdischen außer Kraft setzen und alle Grenzen überschreiten kann.

Niccolò Paganini war zu Lebzeiten eine Figur, wie geschaffen für die Fantasien der schwarzen Romantik: Man lauschte ihm in dem festen Glauben, er stehe mit dem Satan im Bunde, er hinke, weil er einen Bocksfuß habe. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, seine Geigensaiten seien aus den Gedärmen einer ermordeten Geliebten gesponnen.

Im 20. Jahrhundert wurde der Virtuosenkult nicht mehr mit übernatürlichen Fähigkeiten in Verbindung gebracht, sondern vom Fortschrittsoptimismus der Moderne gespeist im Sinne des sportiven Schneller-Höher-Weiter oder des Toyota-Werbeslogans: »Nichts ist unmöglich«. Thomas Zehetmair, der vielleicht eigenwilligste Geigenheld unserer Tage, durchstreift die Welt des Virtuosentums wie ein ödes Niemandsland, in dem aller Übermut und alle Utopien verdorrt sind. Warm ums Herz wird einem beim Hören dieser Paganini-Capricen nicht.

Niccolò Paganini: 24 Capricen
Thomas Zehetmair (Violine), ECM 2124

 
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