Folkmusik

Geister der Landstraße

Mit seinem »Charlie Poole Project« erinnert Loudon Wainwright III an einen fahrenden Sänger und Pionier des amerikanischen Liedguts

Gemeinsam haben sie vieles: den Freiheitsdrang, den Schlag bei Frauen, das gute Aussehen, mit dem sie zumindest in jungen Jahren gesegnet waren. Vergessen wollen wir auch nicht die Schwäche für den Alkohol und den immer wieder vorgetragenen Wunsch, von ihm loszukommen. Vor allem aber war es der Humor, der Loudon Wainwright III sofort für Charlie Poole einnahm: Wer Zeilen wie »The beefsteak it was rare and the butter had red hair« singt, kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein.

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Loudon Wainwright III
Loudon Wainwright III. hat den großen Charlie Poole wiederentdeckt

Loudon Wainwright III. hat den großen Charlie Poole wiederentdeckt

Anfang der Siebziger war’s, als die beiden sich zum ersten Mal begegneten – in Form eines Songs, den ein Freund Wainwrights ihm daheim im Wohnzimmer auf Rhode Island vorspielte. Zu der Zeit konnte der junge Loudon, damals ein schmales Handtuch von Songwriter, nicht wissen, dass er einmal als singender Satiriker und Kopf des inzwischen notorischen Wainwright-Clans zur Institution werden sollte. Woran er sich allerdings ganz genau erinnern will, ist seine Reaktion. Es war nämlich so, dass er a) lauthals loslachen musste und sich b) fragte: Wer zum Teufel schreibt bloß so was? Keine 40 Jahre später halten wir High Wide & Handsome in Händen, Untertitel: The Charlie Poole Project.

Das Ding wiegt schwer wie ein kleiner Backstein, wenn man es öffnet, meint man, in einem vergilbten Tagebuch zu blättern. Und tatsächlich ist das Charlie-Poole-Projekt nicht einfach eine Doppel-CD mit beiliegendem Booklet, es handelt sich vielmehr um das Dokument der Begegnung zweier verwandter Seelen. Über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg treten sie miteinander in Verbindung: auf der einen Seite Wainwright, der Patriarch, der als mittlerweile gereifter Herr der Lieder seinen eigenen Inspirationsquellen hinterherhorcht. Auf der anderen Poole, ein Herumtreiber aus den Zeiten der Großen Depression, der von seinem eigenen Nachruhm nichts wusste und nichts wissen wollte – und sich ebendeshalb vorzüglich zum Vorbild für alle Arten fahrender Sängersleut eignet.

Es ist eine Begegnung im Spiegel der Lieder, die Wainwright mit ein wenig Hilfe von Freunden und Familie heraufklingen lässt. Den Ramblin’ Blues interpretiert er, als wär’s sein eigenes Stück. Er schmettert die Ode auf das lose Leben der Ragtime Annie und gibt mit viel schwarzem Humor Awful Hungry Hash House, die Ballade von der Butter, die im Fass ranzig wird, weil morgen auch noch etwas Essbares im Haus sein soll. Manchmal greift Wainwright das Alte einfach neu auf, manchmal spinnt er den Faden dort weiter, wo Poole ihn fallen gelassen hat, indem er einen eigenen Song in dessen Geiste beisteuert – notgedrungen, denn viel ist nicht bekannt über die Vita dieses Urvaters der Tramps. Man weiß, dass er in North Carolina wirkte, mit Mühe ein Stoppschild lesen konnte, man weiß, dass er das Banjospiel auf einem Instrument für 1,50 Dollar erlernte und dass sein kurzes Leben 1931 mit einem siebentägigen Rausch endete. Seine hauptsächliche Hinterlassenschaft besteht in den Liedern selbst.

Selbst die Lieder allerdings – wie sie geklungen haben, ist auf einer parallel erscheinenden 4-CD-Box mit den Originalaufnahmen zu hören – waren nicht wirklich Charlies Eigentum, er hatte sie bloß von anderen geliehen und ein wenig seinen eigenen Zwecken angepasst. So machte man das damals, als Sänger noch dazu da waren, auf unterhaltsame Weise Neuigkeiten ins dünn besiedelte Hinterland zu bringen. Und weil diese Lieder im Grunde aus einem kollektiven Gedächtnis schöpfen, dem Ursud gewissermaßen, dem die Popkultur entstammt, ist Wainwrights Finde- und Bergeprojekt dann doch mehr als eine persönliche Angelegenheit. Man muss sie als Reise zurück zu den Wurzeln des amerikanischen Songs selbst verstehen: zum Blues, zum Folk, zum Gospel, das mit dem anrührenden A-cappella-Titel The Great Reaping Day vertreten ist. Mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn fürs Detail variiert hier ein Zeitgenosse, was schon bei seinem Vorbild Variation war. Die Moral von der Geschicht: Das amerikanische Lied ist eine demokratische Angelegenheit, es liegt zur Nutzung für jedermann herum, man muss es nur aufzulesen wissen.

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    • Von Thomas Groß
    • Datum 5.11.2009 - 15:04 Uhr
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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    • Schlagworte Kultur | Musik | Folk | Tonträger | Musiker | Gitarrist
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