Martenstein
"Die Natur, die Gesellschaft und der Mensch sind gegen mich"
Harald Martenstein erklärt die Bedeutung von Richard Wagners "Walkürenritt" und stößt auf grundlose Aggressionen eines Porzellantöpfchens, eines Kaktus und eines Soziologen.
© Nicole Sturz
Wie kann ich Ihnen andeutungsweise begreiflich machen, was Richard Wagners Walkürenritt mir bedeutet? Lassen Sie es mich versuchen. Ich öffnete den Kühlschrank. Der Kühlschrank war leer. In der hinteren rechten Ecke des Kühlschrankes aber sah ich ein Porzellantöpfchen, welches mit Alufolie bedeckt war. Da fiel mir die Mousse wieder ein, eine weiße Schokoladenmousse, die es vor sechs oder acht Wochen als Nachtisch gegeben hatte. Ich fand die Mousse bezaubernd, ich wollte sie unbedingt wiedersehen. Doch dann haben die Mousse und ich uns trotzdem aus den Augen verloren. Ich zog vorsichtig die Alufolie ab. Ist es nicht schrecklich, was die Zeit aus uns allen macht?
Ich wollte die mit grauem Schimmel und gelbem Schmodder bedeckte Mousse ins Klo schütten. Dabei glitt mir das Porzellantöpfchen aus der Hand, es fiel in die Toilette und zerschellte. Die mit Mousse, Schimmel und Schmodder bedeckten Scherben lagen im Abfluss, ganz tief drin. Ich krempelte die Ärmel hoch und holte die Scherben, weil ich die Handschuhe nicht fand, mit der bloßen Hand aus den Tiefen meiner Toilette heraus, und wissen Sie, was ich dabei dachte? Ich dachte gar nichts. Danach fuhr ich zu Kaiser’s, um den Kühlschrank wieder zu füllen. Bei Kaiser’s hatten sie ein super Angebot, es gab riesige Kakteen in relativ schönen Terrakotta-Töpfen für 9,99 Euro. Diese Kakteen waren fast einen halben Meter hoch, Mann. Auf einmal bekam ich eine wahnsinnige Lust, einen großen Kaktus zu besitzen. Wissen Sie auch, warum? Einen großen Kaktus muss man selten gießen.
Ich stieg ins Auto und schnallte mich an. An der nächsten Kreuzung musste ich einem Lastwagen ausweichen, der aus der Nebenstraße herausdonnerte, ich riss das Lenkrad herum, es war echt gefährlich, und während ich das Lenkrad herumriss, fiel mir ein, dass ich den Kaktus, diesen riesigen Kaktus, der neben mir auf dem Beifahrersitz stand, nicht angeschnallt hatte. Ich wollte ihn festhalten, ich streckte die Hand aus, es war ein Reflex, das war automatisch. Ich fasste, mit derselben Hand, die gerade erst schleimige Scherben berührt hatte, volle Kanne in den Kaktus hinein, ja, klar, weh tat das schon, aber ich musste auf den Verkehr achten, und der Kaktus ließ sich auch überhaupt nicht beeindrucken, er flog einfach weiter durch das Auto und zerplatzte am Armaturenbrett. Kennen Sie das Sprichwort? Reisende soll man nicht aufhalten. Nun waren das Auto, innen, und ich, außen, über und über mit Kaktuserde und Kaktusstacheln bedeckt.
Am Abend nahm ich an einer Podiumsdiskussion über Architektur teil. Der einzige Mensch, dessen architekturkritische Ansichten ich hundertprozentig teile, heißt Prinz Charles. Der Kölner Dom sieht, für meinen Geschmack, zu modern aus. Ich will, dass die Architekten wieder Schilfhütten und Pfahlbauten errichten, bin so reaktionär, dass es schon wieder Avantgarde ist. Nach der Diskussion kam ein Soziologe auf mich zu und fing an, mich zu beschimpfen, ich sei ein Depp, ein schlechter Journalist, ein Kleinbürger. Ja und? Das stimmt alles. Ich bin ein Kleinbürger, ein Depp, ich bin der schlechteste Mensch der Welt, aber ich habe recht. Und das ist in politisch-ästhetischen Fragen wohl immer noch die Hauptsache. Dann dachte ich nach. An einem einzigen Tag waren mir ein Porzellantöpfchen, ein Kaktus und ein Soziologe grundlos aggressiv entgegengetreten, das heißt, die unbelebte Welt, die Natur, die Gesellschaft und der Mensch sind gegen mich. Die Musik aber kann keiner mir nehmen.
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- Datum 8.10.2009 - 08:50 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEIT Magazin Nr. 42, 08.10.2009
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Harald Martenstein:
"Ich bin ein Kleinbürger, ein Depp, ich bin der schlechteste Mensch der Welt, aber ich habe recht."
Wer wie Harald Martenstein einen schlechten Geschmack hat, hat niemals recht.
... oder so ähnlich (IRONIE !!!).
Toll, wieder etwas von Ihnen im Internet zu lesen - nachdem ich das Zeit-Abo gekündigt hatte, fehlte mir bislang etwas: Ihre durchgeknallten Texte!
Gruß aus hess-Absurdistan
B.
Na, und welche Musik ist das nun? Wirklich nur der eingangs erwähnte Wagner-Hit?
Sehr geehrter Herr Martenstein,
Sie haben vergammeltes Essen ins Klo geschüttet. Da müssen Sie sich nicht wundern, mit Soziologen und anderen Kakteen Schwerstkollisionen zu erfahren. Zum Wundern ist es, dass die von Ihrem Essen angelockten Ratten Ihnen die Fähigkeit beließen, dies noch zu erleben. Seien Sie dankbar!
Mit hygienisierenden Grüßen
Joachim Krüger
Als ich das Magazin flüchtig durchblätterte, erwartete ich aufgrund der Illustration eigentlich eine Kolumne über behaarte Penisse.
Nichts für ungut.
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