ZEIT-Museumsführer (23) Bilder, die uns packen
In schöner Distanz zur Stadt Kassel und ihren Wunden liegt das Schloss Wilhelmshöhe. Hier versammeln sich die Alten Meister: Tischbein, Tizian, Cranach, Rubens, Rembrandt, um nur einige Namen zu nennen.
Es ist das Schicksal der Stadt Kassel und also leider auch ihrer Sammlung Alter Meister, dass man häufiger an ihnen vorüberfährt, als sie zu besuchen. Nicht der geografischen Lage ist das geschuldet, eher schon einer Reihe historischer Ereignisse, die nichts weiter gemeinsam haben, als dass sie außerordentlich kasselfeindlich gewirkt haben – napoleonischer Kunstraub, Preußens Eroberungen im 19. Jahrhundert, Bombenkrieg, Zonengrenze, um nur einige zu nennen. Sie tragen bis heute dazu bei, dass die Stadt, obwohl in der Mitte Deutschlands gelegen, wie es mittiger kaum geht, dennoch als irgendwie randständig empfunden wird.
Auch der ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe hat das nicht grundlegend ändern können. Dabei ist es von dort ein Spaziergang hinauf zum Schloss Wilhelmshöhe und damit zu einer erlesenen Sammlung flämischer, holländischer, italienischer und deutscher Malerei. Von der Antikensammlung und den grafischen Schätzen gar nicht zu reden. Muss mit Namen geklingelt werden? Ja, es muss. Kein Lärm ist zu schade, um die Stille um Kassel ein wenig zu stören. Jacob Jordaens! Jan Steen! Anton van Dyck! Tischbein! Tizian! Cranach! Rubens! Rembrandt! Frans Hals!

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Bilder, wenn sie uns wirklich packen, sind Fenster. Durch sie schauen wir in fremde Zeiten, Welten, Träume. Manche fordern den Vergleich geradezu heraus. Den biblischen Dulder Hiob, von seinem Weibe verspottet, gibt es in Kassel zweimal. Einmal venezianisch: Eine warzige Matrone attackiert den nackten, mit Plagen geschlagenen, dabei aber hell, ja erleuchtet wirkenden Gottesknecht. Und dann Antonio Zanoni zugeschrieben: Jetzt ist Hiobs Frau jung und schön und er selbst voll blutiger Schwären, dunkel und verloren ist er, überhaupt nicht hell – das begreifen wir Heutigen besser. Wer wollte für seine Idee, seinen Glauben gar, vor dem Gericht von Jugend und Schönheit stehen?
Und dann ist da dieses Porträt von Frans Hals. Gewöhnlich schauen wir die Bilder an, nicht sie uns. Beim Mann mit dem Schlapphut ist es anders. Er dreht sich auf seinem Stuhl herum, schaut uns an, lässig, herausfordernd, als wollte er sagen: »Mich hättet ihr jetzt nicht erwartet, wie?« Und es ist nicht nur die Figur und ihr Blick, es ist das Bild selbst. Die lässige, herausfordernde Malweise, wie mit dem Pinsel gezeichnet, lässt es so frisch, beinahe heutig wirken. Eine malerische Kühnheit um 1660, die durch die Zeit dringt, unsere Sehgewohnheit schüttelt.
- Datum 12.10.2009 - 15:33 Uhr
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- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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