ZEIT-Museumsführer (23) Bilder, die uns packenSeite 2/2
Zu verdanken ist die Sammlung Alter Meister zuallererst einem einzelnen Mann und seinem Sinn für Kunst, einem Fürsten des 18. Jahrhunderts. Landgraf Wilhelms VIII. Geschmack und seine Kontakte zu Kunsthändlern in ganz Europa, aber auch zu Malern waren ausgezeichnet. Und wo er sich nicht sicher war, war er uneitel genug, sich von Experten beraten zu lassen. Sein Sohn Friedrich setzte das Sammelwerk fort, was dem Vater wohlgefiel, bis herauskam, dass der Erbprinz katholisch geworden war. Das Zerwürfnis folgte, und der künftige Landgraf wandte sich – paradoxerweise als Katholik – von der Bilderlust des Alten ab und warf sich auf Antiken. Wilhelm starb, fern von seinen geliebten Bildern, 1760 in Rinteln an der Weser auf der Flucht vor französischen Truppen.
Keine 50 Jahre später standen diese wieder im Land, nun unter Napoleon, und diesmal räumten sie Kassels Gemäldegalerie leer. Erst 48 Hauptstücke für die Kaiserin Joséphine, dann weitere 299 Gemälde für den Louvre. Und als Jérôme, Napoleons Statthalter in Kassel, schließlich floh, nahm er noch einmal 165 Bilder mit. Zwar konnte Jakob Grimm nach dem europäischen Sieg über Napoleon einen großen Teil der geraubten Bilder aus Paris wieder nach Kassel holen, aber manches blieb verloren. Nur das Schicksal eines minder wichtigen Fürstenhauses in einer Zeit neuer Großmächte? Ja, und doch Vorspiel zu den Verheerungen und Untergängen des 20. Jahrhunderts, die auch Kassel, seine Galerien, Schlösser, die ganze Stadt ereilten.
Heute wird die immer wieder ergänzte Sammlung – in schöner Distanz zur Stadt und ihren Wunden – im Schloss Wilhelmshöhe auf drei Etagen gezeigt. Das Schloss liegt auf halber Höhe im Bergpark, und an manchen Sommerabenden ziehen die Kasseler in Scharen hinauf zu ihren Bildern. Wenn sie dann zwischen zweien ein Fenster finden und hinunter auf ihre Stadt im Mondlicht schauen, dann ist es, als sei auch sie nur ein Bild und alles gar nicht so schlimm.
- Datum 12.10.2009 - 15:33 Uhr
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- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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