Neues Museum Berlin Geschunden schön
Es ist das kulturelle Großereignis des Jahres – sieben Jahrzehnte nach der letzten Schließung wird in Berlin das grandiose Neue Museum wiedereröffnet. Das wichtigste Exponat: Unser aktuelles Geschichtsbild
Elf Jahre lang Baustelle, und was ist draus geworden: Das Neue Museum zu Berlin sieht älter aus als je zuvor. Die Fassaden versehrt, verwittert, die Säulen angegraut, geborsten und rissig, man könnte meinen, dieses Haus stamme aus dem 19. Jahrhundert – vor Christus. Das Neue Museum hat sich archäologisiert, es ist zu einer Art Grabungsstätte geworden, zu einem Kunst- und Kulturhaus, das wundersamer nicht sein kann.
Am 17. Oktober wird es fürs Publikum geöffnet, ein Museum, das 70 Jahre lang geschlossen war, das Fliegerbomben zertrümmerten, das zu DDR-Zeiten weiter verfiel und das nun endlich seine Schätze wieder ausbreiten kann: Faustkeile und Schädel aus der Höhlenzeit, Grabkammern und Königsköpfe aus Ägypten, Schliemanns Silberfunde aus Troja, dazu keltische Schwerter, römische Götter, mittelalterliche Götzen, jede Menge Renaissanceschönheiten und sogar ein Stück Stacheldraht von der Berliner Mauer, jüngst ergraben. Ob Kult, Kunst oder Alltag, ob Ur- oder Neuzeit – dieses Museum wagt wie kaum ein anderes den weiten Überblick. Selbst jenes Bild ist hier zu besichtigen, das sich die Deutschen von sich selbst und ihrer Geschichte machen.
Einst kündete dieses Geschichtsbild vom ewigen Fortschritt, er durchzog das gesamte Haus, und jeder, der es betrat, sollte mitgezogen werden, aus der Steinzeit immer weiter hinauf, durch Antike und Renaissance bis hinein in die glorreiche Gegenwart. Angeregt von Hegels Philosophie, erschien hier die Menschheitsgeschichte als geradlinige Entwicklung, als unaufhaltsamer Aufstieg – und selbstverständlich war Preußen die Krönung allen Strebens. Das Museum, ein Ort staatlicher Selbstinszenierung.
Davon erzählten vor allem die zahllosen Wandbilder, über die damals viele Zeitgenossen mehr staunten als über die ausgestellten Urnen, Ketten oder Jadebeile. So mussten die Exponate auch nicht unbedingt echt sein, man fand nichts dabei, Repliken unter die Originale zu mischen. Denn worauf es ankam, war Narration: Der experimentierfreudige Friedrich August Stüler hatte Mitte des 19. Jahrhunderts das Museum als Bühne gestaltet, auf der in wechselnden Szenen mal das Pharao-Ägypten, mal das antike Rom gegeben wurde, stets in lukullisch ausgemalten Kulissen mit Säulen im passenden Dekor.
Und heute? Heute stellt sich das Museum in den Dienst der Wahrhaftigkeit. Es will keinen Bühnenzauber, es will die wahre Geschichte, nichts soll verschwiegen werden. So hat der englische Architekt David Chipperfield mit seinem Team fast alles erhalten, was noch da war, jeden smaragdgrünen Putzrest, jeden Haarriss in den Säulen, und so kann nun selbst der ungläubige Thomas schon an der Außenfassade die Einschusswunden betasten, der Krieg wird gegenwärtig. Sehr zum Ärger mancher Berliner wollte Chipperfield das wahre Alte nicht mit einer Schicht von neuem Alten zudecken. Stets bleibt bei ihm das Original kenntlich, allenfalls vorsichtig wird es ergänzt. Einzig dort, wo ganze Wände, ganze Trakte fehlten, fährt Chipperfield harte Kontraste auf und baut moderne Räume aus mächtigen Betonplatten.
Im Museum ist es dadurch noch bunter, noch abwechslungsreicher geworden als ehedem. Mal ist die Stimmung dramatisch, dann wieder lieblich verspielt, mal staunt man über die raffinierten Konstruktionen der alten, mal über die Wucht der neuen Architektur. Und fast könnte man meinen, die Ausstellungsstücke wären nur störendes Beiwerk. Doch anders als von vielen befürchtet, können sich die meisten Exponate gut behaupten. Klug gestaltete Vitrinen binden die Aufmerksamkeit, eindrücklich gruppierte Skulpturen ziehen alle Blicke auf sich. Oft lassen sich die Kuratoren von den alten Leitthemen des Stüler-Baus inspirieren, etwa im Griechischen Saal, wo ein Wandfries die Flucht der Pompeji-Bewohner schildert und zeigt, wie sie am Ende ein neues Zuhause, eine neue Ordnung finden, gütig aufgenommen vom Museumsdirektor und dem Architekten. Dazu passend stehen heute Reliefs und Skulpturen im Saal, die davon erzählen, wie die Menschen unterschiedlichster Epochen versuchten, sich die Welt ordnend zu erklären.
So gibt es im neuen Neuen Museum viel Zusammenspiel, viele rasante Blickschneisen, etwa von der Nofretete quer durch die Jahrhunderte hinüber zu Helios, von einer Sonnenherrschaft zur nächsten. Und nur manchmal, bei den delikaten Kalksteinreliefs aus dem alten Ägypten mit ihren Fischen und Ziegen, den Jägern und Bierbrauern, fühlt sich das Auge abgelenkt, weil gleich dahinter eine zappelige Backsteinwand gen Himmel steigt.
Oft ist es umgekehrt: Der gut gepanzerte Torso eines römischen Kaisers verschmilzt fast mit der scheckigen Rückwand, so fein sind beide farblich aufeinander abgestimmt. Und ähnlich sehen viele Objekte aus, als wären sie just für diesen Ort gemacht. Oft tragen sie die Schrammen der Geschichte, sind nicht perfekt, nicht heil, so wenig wie das Museum selbst. Die »grösstmögliche Harmonie mit den aufzustellenden Gegenständen«, von der Stüler träumte – es gibt sie noch immer.
Nur waren es damals begehbare Geschichtspanoramen, in die sich Sarkophage oder Vasen nahtlos einfügten. Jetzt sind alle Kulissen, alle Geschichtsillusionen durchlöchert, und die Reste dieser Illusionen werden wie kostbare Antikenrelikte erhalten. Es sind Fragmente einer Täuschung, präpariert als höchst authentische Geschichtsdokumente. Gerade aber dank dieser paradoxen, unecht-echten Darbietung erzählt auch das Neue Museum des Jahres 2009 eine Geschichte: über das stets unzulängliche Bemühen der Forscher, aus tausend Bruchstücken eine historische Wahrheit zusammenzupuzzeln. Die große, alles überspannende Erzählung ist zerborsten, davon zeugen die Museumswände. Geblieben aber ist die Faszination, der Vergangenheit nachzuspüren, auch wenn hinter den vermeintlichen Originalquellen – den Stüler-Überbleibseln – kaum je eine abschließende Erkenntnis wartet.
Während das 19. Jahrhundert über die Zeit herrschte, derart selbstgewiss, dass es meinte, selbst die höchsten Kunstwerke nachschöpfen zu können, besser als das Original, steht das Neue Museum der Gegenwart im Zeichen der Demut. Es zeigt offen sichtbar die Grenzen, die Vorläufigkeit unseres Wissens. So gesehen ist Chipperfields Bestandsaufnahme akribisch-wissenschaftlich und gibt sich doch als eine Form von Interpretation zu erkennen.
Es ist eine sehr verlockende Form, in der sich nicht nur die Hermeneutik von Archäologen und Historikern reflektiert, sondern interessanterweise auch etwas vom Wesen der ausgestellten Kunstwerke. Viele verdanken sich ja dem Wunsch, das Ende, den Tod zu überwinden. Gerade die überbordende Kunst der Ägypter wäre ohne das Streben nach ewigem Diesseits nicht entstanden. Im Museum, einer modernen Form der Grabkammer, scheint sich dieser Traum zu erfüllen, wenn auch abermals in einem paradoxen Sinne. Die Ruinenhaftigkeit des Bauwerks zeugt einerseits von der Vergänglichkeit alles Irdischen; anderseits wird hier alles Vergängliche unvergänglich. So tröstet das Museum über die Endlichkeit hinweg – gerade indem es seine Wunden herzeigt, verheißt es das Überzeitliche.
Daran kann man sich durchaus stören, war es doch der Zweite Weltkrieg und nicht irgendein böses Schicksal, der hier seine Spuren hinterließ. Das Begütigende, das aus Chipperfields Gestaltung spricht, die hingebungsvolle Sorge um jeden Rußfleck, scheinen den Schrecken ins Universale zu wenden. Man kann hier diesen Schrecken bestaunen, sich an seiner buntscheckigen Schönheit erbauen, kann sich wohlig gruseln an der vermeintlichen Tragik. Aus Kriegswunden wird eine Einladung zum ästhetischen Genuss.
Doch wie sollte es anders gehen? Wer die Wunden zeigen will, muss sie darbieten, muss ästhetisieren, egal, ob er die Ruine dramatisiert oder in ihr weiterbaut. Auch ist das Museum kein Mahnmal, und wer in ihm nur ein Kriegszeugnis sieht, beraubt die großartigen Sammlungsstücke ihrer eigenmächtigen Wirkung. Nein, am Ende haben Chipperfield und seine Bauherren dieser schier unlösbaren Aufgabe das einzig Richtige abgetrotzt. Das Museum nimmt sich nicht wichtiger als die wunderbar dargebotenen Objekte, die es ausstellt; doch setzt es jeden, der sehen will, auf die Spur, auch nach der Geschichte des Museums selbst und damit nach der jüngeren Vergangenheit zu fragen. In den meisten Sälen geschieht das nur en passant, dort wirkt die Geschundenheit oft wie Dekorum. Doch im Mittelpunkt des Museums, im kolossalen Treppenhaus, wo einst Fresken das heroische Werden des Menschengeschlechts demonstrierten, dort rückt auch Chipperfield seine historische Botschaft in den Vordergrund. So gut wie nichts ist geblieben von der Kunst, die hier einst zu sehen war. Dafür durchmessen gewaltige Betonplatten den Raum, eine archaische, in kaltes Licht getauchte, überaus zeichenhafte Inszenierung. Hier manifestiert sich in aller Deutlichkeit der selbst verschuldete Verlust, den das Gebäude erlitten hat. Ein unverrückbarer Verlust, von ägyptisierender Ewigkeit.
Nur wer die Augen zusammenkneift, wer im warmen Tageslicht diese monumental-minimalistische Treppenskulptur in den Blick nimmt, dem kann das Bleibende mit einem Mal sehr vorläufig vorkommen. Was eben noch Beton war, sieht aus wie Pressspanplatten. Und so zeigt sich selbst hier die Ambivalenz als die eigentliche Stärke dieses Baus: Noch in seiner Beschwörung des Ewigen verliert er nie das Bewusstsein fürs Vergängliche.
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- Datum 16.10.2009 - 15:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Hanno RAUTERBERG schreibt, das Neue Museum in Berlin habe sich archäologisiert: Es sei zu einer Art „Grabungsstätte“ geworden, „zu einem Kunst- und Kulturhaus“. Grabungs-Stätten werden von KUNST-Archäölogen sicherlich kulturell-historisch untersucht: Ob Kult, Kunst oder Alltag, ob Ur- oder Neuzeit – dieses Museum bietet sich m.E. an (evolutionär betrachtet) – in ihm zu untersuchen, ob etwa KUNST-„Fragmente“ als „fehlende Bindeglieder“ in Entwicklungs-Reihen einzuordnen sind. „Ida“ wurde z.B. in der Grube MESSEL als „wichtigster Fund seit 47 Millionen Jahren“, der „alles ändern wird“ (ZDF) deklariert. IDA könnte an jener Zweigstelle zwischen Menschen und Menschenaffen das mystische „Bindeglied“ besetzen. Sicherlich gibt es im Berliner Museum „KUNST-Fossilien“, die ein „missing link“ darstellen. Es gibt zwangsläufig lückenhafte Ketten von Beweisen innerhalb der Evolutions-Forschung in der KUNST-Forschung. Solche Funde geben uns Hinweise auf Übergänge. Geht man von der These einer „Evolutionisierung“ der „Kunst“ aus – will Stammbäume für Zeichnung, Malerei- und Sklupturen-Entwicklung aufstellen – so sind „Evolutionsprinzipien“ (Auslese, Anpassung etc.) zu diskutieren. Zum Thema EVOLUTIONISIERUNG und „Kunst“ mehr in http://www.kunstgeschicht....
Ob „EVOLUTION“ in den ›Kanon‹ der Kunstgeschichte eingehen wird und sich eine Evolutionäre Ästhetik (Erkenntnis-Ästhetik) einmal in der New Art History erfolgreich etablieren sollte, wird diskutiert.
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