Südostasien Eine Kaskade von Beben

Die Erdkruste in Südostasien steht unter Spannung, die Häufung von Katastrophen ist kein Zufall. Experten warnen vor einem Erdbebensturm – ein aus der Geschichte bekanntes Phänomen.

Während die Inseln Samoa und Sumatra nach den Naturkatastrophen vom 29. und 30. September noch immer in Trümmern liegen, bebt die Erde unter Wasser erneut

Während die Inseln Samoa und Sumatra nach den Naturkatastrophen vom 29. und 30. September noch immer in Trümmern liegen, bebt die Erde unter Wasser erneut

Ein Erdbeben verheert Sumatra; tags zuvor ein Seebeben mit Tsunami vor Samoa. Kommen, wie in der vergangenen Woche, zwei Katastrophen zeitlich so nah zusammen, schauen die Geologen noch genauer als sonst auf ihre Messgeräte und fragen sich: Haben die Ereignisse miteinander zu tun?

Gegen einen Zusammenhang spricht die Distanz. Über Tausende Kilometer hätten sich die Spannungen in der Erdkruste von Samoa bis Indonesien fortpflanzen müssen. Allerdings kamen die Schläge auch nicht überraschend; sie ereigneten sich an der gefährlichsten Nahtzone der Erde – dem sogenannten Feuerring. Am Rand des Pazifischen und des Indischen Ozeans ruckeln mächtige Erdplatten ins Erdinnere (siehe Grafik), was den Boden häufiger als anderswo erzittern lässt.

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Und das Schlimmste, darauf deuten die aufwendigen Messkampagnen an den neuralgischen Punkten der Erdkruste hin, könnte noch bevorstehen. Im Maschinenraum der Erde herrscht derzeit besonders große Unruhe – und auf Indonesien könnten weitere Starkbeben zukommen.

Keine fünf Jahre ist es her, dass ein gewaltiges Beben jenen Tsunami auslöste, der an den Küsten rund um den Indischen Ozean über 230.000 Tote forderte. Betrachtet man die Abfolge der Erschütterungen über einen längeren Zeitraum, offenbart sich: Das Land befindet sich vermutlich in einem sogenannten Erdbebensturm, einer Folge schwerer Beben binnen weniger Jahre. »Es drohen weitere Tsunamikatastrophen«, sagt John McCloskey von der University of Ulster in Nordirland.

Erdbebenstürme sind von unerbittlicher Gewalt, sie können ganze Kontinente dem Erdboden gleichmachen. Zweimal haben solche Beben-Kaskaden die Küsten des Mittelmeers verwüstet: Von 1225 bis 1175 vor Christus gingen 47 bronzezeitliche Städte im Nahen Osten und am östlichen Mittelmeer zugrunde.

Auch im 4. nachchristlichen Jahrhundert fielen Metropolen reihenweise, von Palästina bis Sizilien. In zwölf Jahren hatte es elf vernichtende Starkbeben gegeben. Vielerorts finden sich Spuren, die zeigen, dass sich der Boden um das Jahr 365 herum mehrfach schlagartig um bis zu zehn Meter gehoben hat.

Die Häufung von Starkbeben damals kann kein Zufall gewesen sein. Ein systematischer Umbau in der Erdkruste müsse stattgefunden haben, meinte vor ein paar Jahren der amerikanische Seismologe Amos Nur – und prägte für das neu entdeckte Phänomen den Begriff Erdbebensturm. Das Katastrophenstakkato ist glücklicherweise selten. Es trete lediglich an Erdplattengrenzen auf, an denen die Bruchzonen so gut miteinander verbunden seien, dass ein Beben das nächste auslösen könne, erläutert Ross Stein vom Geologischen Dienst der USA.

Solche Plattengrenzen verhalten sich wie die Knopfleiste des Hemdes über einem Bierbauch: Reißt ein Knopf ab, geraten die anderen unter größere Spannung. Kracht es in der Erde entlang solch einer Bruchzone, dann hört das Beben erst auf, wenn sich die Gesteinsspannung entlang der gesamten Plattengrenze gelöst hat.

Südlich von Indonesien liegt ein besonderer Unruheherd. Der Meeresboden ist dort in ein Mosaik aus Millionen Tonnen schweren Paketen zersprungen. Die Felsschollen sind kilometerdick, manche umfassen die Fläche mehrerer deutscher Bundesländer. Sie geraten von Süden her unter Druck, weil sich die Indische Erdplatte mit einer Geschwindigkeit von fünf Zentimetern pro Jahr gegen Indonesien schiebt. Wird die Spannung zwischen den Reibungsflächen zu groß, bricht das Gestein – es bebt.

Seit der Tsunamikatastrophe am 26. Dezember 2004 ist der Meeresboden vor Indonesien nicht zur Ruhe gekommen. Alle paar Wochen bricht das Gestein mit ungewöhnlicher Wucht. Die Bebengefahr vor Sumatra sei größer denn je, berichtet John McCloskey.

Denn bei Erdbeben verschiebt sich dort die Spannung ans Ende des Bruchs – wie bei einer Reihe umfallender Dominosteine. Nach den Beben der vergangenen Jahre stehe nun das bislang verschonte Gestein unter erhöhtem Druck. In manchen Regionen vor der Küste Sumatras staue sich die Spannung seit mehr als 200 Jahren, sagt McCloskey.

Daher sei es unwahrscheinlich, dass Indonesien eine Bebenpause bekomme, glaubt Kerry Sieh, Geologe am California Institute of Technology (Caltech). Seine Untersuchungen an Korallen und Gesteinen haben gezeigt, dass sich die Spannung vor Sumatra in 700 Jahren dreimal in Schüben abgebaut hat. Im 14., im 16. und im 17. Jahrhundert brach im Meeresboden ein regelrechtes Trommelfeuer los, das jahrelang anhielt.

Mit dem Tsunamibeben von 2004 ist solch ein Katastrophenstakkato offenbar in Gang gekommen. 33 schwere Beben mit einer Stärke von mehr als 6 haben das Land seither erschüttert – eine äußerst ungewöhnliche Häufung von Erdbeben. 14 der Schläge hatten eine Stärke von mehr als 7.

Selbst in Regionen, die bereits erschüttert worden sind, ist der Druck in der Erdkruste noch immer riesig, berichten Geoforscher um Ozgun Konca vom Caltech. Sie haben mithilfe von GPS- und Radarsatelliten die Deformationen des Erdbodens ermittelt und die Messungen mit den Daten über die früheren Starkbeben verglichen. Korallen und Gesteine auf den Inseln um Sumatra zeigen, dass sich der Boden bei zwei Beben 1797 und 1833 großflächig um mehrere Meter gehoben hatte. Die Situation heute, sagt Konca, gleiche derjenigen im Anfangsstadium dieser historischen Ereignisse.

Um die Gefahr einzuschätzen, vermessen Wissenschaftler von Schiffen aus den Meeresboden bis in eine Tiefe von 30 Kilometern. Bereiche an der Grenze zweier Erdschollen, die lange nicht gebrochen sind, gelten als Gefahrenherd. »Je größer diese Zonen, desto stärker die Beben«, sagt Kerry Sieh.

Vor Java haben die Forscher eine lange Bruchzone ausgemacht, die seit dem 19. Jahrhundert ihre Spannung nicht abgebaut hat. Risse sie auf ganzer Länge, gäbe es – wie im Jahr 2004 – einen Schlag der Stärke 9. Ozeanweite Tsunamis könnten auch dann die Folge sein.

 
Leser-Kommentare
    • Kaato
    • 09.10.2009 um 21:20 Uhr

    Die Bevölkerung da unten kann einem schon Leid tun.

    • nesape
    • 14.10.2009 um 18:09 Uhr

    Ich war immer der Meinung der Südamerikanische Kontinent schiebt sich auf die Nazca Platte. Das ist in Ihrer Grafik "Die gewaltigsten Beben am Feuerring" anders dargestellt. Ist das ein Ergebniss der neueren Forschung.

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