Neapel und sein Ruf Hunger nach Kunst

Lichtinstallationen in der U-Bahn, ein Museum für Plastik und geflüsterte Lieder: Das neue Neapel lacht über seinen schlechten Ruf

Blick über Neapel, im Hintergrund der Vesuv

Blick über Neapel, im Hintergrund der Vesuv

Der Bauch von Neapel ist hell, bunt, sauber und sogar ruhig. Eine konzentrierte Stille umhüllt seine Bilder, Installationen, Objekte. Dazwischen fährt pünktlich und beinahe lautlos die U-Bahn, Passagiere bewegen sich hektisch, aber ohne zu drängeln, durch all die Kunst, mit der Neapels Bauch fast so verschwenderisch ausgestattet ist wie die Stadt oben. Nur dass oben das alte Neapel steht. Und unten, quasi im Verborgenen, wächst das neue.

Im alten Neapel gibt es mittelalterliche Kirchen und Burgen, großzügige Plätze und enge Gassen mit Palazzi in den Farben der Sonne: Korallenrot und orangegelb. Es gibt den weltberühmten Blick auf das Meer und den Vesuv und Königsschlösser mit den Schätzen, die Eroberer in 2700 Jahren Stadtgeschichte geschaffen und gesammelt haben – angefangen von den alten Griechen über die Staufer, die Franzosen, die Spanier. Berüchtigt ist die Stadt jedoch als von der Camorra beherrschter Moloch. Wer an Neapel denkt, hat stinkende Müllberge vor Augen, die eine jahrtausendealte Kultur unter sich begraben. Der letzte große Abfallnotstand war vor anderthalb Jahren. Für die meisten Touristen ist Neapel bis heute nur eine Gruseletappe auf dem Weg nach Ischia, Capri und Amalfi.

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Doch wer für diesen quicklebendigen Image-Kadaver ein bisschen mehr übrig hat als die übliche Schrecksekunde, fährt am besten erst einmal eine Runde U-Bahn. Vielleicht sogar den ganzen Tag, von einer Haltestelle, von einer Kunststation zur anderen, um irgendwann die bedrohliche Stadt im eigenen Kopf zu vergessen.

Die einzigartige Galerie gibt es seit 2002, die Arbeiten von 90 Künstlern, teilweise weltberühmt, werden hier ausgestellt, und sie soll noch größer werden. Auch die Bahnhöfe in der Peripherie bekommen Bilder. Die neue Station Monte Sant’Angelo am westlichen Stadtrand wird der angloindische Bildhauer Anish Kapoor gestalten. Den Eingang plant Kapoor als roten Schlund, der die Fahrgäste aufnehmen soll wie der Krater eines Vulkans. Heute ist davon noch nichts zu sehen.

Es gibt genug andere Werke in der großen Kunstausstellung Metropolitana, für die man immer wieder retour fahren möchte: Für das Foto Duemilauno von Donatella di Cicco an der Haltestelle Rione Alto zum Beispiel, ein Mann schließt seinen roten Fiat vor einem Berg von Schrottautos ab. Oder für Joseph Kosuths neonhelle Lichtinstallation Die unsichtbaren Dinge in der Station Dante, die die bekannte Architektin Gae Aulenti entworfen hat. Oder für Sol LeWitts bunte Farbraster in den Wall Drawings in Materdei. Über den Rolltreppen verwirrt dann ein wandfüllendes Mosaik von Luigi Ontani die Sinne: Schwimmer und Sirenen im türkisfarbenen Meer. Ist das der Ausgang aus dem Bauch einer Stadt, oder wollen einen die Nixen gleich wieder runterziehen in die Wasser des Golfes?

Oben geht es dann erst einmal noch ein bisschen weiter mit der Kunst. Den Platz über der Station Materdei umrahmen große Keramikbilder, eine Mosaikpyramide und Kunststoffreliefs voller Fabelwesen. Die Neapolitaner haben darauf ihre eigenen Graffiti hinterlassen, große Herzen mit »Ciro und Titty«. Sofort stellt man sich die beiden vor, Ciro und seine Concetta oder Giuseppina, wie sie sich auf einem Keramikbild mit einer großen Sonne verewigen und dann die Via Leone Marsicano weiterflanieren, an deren Ende ein bronzener Richter in blauer Toga steht. Aus seinem Kopf wächst ein großer, rotbunter Karpfen.

Carpe Diem heißt diese Skulptur von Luigi Serafini, ein Wortspiel aus carpe, Karpfen, und dem lateinischen »Ergreife den Tag«. Der Richter steht zwischen Gründerzeithäusern unter Palmen mit Blick auf Gärten mit Rosen, Magnolien. Am Horizont liegt das glitzernde Meer. Man ist auf einem bürgerlichen Hügel über der Altstadt gelandet, zwei Haltestellen von der zentralen Piazza Dante entfernt, wo Neapel wieder wie Neapel aussieht: hektisch, chaotisch und bunt.

»Gott, wie das stinkt!«, ruft eine Frau mit süddeutschem Akzent. Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen, so erregt ist sie, so angeekelt: »Diese Stadt stinkt entsetzlich!« Ja, Neapel hat Eigengeruch. Diese Stadt ist nicht aseptisch. Wenn ihr Bauch einen wieder ausgespien hat, riecht sie nach Katzenkot und Urin, nach feuchtem Pflaster aus Lavasteinen des Vesuvs, nach salziger Meeresbrise, nach Abgasen, Sugo mit viel Knoblauch, starkem Kaffee. Und nach dem eigenen Angstschweiß.

Früher verlieh die Stadtverwaltung Rolex-Uhren aus Plastik, wenn man die echten im Hotelsafe ließ. Heute kann man Haftentlassene als Stadtführer mieten. Es ist ein Geschäft mit der Gruselfolklore, auf Gegenseitigkeit sozusagen. Ein bisschen absurd, ziemlich grotesk, auch so ist Neapel. Das Treiben auf der Via Toledo, die von der Piazza Dante in Richtung Hafen führt, wirkt wie eine große, grelle Installation mit dem Titel »Napoli, Hauptstadt der Übertreibungen«.

Leser-Kommentare
  1. Hut ab, besser kann man "la bella Napoli", wie es heute ist, nicht beschreiben.
    I miei omaggi.

  2. Leider wird der schönen Stadt Neapel durch die eher negative Berichterstattung in Deutschland ein falsches Image beschert. Dieses bezieht sich aber richtigerweise nur auf Meeresverschmutzung, Müllprobleme und die organisierte Kriminalität. De facto gibt es nach wie vor traumhaft schöne Ecken und traumhaft schöne Strandabschnitte bzw. Küstenabschnitte in Neapel. Ich kann nur jedem einmal empfehlen eine Reise dorthin zu machen.

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