Italien Wollt ihr das?Seite 2/2
Ist den Mitte-rechts-Wählern nicht unwohl angesichts der Tatsache, dass ein von zahllosen Problemen geschütteltes und von der Wirtschaftskrise aufs Trockene gesetztes Land, in dem niemand vor Delegitimierung und Diffamierung gefeit ist, sich selbst immer tiefer in den Dreck reitet? Bis zu endgültigem Stillstand und Verfall? Können die Wähler, die mit gutem Recht geglaubt haben, eine Mitte-rechts-Regierung würde ihre Interessen und Überzeugungen am ehesten vertreten, gleichgültig oder gar beifällig zusehen, wie diese Lawine ebenjene für eine Demokratie unerlässlichen Mechanismen unter sich begräbt? Spüren sie nicht, dass wir dabei sind, etwas zu verlieren?
Das Land wird schlecht. Ich weiß, dass es durchaus auch Konservative gibt, die einen derartigen Regelverstoß niemals gebilligt hätten. In den vergangenen, für mich sehr schwierigen Jahren haben viele konservative Mitte-rechts-Wähler mir geschrieben und ihre Solidarität bekundet. Ich habe erlebt, wie sich in meiner Heimat politische Aktivisten des rechten und linken Lagers zusammengetan haben, um den alles beherrschenden Mafia-Clans gemeinsam die Stirn zu bieten. Unter dem Banner von Recht und Gesetz, das beide gleichermaßen als unabdingbar empfinden. Die Wähler der Mitte-rechts-Regierung aufzufordern, ihre politische Orientierung zu ändern, wäre verfehlt. Vielmehr geht es darum, dass sie sich zum Treiben ihrer Repräsentanten anders positionieren.
Es geht nicht um Moral. Kein Politiker muss seinem Land gegenüber Rechenschaft über seine Lebensgewohnheiten ablegen. Doch ein öffentliches Amt macht erpressbar, und insofern garantiert sein muss, dass man seine Amtspflichten allein im Interesse des Staates erfüllt, hat man sich in der Tat für sein Leben zu verantworten.
Die Erpressbarkeit der Politiker ist deshalb so heikel, weil das Land ganz andere Dinge nötig hätte, weil es wichtigere Herausforderungen gibt. Italien ist ein labiler Sonderfall unter den westlichen Demokratien. 2003 stellte der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat John Kerry vor dem Kongress ein Dokument mit dem Titel The New War vor. Darin wies er die drei italienischen Mafiaorganisationen als drei der fünf Faktoren aus, die den freien Weltmarkt manipulieren, und bezifferte die durch die Mafia jährlich in Europa gewaschene Geldmenge auf 110 Milliarden Dollar. Nach Kolumbien stehen in keinem Land der Welt so viele Menschen unter Polizeischutz wie in Italien. In Europa ist es einsame Spitze: In den letzten drei Jahren wurden rund zweihundert Journalisten wegen ihrer Berichterstattung eingeschüchtert und bedroht. Viele von ihnen wurden unter Polizeischutz gestellt. Ausgerechnet, um das Prinzip der freien Meinungsäußerung und der Pressefreiheit zu wahren, bekommen Menschen, die für die Medien arbeiten, Geleitschutz zur Verfügung gestellt. Ich teile das Schicksal dieser meist Unbekannten oder von der öffentlichen Meinung Übergangenen, die für das, was sie geschrieben haben, unter ständiger physischer Bedrohung leben. Auch ich habe erfahren, wie gefährlich die Mechanismen der Diffamierung und Erpressung sind.
Der Drogenboss Rodriguez Orejuela pflegte zu sagen: »Willst du einen Verbündeten, musst du ihn erpressen.« Eine erpressbare und erpresserische Macht, die sich der Einschüchterung bedient, kann unmöglich für eine rechtsstaatliche Demokratie stehen. Noch einmal: Dies ist kein moralisches oder moralistisches, sondern ein rein funktionales Fazit. Gewisse Mechanismen können einfach nicht in Kraft sein, ohne dass das ganze Land Schaden nimmt.
Die Demonstration für die Pressefreiheit in Rom betraf nicht nur Italien. Sie war eine Chance, die öffentliche Meinung für die Gefahr zu sensibilisieren, dass man auch anderswo für das geschriebene Wort mit seinem Ruf und seinem Frieden bezahlen muss. Wir sollten uns noch einmal von Grund auf klarmachen, wie wichtig Pressefreiheit ist. Und diese Freiheit, uneingeschränkt berichten zu können, gehört verteidigt, nicht zuletzt im Namen derer, die in Italien und in der Welt für ihre Bemühungen, objektive Informationen zu liefern, mit dem Leben bezahlt haben. Im Namen von Christian Poveda, der vor Kurzem in Salvador ermordet wurde, weil er an einer Dokumentation über die Maras arbeitete, die berüchtigten mittelamerikanischen Banden, die den Drogenhandel zwischen Nord- und Südamerika am Laufen halten. Im Namen von Anna Politkowskaja und Natalia Estemirowa, die wegen ihres Kampfes gegen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien umgebracht wurden. Im Namen von Peppino Impastato, Giuseppe Fava und Giancarlo Siani, die von der Mafia und der Camorra zum Schweigen gebracht und selbst nach ihrem Tod noch durch den Schmutz gezogen wurden.
Damit in einem demokratischen Land zukünftig niemand mehr seine Meinung zu den herrschenden Verhältnissen mit der Seele, dem Körper, dem eigenen Blut bezahlt.
Das ist Pressefreiheit.
2009 by Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara.
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull.
Roberto Saviano ist italienischer Schriftsteller und Journalist. Von ihm stammt das Buch Gomorra über die organisierte Kriminalität in Neapel. Es wurde 2008 von Matteo Garrone verfilmt.
- Datum 12.10.2009 - 16:46 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren