Schwarz-gelbe Republik Wie klug ist die FDP?

Wieso fällt es so schwer, ein Gefühl für Schwarz-Gelb zu entwickeln? Warum reden wir nur über Hartz IV? Ein Gespräch mit Heinz Bude

DIE ZEIT: Herr Bude, schon am Wahlabend nahm das Nachdenken über die Niederlage der SPD einen viel größeren Raum ein als der Sieg für Schwarz-Gelb. Warum haben wir noch gar keinen Begriff für das Neue, das da beginnt?

Heinz Bude: Wir haben es wirklich mit einer neuen Entwicklung in der Bundesrepublik zu tun. Bisher lag die kulturelle Hegemonie immer bei SPD und Grünen, die ökonomische bei CDU und FDP. Nun ist unter der Hand etwas passiert, was vielen im linken Lager noch nicht ganz klar ist: Ihnen ist die kulturelle Hegemonie verloren gegangen, also die Deutungshoheit der Lage. Heute ist für viele der Bürgerbegriff ein positiver Bezugspunkt fürs Selbstverständnis. Der Bürgerbegriff aber ist kein linker Begriff.

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ZEIT: Die Linken hatten dafür das Wort von der Zivilgesellschaft, was doch fast dasselbe meint.

Bude: Das war Gerhard Schröders Versuch, an die Mitte ranzukommen. Er musste den Kampf um den Bürgerbegriff aufnehmen. Das war richtig gedacht. Er hat aber den Fehler gemacht, dass das mit der Zivilgesellschaft zu anglizistisch daherkam. Angela Merkel, und das ist ihre große Chance, hat jetzt diesen neuen impliziten kulturellen Konsens auf ihrer Seite.

ZEIT: An welchen Symptomen machen Sie diese Hinwendung zum Bürgerlichen fest?

Bude: Die Leute akzeptieren die Wahrheitszumutung der Krise. Sie wissen, dass wir keine rettende Kollektivinstanz mehr haben, die uns vor den Problemen schützt, sondern dass die Dinge ohne Eigenaktivität nicht zu richten sind. Das bedeutet nicht den Rückzug auf die Eigentümergesellschaft, sondern bringt die Einsicht zum Ausdruck, dass es eine Verbindung zwischen der Eigenverantwortung und der Lösung der Gesamtheitsprobleme gibt.

ZEIT: Also ist der Ausdruck vom bürgerlichen Lager gar kein Anachronismus?

Bude: Es gibt eine fast schon evolutionäre Entwicklung, die wir seit den achtziger Jahren beobachten können: eine zunehmende Stabilisierung von bürgerlichen Selbstinterpretationen – im Sinne von Lebensführungsidealen, die Selbstverantwortung, Selbstbestimmtheit und Selbstsorge prämieren.

ZEIT: Jetzt ist aber doch das Profil der, platt gesagt, Steuersenkungspartei FDP alles andere als ein Synonym für Bürgerlichkeit!

Bude: Das ist das Problem, in dem die Koalition steckt. Alle wissen, dass die euphorische Interpretation der Marktgesellschaft Schiffbruch erlitten hat. Dass es also nicht mehr passt, wenn man »bürgerlich« mit einem Regime der entfesselten Gier oder des reinen Egoismus in Verbindung bringt. Die Menschen wollen keine aggressive Besetzung des Bürgerlichkeitsbegriffs – nach dem Motto: »Die anderen gucken nur nach dem Staat, wir gucken nach uns selbst.«

ZEIT: Dann würden Sie der FDP einen Wandel ihres Selbstbildes zusprechen?

Bude: Sie muss, wenn sie im Takt bleiben will.

ZEIT: Ist dieser Wandel bereits erfolgt?

Bude: Nein, aber Westerwelle ist dabei zurückzurudern. Er weiß, dass er auf die aggressive Version der Eigentümergesellschaft, deren Vertreter es natürlich immer noch gibt, die berühmten modernen Leistungsindividualisten, dass er auf die allein nicht setzen kann. Ich würde nur der Hälfte der FDP-Wähler unterstellen, dass sie nach dem Motto denken: »Ich habe nur meinen Vorteil im Blick, alles andere ist mir egal.« Ich kann bei der Frage des sozialen Ausschlusses in unserer Gesellschaft immer wieder beobachten, dass es da eine moralische Sensibilität bis weit in dieses Lager hinein gibt. Die Leute wissen, dass sie am Ende doch damit zu tun haben, wenn der soziale Zusammenhang bröckelt. Siehe zuletzt München-Solln!

ZEIT: Das heißt aber, dass die FDP trotz Finanzkrise nicht für ihre Deregulierungsrhetorik abgestraft wurde, sondern für ihren Bürgerlichkeitskern belohnt wurde.

Bude: Ja, weil diese Orientierung hin zu bürgerlichen Tugenden und zu einem liberalen Geist bis in die Alltagsmoral vorgedrungen ist.

ZEIT: Woran sehen Sie das?

Bude: Die allgemeine Überzeugung lautet: Es ist gut und richtig, wenn man versucht, auf sich selber zu achten. Wir haben zum Beispiel eine Phase der Umwandlung von sozialem Wohneigentum in individuelles Eigentum. Denken Sie an diese ganzen Baugemeinschaften in Berlin. Die Leute, die zusammen ein neues Haus bauen, sind keine egoistischen FDP-Wähler im Sinne des neoliberalen Klischees. Aber sie sind bürgerlich im Sinne von Eigenregie und Selbstverantwortung. Jetzt gibt es aber ein Problem: Wenn ich das Gefühl habe, dass eine Krankenversicherung das meiste Geld für Leute ausgibt, die nicht auf sich selbst achten, die nicht joggen gehen, die sich nicht gesund ernähren, die sehenden Auges in die neuen Volkskrankheiten reinlaufen, dann frage ich mich, warum soll ich für Leute aufkommen, die für sich selbst nicht aufkommen wollen. Man will damit nicht sagen: »Seht, wo ihr bleibt.« Das wäre, was man mit neoliberal meint. Das ist nicht die herrschende Meinung in Deutschland. Man will nur, dass alle sich so weit selbst bemühen, wie sie können. Deshalb steht die Mehrheit in der Mitte deutungsbedürftig vor der politischen Klasse und sagt: Gebt uns ein paar Ideen dafür, wie dieses bürgerliche Grundmotiv in alltagsmoralischen Unterschieden zum Ausdruck kommt, die man auch politisch zurechnen kann.

ZEIT: Ein solches Politikangebot kann doch genauso gut von den Sozialdemokraten kommen, die sind ja schon länger keine staatsinterventionistische Bevormundungspartei mehr.

Bude: Die SPD hat leider nicht versucht, sich ihren eigenen Erfolg verständlich zu machen. Schröder war ein riesiger Erfolg, und er war Bestandteil der Veränderung der globalen Sozialdemokratie: Tony Blair, Bill Clinton und Schröder gehören zusammen. Das hat nie richtig Akzeptanz gefunden in der SPD. Und weil sie das nicht für sich interpretieren können, haben sie eine große Chance verpasst. Es ist das, was man in den USA mit der Idee eines liberalen Paternalismus verbindet. Dass man nämlich die Idee der Selbsttätigkeit kombiniert mit einem offenen Sorgemotiv für das Allgemeine. Daraus könnte die SPD eine starke Botschaft machen. Dann wäre sie ein Angebot für die sozialmoralisch verunsicherten bürgerlichen Schichten unseres Landes, die nicht als zähnefletschende Alltagsdarwinisten dastehen wollen, aber eine Vorstellung von Selbstverantwortung haben.

ZEIT: Das heißt, die Leute haben die FDP nicht für ihre Marktradikalität gewählt?

Bude: Die FDP hat 14 Prozent erreicht, weil die Leute nicht in einer reinen Rentenempfängergesellschaft leben wollen. In Berlin sind 54 Prozent der Leute Rentenempfänger. 46 Prozent führen ein Leben aus eigenem Erwerbseinkommen. Das kann jeden einigermaßen denkenden Bürger verrückt machen. Da ruft man dann nach einer Partei, die sagt, dass das Geld auch irgendwo erwirtschaftet werden muss.

ZEIT: Haben wir zu viel geredet über Hartz-IV-Empfänger und zu wenig über die Mitte?

Bude: Absolut. Um es pathetisch zu sagen: Die Mehrheit der Deutschen arbeitet hart und hält sich an die Regeln. Es ist nicht wahr, dass die Mehrheit sagt: »Der Ehrliche ist der Dumme.« Dabei sind wir immer noch eine Gesellschaft, in der der Takt von den moralisch sensiblen Schichten vorgegeben wird. Was ich interessant finde, ist, wie sich die IG Metall gerade positioniert. Die will auf keinen Fall in Verbindung mit der Vorstellung von sozialen Unruhen gebracht werden. Weil der klassische Metaller sagt: »Das ist Lumpenproletariat. Wir sind die Kerngruppe des Modells Deutschland, die facharbeiterliche Mitte der Gesellschaft, und wir machen nicht auf soziale Unruhen, wir stellen nicht das Ganze zur Disposition. Wir wollen aber eine mächtige Organisation haben, die auch Ja und Nein sagt.« Das hat die IG Metall unter Berthold Huber in letzter Zeit ziemlich geschickt gemacht. Geduldiges Kapital in Arbeitnehmerhand, das ist doch eine Forderung zur Stabilisierung des Kapitalismus.

ZEIT: Gibt es noch einen Zusammenhang zwischen Milieus und ideologischen Inhalten?

Bude: Natürlich. Die überzogen verstandene Individualisierungstheorie ist falsch. Sie sehen es bei allen Wahlen. Niemand wählt nur nach Interessen, es ist immer eine Korrespondenzentscheidung von alltagsmoralischen Entwürfen und politischer Repräsentation. Das heißt: Ich wähle eine Weltsicht, nicht einen Vorteil. In diesem Sinne gibt es nach wie vor sozialmoralische Milieus, die auf der Suche nach ihrem politischen Ausdruck sind.

ZEIT: Wenn man von den Milieus her denkt, würde man die Wähler der FDP und die der Grünen nahe beieinander sehen, sie ziehen aber doch sehr unterschiedliche ideologische Schlüsse aus ihrer Lebensweise.

Bude: Das ist wahr. Da greift immer noch ein harter Ressentiment-Reflex. Der richtige Grüne hasst das FDP-Klientel, und das FDP-Klientel mit dem 340-PS-Audi hasst den grünen Rechtsanwalt, obwohl sie eigentlich viel mehr miteinander gemein hätten. Ab und an trifft sich der grüne Rechtsanwalt in irgendwelchen Fragen des internationalen Seerechts mit dem Audi-Fahrer. Da kommen die auch gut miteinander aus, finden sich gar sympathisch, aber sowie sie sich wechselweise sagen, »Du bist grün« und »Du bist FDP«, ist Schluss.

ZEIT: Wie kommt es zu dieser Animosität?

Bude: Es gibt so eine Art Selbstmissverständnis des grünen Milieus. Die Grünen sind die Partei der Besserverdienenden und Höhergebildeten, aber ihre Wähler wollen auf keinen Fall als Vorteilssucher und Privilegienträger angesprochen werden. Und anders herum: Der klassische FDP-Wähler findet, dass die Grünen letztendlich hoch gebildete Sozialschmarotzer sind, weil sie vom Wohlfahrtsstaat bezahlt werden als Therapeuten, als Lehrer und als Professoren. Da ist keine Brücke zwischen den beiden. Das ist eine Kampfsituation in der politischen Alltagsästhetik.

ZEIT: Das linksliberale Milieu sah sich ja zumindest ästhetisch immer als überlegen an, während rechts von der Mitte die Stiernackigkeit, gröbere Gesichtszüge und eine gewisse Redeungewandtheit zunahmen. Unter Merkel ist die Union nun urbaner geworden. Wird sich das fortsetzen?

Bude: Ich glaube schon. Die CDU muss sich aber ein paar neue Wege ausdenken. Sie hat zum Beispiel das Problem, sich gerade dort zu modernisieren, wo die modernisierten Fraktionen sich schon in eine andere Richtung bewegen. Wenn junge Frauen heute aus der Falle raus wollen, sich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu müssen, dann heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Kinder dem Staat überlassen wollen.

ZEIT: Ist die Gesellschaft der Mitte familienbewusster als das CDU-Parteiprogramm?

Bude: So ist es. Die mittlere Generation hat pflegebedürftige Eltern und erziehungsbedürftige Kinder, und man weiß, dass am Ende nur die Familie hilft – bei aller Unterstützung durch institutionelle Angebote, die natürlich wichtig sind. Aber es herrscht die Überzeugung, dass die Familie das eigentliche Kraftwerk der Gesellschaft darstellt. Nur hat sich das Aussehen von Familien sehr gewandelt. Viele nichteheliche Lebensgemeinschaften sind stabiler und belastbarer als manche Familie mit Brief und Siegel.

ZEIT: Wer könnten denn die intellektuellen Stichwortgeber für eine solche Konzeption der Bürgergesellschaft sein?

Bude: Die Frage ist, ob die Parteien überhaupt einen Sinn für den Geist haben, der ihnen die Lage der Zeit vor Augen führt. Die FDP jedenfalls steht nach dem Tode von Ralf Dahrendorf intellektuell völlig blank da.

Heinz Bude, geboren 1954, ist Soziologe und Leiter des Arbeitsbereichs »Politik und Gesellschaft der alten und neuen Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung

Das Gespräch führte Ijoma Mangold


 
Leser-Kommentare
  1. Seit ich im FROH!-Magazin das erste Mal auf Heinz Bude gestoßen bin, lese ich seine Kommentare zum politischen und soziologischen Zeitgeschehen sehr gerne. Er eine erfrischende Außensicht, die aus dem intensiven Herausarbeiten des Inneren kommt. Wie können aus diesen Worten Tagen folgen?

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    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    Antwort auf "Erfrischend"

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