Schwarz-gelbe Republik Wie klug ist die FDP?Seite 3/3

ZEIT: Wenn man von den Milieus her denkt, würde man die Wähler der FDP und die der Grünen nahe beieinander sehen, sie ziehen aber doch sehr unterschiedliche ideologische Schlüsse aus ihrer Lebensweise.

Bude: Das ist wahr. Da greift immer noch ein harter Ressentiment-Reflex. Der richtige Grüne hasst das FDP-Klientel, und das FDP-Klientel mit dem 340-PS-Audi hasst den grünen Rechtsanwalt, obwohl sie eigentlich viel mehr miteinander gemein hätten. Ab und an trifft sich der grüne Rechtsanwalt in irgendwelchen Fragen des internationalen Seerechts mit dem Audi-Fahrer. Da kommen die auch gut miteinander aus, finden sich gar sympathisch, aber sowie sie sich wechselweise sagen, »Du bist grün« und »Du bist FDP«, ist Schluss.

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ZEIT: Wie kommt es zu dieser Animosität?

Bude: Es gibt so eine Art Selbstmissverständnis des grünen Milieus. Die Grünen sind die Partei der Besserverdienenden und Höhergebildeten, aber ihre Wähler wollen auf keinen Fall als Vorteilssucher und Privilegienträger angesprochen werden. Und anders herum: Der klassische FDP-Wähler findet, dass die Grünen letztendlich hoch gebildete Sozialschmarotzer sind, weil sie vom Wohlfahrtsstaat bezahlt werden als Therapeuten, als Lehrer und als Professoren. Da ist keine Brücke zwischen den beiden. Das ist eine Kampfsituation in der politischen Alltagsästhetik.

ZEIT: Das linksliberale Milieu sah sich ja zumindest ästhetisch immer als überlegen an, während rechts von der Mitte die Stiernackigkeit, gröbere Gesichtszüge und eine gewisse Redeungewandtheit zunahmen. Unter Merkel ist die Union nun urbaner geworden. Wird sich das fortsetzen?

Bude: Ich glaube schon. Die CDU muss sich aber ein paar neue Wege ausdenken. Sie hat zum Beispiel das Problem, sich gerade dort zu modernisieren, wo die modernisierten Fraktionen sich schon in eine andere Richtung bewegen. Wenn junge Frauen heute aus der Falle raus wollen, sich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu müssen, dann heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Kinder dem Staat überlassen wollen.

ZEIT: Ist die Gesellschaft der Mitte familienbewusster als das CDU-Parteiprogramm?

Bude: So ist es. Die mittlere Generation hat pflegebedürftige Eltern und erziehungsbedürftige Kinder, und man weiß, dass am Ende nur die Familie hilft – bei aller Unterstützung durch institutionelle Angebote, die natürlich wichtig sind. Aber es herrscht die Überzeugung, dass die Familie das eigentliche Kraftwerk der Gesellschaft darstellt. Nur hat sich das Aussehen von Familien sehr gewandelt. Viele nichteheliche Lebensgemeinschaften sind stabiler und belastbarer als manche Familie mit Brief und Siegel.

ZEIT: Wer könnten denn die intellektuellen Stichwortgeber für eine solche Konzeption der Bürgergesellschaft sein?

Bude: Die Frage ist, ob die Parteien überhaupt einen Sinn für den Geist haben, der ihnen die Lage der Zeit vor Augen führt. Die FDP jedenfalls steht nach dem Tode von Ralf Dahrendorf intellektuell völlig blank da.

Heinz Bude, geboren 1954, ist Soziologe und Leiter des Arbeitsbereichs »Politik und Gesellschaft der alten und neuen Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung

Das Gespräch führte Ijoma Mangold


 
Leser-Kommentare
  1. Seit ich im FROH!-Magazin das erste Mal auf Heinz Bude gestoßen bin, lese ich seine Kommentare zum politischen und soziologischen Zeitgeschehen sehr gerne. Er eine erfrischende Außensicht, die aus dem intensiven Herausarbeiten des Inneren kommt. Wie können aus diesen Worten Tagen folgen?

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    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    • DooOdu
    • 18.10.2009 um 7:59 Uhr

    Herr Bodes Kommentar / Interview hebt sich wohltuend von vielen eindimensionalen Beiträgen ab, und ich als Leser habe das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben.

    Antwort auf "Erfrischend"

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