Kommunen in der Krise Sie machen nachts die Straßenlichter aus
Wie die Krise die deutschen Kommunen trifft: Die Metallstadt Solingen muss sparen, kürzen und schließen, um eine Pleite zu vermeiden. Von Jutta Hoffritz
Die Messerfabrik Zwilling hat seit ihrer Gründung 1731 alle Kriege und Krisen überstanden. Die lange rote Backsteinfront in der Innenstadt von Solingen wirkt wie eine Burg – eine Festung, der kein Sturm etwas anhaben kann. Doch der Eindruck täuscht. Hinter der Fassade herrscht derzeit alles andere als Normalität: Der Traditionsbetrieb leidet unter Absatzmangel. Jeder dritte der knapp 700 Beschäftigen in Solingen arbeitet kurz. Angekündigt war das zunächst bis Juli, dann wurde die Kurzarbeit bis zum Jahresende verlängert. Und danach? Dazu will sich bei Zwilling keiner äußern, schon gar nicht öffentlich. "Sie müssen Verständnis haben", heißt es, "die Mitarbeiter sind unruhig genug."
Zwilling ist kein Einzelfall. Theoretisch können Chefs ihre Leute zwar bis zu 24 Monate lang nach Hause schicken, ohne kündigen zu müssen. In der Praxis mussten viele aber schon handeln, und noch weit mehr denken über Stellenstreichungen nach.
Für die betroffenen Städte und Gemeinden hat das dramatische Folgen, auch wenn die Konjunkturpakete es bisher verdeckt haben. Sinkende Gewerbesteuern, gepaart mit steigenden Sozialkosten, sind eine böse Mischung. Bürgermeister gehen inzwischen daran, kommunale Leistungen zu streichen, Zuschüsse zu kürzen, und mancherorts müssen sie ernsthaft überlegen, wie lange sie noch eine Grundversorgung aufrechterhalten können. Besonders gefährdet sind Regionen, die sich auf hochwertige Konsum- und Investitionsgüter spezialisiert haben, Metall-Regionen, typisch deutsche Regionen – wie das Bergische Land.
Alles worauf die Wirtschaftsförderer hier bisher besonders stolz waren, scheint sich nun in der Krise gegen sie zu wenden: Das Dreieck zwischen Solingen, Remscheid und Wuppertal ist nicht nur der älteste Industriestandort des Industrielandes Nordrhein-Westfalen. Es ist auch der am stärksten spezialisierte Metall-Cluster der gesamten Republik. Nirgendwo in Deutschland stellen die Ingenieure, Schmiede, Schleifer und Dreher einen höheren Anteil der Beschäftigen als in dieser Region.
Weil die waldigen Hügel landwirtschaftlich wenig hergaben, dafür aber reich an Erzen waren, begannen die Bewohner schon im Mittelalter ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Schwertern zu verdienen. Und als die Feuerwaffen aufkamen, verlegten sie sich auf Messer und Scheren. Später schenkten sie der Hausfrau die Krups-Küchenmaschine. Und der Knirps-Klappschirm ist ebenfalls ein Kind der bis heute innovativen Region.
"Wir haben die höchste Patentdichte bundesweit", sagt Friedhelm Sträter über einen Erfindergeist, den man sonst in Deutschland eher bei den Schwaben vermutet. Sträter ist Präsident der Industrie- und Handelskammer und vertritt insofern die Betriebe aus Wuppertal, Solingen und Remscheid. Gleichzeitig ist seine Firma auch ein Beispiel dafür, woran die Wirtschaft hier – bei aller Wendigkeit – krankt: Dienstleister gibt es wenige. Die meisten Innovationen fanden in der zyklischen Metallbranche statt.
Auch Sträter selbst, der als Zulieferer von Firmen wie Zwilling und Dreizack begann, hat sich mehrfach neu erfunden. Zum Beispiel in der Krise Anfang der neunziger Jahre. Damals, als die Weltkonjunktur ebenfalls schwächelte und das frisch vereinigte Deutschland seinen Bedarf an Messern made in Solingen gedeckt zu haben schien, hatten Sträters Maschinen Leerlauf. Er überlegte, dass sie neben Klingen-Rohlingen genauso gut andere Werkstücke pressen könnten, und zog den ersten Auftrag aus der Autoindustrie an Land. Wenig später machte er als Kfz-Zulieferer mehr Umsatz denn als Messer-Vorfabrikant.
- Datum 10.10.2009 - 18:05 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Alle Welt redet über das Enegiesparen, nur beim Straßenlicht gibt es seltsame Tabus und irrationale Aufschreie in den Gemeinderäten.
Wieviele gehen von O - 6 Uhr in bürgerlichen Wohngebieten auf die Straße ? Auch in sogenannten Szene-Vierteln liegt die Ursache möglicher Verbrechen bei gründlicher Betrachtung nicht beim Straßenlicht.
Und in diesem Aufsatz wird wieder unterstellt, als wäre das Einsparen beim Straßenlicht das Grausamste schlechthin.
Was haben wir gelernt? Die Krise nützt der Ökologie. Tolles Beispiel für diese These, also, Kommunen, bitte weitersparen an der nutzlosen, unökogischen Festbeleuchtung (und vielleicht fällt Euch noch was anderes ein!)
Was haben wir gelernt? Die Krise nützt der Ökologie. Tolles Beispiel für diese These, also, Kommunen, bitte weitersparen an der nutzlosen, unökogischen Festbeleuchtung (und vielleicht fällt Euch noch was anderes ein!)
Was haben wir gelernt? Die Krise nützt der Ökologie. Tolles Beispiel für diese These, also, Kommunen, bitte weitersparen an der nutzlosen, unökogischen Festbeleuchtung (und vielleicht fällt Euch noch was anderes ein!)
In Solingen gingen schon vor fast 20 Jahren nachts die Lichter aus - glauben Sie mir ich weiss, wovon ich spreche.
Nach 2-jährigem Aufenthalt in Solingen hatte ich 1990 das Glück, einen Job in Stuttgart bekommen zu haben. Dies beendete eine Zeit in einer tristen Stadt. Solingen hing schon damals am Tropf, keine nennenswerte Industrie, weder Kultur noch Atmosphäre bis hin zur Schäbigkeit; in der Innenstadt ein gähnend leerer Platz, der Busbahnhof, das Zentrum selbst durchschnitten von einer zweispurigen Bundesstraße, sodaß die eigentliche City nur durch eine Unterführung erreichbar war. Eine Einkaufsstraße - weitgehend Fehlanzeige, die meisten Geschäfte waren eh in besagter Unterführung zu finden. Sonntags Essen gehen - Fehlanzeige wegen Ruhetag; bis auf eine Ausnahme, das Nudel- und Pizzahaus, ein Abholservice, dessen Besitzer wahrscheinlich innerhalb eines Jahres zum Millionär wurde.
Die Bürger? Im Vergleich zu den Solingern sind die Westfalen, die ja allgemein als stur verschrien sind, reine Frohnaturen.
Und was kam (und kommt heute?) von der Kommunalpolitik und den Bürgern? Ich glaube, eine Antwort hierauf erübrigt sich.
Die Finanzkrise hat schlimme Auswirkungen - einer der schlimmsten ist, daß erfolglose und teils unfähige Unternehmen, Institutionen, Kommunen etc. diese als Alibi benutzen, um die eigene Mängelwirtschaft zu kaschieren und zu entschuldigen - darauf sollte auch in den Medien hingewiesen werden bzw. differenzierter recherchiert und berichtet werden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren