Stilkolumne Breite Schultern für verletzte Seelen
Tilmann Prüfer über den Bedeutungswandel der maskulinen Motorradjacke. Sie verändert sich, genau wie das Männlichkeitsideal, das mit ihr gefeiert wird.
Das Gesetz der Landstraße regiert die Shoppingmeilen. Ob bei Hogan, Nina Ricci, Dolce&Gabbana oder Balmain: Überall dominieren maskuline Motorradjacken mit überbetonter Schulterpartie. Galt in der Mode noch vor Kurzem das androgyne, metrosexuelle Ideal, machen Designer derzeit den Menschen zum Schrank. Seit es Motorräder gibt, ist die zugehörige Oberbekleidung das international gültige Symbol für Rebellentum. Alle bis auf Gandhi haben sich daran gehalten.
Ihre Wurzeln hat die Bikerjacke im Amerika kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Den jungen, aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten gelang es nicht, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Sie bildeten eine soziale Randgruppe, die niemand verstand, weil sie selbst nicht verstand, was sie erlebt hatte. Die jungen Männer hatten nur das Kameradschaftsgefühl aus den Schützengräben in die amerikanische Nachkriegswirklichkeit gerettet. Die ersten Motorcycle-Clubs entstanden, die Rocker erhoben das Unterhemd zur Oberbekleidung und schützten ihre verletzten Seelen mit schweren Jacken. Die Symbolwirkung war so stark, dass nicht einmal das Musical Grease sie verkitschen konnte und auch nicht James Dean, der in Denn sie wissen nicht, was sie tun das Rebellen-Gefühl massentauglich machte.
Die Bikerjacke wurde zum Ausdrucksmittel für störrische Männlichkeit, auch – und vor allem – wenn man gar nicht männlich war: In den achtziger Jahren kam die Bikerjacke auch für Frauen erstmals in Mode. Frauen konnten so Kraft und Selbstständigkeit ausdrücken, der Rock-Chic war geboren. Und im allgemeinen Mode-Revival der achtziger Jahre kommt er zurück. Er ist heute allerdings mehr chic als Rock. Es sind nicht die abgerissenen, in Bandenkriegen aufgeriebenen Jacken, die die Kollektionen dominieren. Vielmehr ist es glänzendes weiches Leder oder sogar Kunstfaser, die beim ersten Zusammentreffen mit einem Motorrad empfindlichen Schaden nehmen würde.
Auch wenn die Motorradjacke ein Wiedergänger der Mode ist, sie kehrt eben nie auf dieselbe Weise zurück. Sie verändert sich, genau wie das Männlichkeitsideal, das mit ihr gefeiert wird. Bei der Show von Dolce&Gabbana etwa zeigten sich die männlichen Models zwar in beeindruckenden Lederjacken auf dem Laufsteg, aber dazu trugen sie – Handtaschen.
- Datum 08.10.2009 - 09:55 Uhr
- Serie Stilkolumne
- Quelle ZEIT Magazin Nr. 42, 08.10.2009
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:











Also die Prototypen für diese Art Kleidungsstück leiteten sich ja wohl von den sogenannten "Bomberjacken" ab und wurden auch so genannt. Das paßt dann auch zum Ursprung aus der Szene der WK-2-Heimkehrer. Motorradjacken ... følliger Blødsind ;-))
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren