Technik im Trend Auch Raucher sind Menschen
Sie müssen nicht in geschlossene Kabinen verbannt werden, offene Modelle erobern den Markt.
Raucher hassen Raucherhäuschen. Vor allem auf Flughäfen und Bahnhöfen werden sie in gläserne Kabinen verbannt, deren Insassen man von außen nur schemenhaft erkennen kann. Dort hinein kann wirklich nur die Sucht einen Menschen treiben – wer drin steht, kann die Fassade vom Genussraucher beim besten Willen nicht mehr aufrecht erhalten. Und wenigstens von außen sieht es auch so aus, als müssten die Raucher jede Minute mit dem Erstickungstod rechnen.
Den mögen ihnen nicht einmal die bösesten aller Nichtraucher wünschen. In einer liberalen Gesellschaft müssen sich Tabakverächter ebenso mit den Rauchern abfinden – wie die Raucher damit, dass sie aus Gesundheitsgründen ins Separee verbannt werden. Wenn sie nicht gleich ganz vor die Tür gehen wollen, unabhängig von Wind und Wetter. Die Frage stellt sich: Kann man Raucher in geschlossenen Räumen und an öffentlichen Orten unter menschenwürdigen Bedingungen und ästhetisch annehmbar rauchen lassen, ohne gegen das Gesetz zum Nichtraucherschutz zu verstoßen?
Die Antwort ist: Man kann. Bald jedenfalls, denn die geschlossenen Häuschen könnten von offenen Systemen abgelöst werden. Bereits jetzt haben viele Hersteller Rauch schluckende und türlose Kabinen, Schirme und Unterstände im Angebot. Aber nicht alle davon schützen die Nichtraucher wirklich zuverlässig.
Dabei könnten dunstige Kabinen durchaus bald zu Relikten aus der Nichtraucherschutz-Frühzeit werden. Denn es gibt Technik, die weit genug fortgeschritten ist, um eine Koexistenz von Rauchern und Nichtrauchern zu ermöglichen. Die Hersteller können sich dies am Institut für Arbeitsschutz (BGIA) in Sankt Augustin zertifizieren lassen. Dort testet der Ingenieur Thomas Hinze – seit einigen Jahren Nichtraucher – die offenen Raucherkabinen, Schirme und Unterstände. Er selbst betritt seine Prüfkammer nur noch mit Atemschutz. »Ich hatte jedes Mal Lust auf eine Zigarette, sobald ich in der Kabine war.«
Seinen Normqualm erzeugt Hinze mithilfe einer eigens entwickelten Vorrichtung. Auf Bodenplatten befestigte senkrechte Stäbe simulieren den Raucher. An jedem Träger ist ein Zigarettenhalter waagerecht in Mundhöhe (165 Zentimeter) und ein weiterer in Ellenbogenhöhe (118 Zentimeter) angebracht. Sicherheitshalber werden immer doppelt so viele Zigaretten angezündet, wie maximal Raucher in die Kabine passen würden.
Damit ein offenes Raucherhäuschen das BGIA-Zertifikat erhält, muss es vor allem die verpestete Luft absaugen, die Hinzes akkurate Abbrennvorrichtung produziert. Abluftsysteme leiten deren Dunst ins Freie, Umluftsysteme müssen den Qualm zusätzlich noch filtern und sämtliche gefährlichen Partikel und Gase daraus entfernen, bevor die Luft wieder in den Raum geleitet wird.
Heißer Rauch steigt naturgemäß nach oben. Trotzdem genügt es nicht, wenn in einer offenen Kabine nur an der Decke Luft eingesaugt wird: Sobald jemand den Unterstand betritt oder ihn verlässt, entstehen Luftverwirbelungen, die den Qualm nach außen tragen können. Manche Hersteller lösen dieses Problem mit Vorhängen aus Luftströmungen, die in der kritischen Zone einen Sog ins Innere schaffen – wo der Qualm dann wieder eingesaugt werden kann.
Gelangt der Qualm erst einmal ins Umluftsystem, muss er eine Reihe von Filtern passieren. Ein einfacher Partikelfilter entfernt zunächst grobe Verunreinigungen wie Haare, Pollen oder große Rußteilchen. Ein nachfolgender Hochleistungsschwebstofffilter scheidet Feinstaub aus der Luft. Die dritte Stufe ist meist ein Aktivkohlefilter, der die Gasmoleküle des Qualms chemisch bindet – nicht zuletzt deshalb der entscheidende Schritt, weil solche Substanzen Träger des typischen Rauchermiefs sind. In dieser Reinigungsphase verschwinden auch Kohlendioxid und Kohlenmonoxid aus der Luft.
Manche Unternehmen setzen statt Aktivkohle auch elektrostatische Filter ein, die nach Hinzes Erfahrung aber zu weniger guten Ergebnissen führen. Als Viertes und Letztes folgt ein Spezialfilter, der krebserregende Aldehyde entfernt. Damit keine der unerwünschten Substanzen ihren Weg zurück in den Raum findet, herrscht im ganzen System Unterdruck. »Am Ende haben Sie saubere Luft«, sagt Wolfgang Josuweit von der hessischen Firma Asecos, die mehrere von der BGIA geprüfte Modelle vertreibt.
Ob das wirklich stimmt, testet Thomas Hinze natürlich auch: Mit einem Partikelzähler überprüft er die Anzahl der Staubteilchen im Prüfraum und in der gefilterten Luft. Außerdem analysiert er die Konzentration der sogenannten »Leitkomponenten«. Das sind Stoffe, die das Filtersystem auf jeden Fall entfernt haben sollte: Kohlenmonoxid, flüchtige organische Kohlenwasserstoffe und Aldehyde. Liegt die Menge dieser Substanzen unter den Grenzwerten des BGIA, erteilt Hinze das begehrte Zertifikat. »Manche Systeme funktionieren, andere nicht so richtig«, lautet sein lakonisches Urteil. Für alle, die es genauer wissen wollen, sind auf einer im Internet einsehbaren Positivliste alle Hersteller und Modelle aufgeführt, die Hinzes Testlauf bestanden haben. Sie tragen modisch-englische Namen wie Smoke ’n’ Go oder Smoke & Talk und sehen alle ungefähr gleich aus: viel Glas, viel Stahl, helles Furnier und viele Aschenbecher. Die Firma Asecos etwa hat eine Rauch schluckende Kaffeebar entwickelt, an der Josuweit zufolge »Raucher und Nichtraucher gemeinsam Kaffee trinken können«.
Was aber auch das raffinierteste offene Rauchabteil nicht verhindern kann: Wie alle Menschen, lassen sich auch die Raucher nicht gerne Vorschriften machen. Stehen sie unter einem offenen Absaugschirm, tendieren sie daher dazu, aus dessen Saugzone abzuwandern. Deshalb hätte ein Kneipenwirt, der eine offene Raucherkabine zum abgetrennten Raucherraum deklarieren wollte, wohl beim Ordnungsamt keine Chance. Und am Flughafen Hamburg gab es so oft Beschwerden von Nichtrauchern über die offenen Qualmstationen, dass diese schließlich durch geschlossene Boxen ersetzt werden mussten.
- Datum 14.10.2009 - 07:23 Uhr
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- Serie Technik im Trend
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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und das meine ich ernst. So viel Aufwand wegen meiner Nikotinsucht. Aber ich denke ein paar Wölkchen ab und zu werden den Nichtraucher nicht krank machen. Oder bekommt er die Abgase der Düsenjets auf den Flughäfen und die Autoabgase beim Aufenthalt in den städtischen Bahnhöfen nicht mit. Hysterie sollte den Nichrauchern ebenfalls peinlich sein.
dann nimmt man Ihnen gar nichts mehr übel.
...sondern der Gesellschaft, die nicht mehr krebserregende Partikel als nötig inhalieren möchte und auch ihr Herzinfarktrisiko minimieren möchte.
Ob es oben genannter Aufwand wert ist (Kosten / Energiebilanz) bzw. ob gläserne Raucherkabinen wirklich menschenunwürdig sind wage ich zu bezweifeln.
Aber, vielleicht sponsert die Tabakindustrie ja ein paar von diesen High-Tech Kabinen an öffentlichen Plätzen, auf dass der Raucher mehr Spaß am Rauchen hat ;)
dann nimmt man Ihnen gar nichts mehr übel.
...sondern der Gesellschaft, die nicht mehr krebserregende Partikel als nötig inhalieren möchte und auch ihr Herzinfarktrisiko minimieren möchte.
Ob es oben genannter Aufwand wert ist (Kosten / Energiebilanz) bzw. ob gläserne Raucherkabinen wirklich menschenunwürdig sind wage ich zu bezweifeln.
Aber, vielleicht sponsert die Tabakindustrie ja ein paar von diesen High-Tech Kabinen an öffentlichen Plätzen, auf dass der Raucher mehr Spaß am Rauchen hat ;)
dann nimmt man Ihnen gar nichts mehr übel.
...sondern der Gesellschaft, die nicht mehr krebserregende Partikel als nötig inhalieren möchte und auch ihr Herzinfarktrisiko minimieren möchte.
Ob es oben genannter Aufwand wert ist (Kosten / Energiebilanz) bzw. ob gläserne Raucherkabinen wirklich menschenunwürdig sind wage ich zu bezweifeln.
Aber, vielleicht sponsert die Tabakindustrie ja ein paar von diesen High-Tech Kabinen an öffentlichen Plätzen, auf dass der Raucher mehr Spaß am Rauchen hat ;)
Raucher sind häufig Nikotinsüchtige, denn sonst würden sich wohl nicht seit der neuen Gesetzgebung sich wohl kaum ganze Heerscharen im Winter, sich unfreiwillig auf dem öffentlichen Strassenlandschamhaft rauchend herumdrücken müsssen. Raucher sind Menschen, aus meiner Sicht meist SÜCHTIGE Menschen die natürlich menschenwürdig behandelt werden müssen. Die in Deutschland aktuell stattfindende Diskreminierung der Raucher (die nach wie vor reichlich Euronen in die Staatskasse spülen), find ich selbst als radikaler Nichtraucher Skandalös und kontraproduktiv. Es trägt nicht wirklich zum gesellschaftlichen Konsenz bei und erzeugt unnötigen Widerstand. Mir fehlt es an klaren öffentlichen Positionen zur Ächtung des Rauchens, sowie an einer Anerkennung des Nikotingebrauchs als Nikotinsucht und damit als Behandlungsfähige und Behandlungswürdige Krankheit, insbesondere auch durch die Kassen. Bitte erlaubt analog zu den Fixerstuben die Raucherstuben mit Luftfilteranlagen, verbannt aber das Rauchen aus dem öffentlichen Raum!
"Aber ich denke ein paar Wölkchen ab und zu werden den Nichtraucher nicht krank machen."
Ich denke einem großen Teil der Nichtraucher geht es weniger um die Schädigung ihrer Gesundheit, denn die dürfte sehr gering bis vernachlässigbar sein verglichen beispielsweise mit Abgasen von Autos. Es geht eher um den unangenehmen Geruch. Niemand hat gerne etwas in der Nase was unangenehm ist, wobei eigentlich kein Grund besteht es riechen zu müssen.
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