Tatort Fernsehen »Vermisst«

Wenn Mario Kopper in der Nudelsoße rührt, vergeht dem Zuschauer der Appetit. Die Ludwigshafener Kommissare müssen aufpassen, dass ihre Namen nicht bald auf der Statistenliste auftauchen

Überholtes Konzept: Kopper (Andreas Hoppe) ist der nichtmännliche Mann und Odenthal (Ulrike Folkerts) die nichtweibliche Frau

Überholtes Konzept: Kopper (Andreas Hoppe) ist der nichtmännliche Mann und Odenthal (Ulrike Folkerts) die nichtweibliche Frau

An ihrem Geburtstag ist die Frau Kommissarin sehr betrübt – statt der schwarzen Schlägerjoppe trägt sie im reifen Alter eine weiße Damenbluse. Die Jahre, da sie doch nur Meuchler haschte, sind schnell vergangen. Nun muss sie auch noch einen alten Fall aufrollen: Im Ludwigsgarten sitzt, wie nach großer Jubelfeier hocken geblieben, eine Frau reglos auf der Holzbank. Kopfschuss frontal, sagt Lena O. lustlos. Verdrossener ist nur Kollege Mario, der lasche Schmuseluscher; er will nicht Akten lesen, viel lieber rührt er in pikanten Pastasoßen.

Die Kommissare stehen am Drehort herum wie frisch erwachte Narkosepatienten; lebendiger wirkt die Tote, eine falsche Blondine namens Michaela Bäuerle. Sie rief die Kommissarin herbei, um im Mordfall Ritterling eine Aussage zu machen. Bäuerle, Ritterling – da muss es doch eine Verbindung geben. Guten Morgen, rufen wir laut, bewegt euch endlich!

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SERIE: TATORT FERNSEHEN. Klicken Sie auf das Bild, um alle Besprechungen von Feridun Zaimoglu zu lesen

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Mario und Lena rennen denn auch tatsächlich los, wir werden gar irre von den Ermittlungsergebnissen. Michaela wohnte in Nizza in einer Luxusvilla, dort kannte man sie unter dem Namen Michelle Boyer. Die Villa wird betreut von dem Ludwigshafener Immobilienmakler Seegmeister. Die Welt ist klein, denken wir, die Kommissare denken es auch und sind ob dieser Erkenntnis regelrecht betäubt. Wir sind vom Sofa aufgesprungen und wollen schon den Bildschirm eintreten, da erscheint die Ehefrau des Maklers. Es ist die herrliche Corinna Harfouch, sie spielt alle anderen Darsteller an die Wand.

Die nächsten zweieinhalb Minuten beschäftigen wir uns mit der Frage, weshalb man ihr bislang nicht die Rolle einer Tatort-Kommissarin angetragen hat. In dieser Folge leitet sie ihren Mann an, obwohl er sie zwölf Jahre lang mit der bösen Michelle betrogen hat. Michi war süß, sagt Michaelas Exfreund DJ Sunny, wir haben uns mal in der Selbstbefriedigungskabine eingeschlossen und haben gekichert. Passt das zusammen? Ja.

Lena weiß: In der Liebe gibt es Regeln, und wer sie bricht, kommt zuschanden. Vielleicht deshalb sitzt sie bei Nick Ritterling; der Mann hat seine Frau im Streit erschlagen und büßte zehn Jahre für diesen Mord. Er schabt Streifen von der weißen Trüffelknolle, sie fallen auf die dampfenden Nudeln in Lenas Schüssel. Sie schaut ihn an, als könnte sie sich in ihn verlieben.Eine einsame Kommissarin und ein Frauenmörder – daraus hätte man eine große Geschichte spinnen können. Das tat man nicht.

Stattdessen zeigte man uns kochende Männer vor, uns vergeht der Appetit. Mario ist angelegt als der nichtmännliche Mann und Lena als die nichtweibliche Frau – diese schöne Skriptidee von vor zwanzig Jahren hat sich überlebt. Nicht länger dürfen die Kommissare Odenthal und Kopper schlapp und spröde durch die Szenen schlurfen! Wenn sie so weitermachen wie gehabt, tauchen ihre Namen bald auf der Statistenliste auf.

ARD, Sonntag, 11. Oktober, 20.15 Uhr

 
Leser-Kommentare
    • TDU
    • 11.10.2009 um 15:15 Uhr

    s.o.

  1. "...als der nichtmännliche Mann und Lena als die nichtweibliche Frau – diese schöne Skriptidee von vor zwanzig Jahren hat sich überlebt."

    Ich glaune, diese Idee ist mehrere tausend Jahre alt, das meine ich wörtlich. Viele, wenn nicht gar die meisten wichtigen "tropes" und Plots sind uralt, allein, es kommt darauf an, was man daraus macht. Dann kann da natürlich auch heute noch ansprechende Unterhaltung daraus erwachsen. Wie sie richtig feststellen, ist dies hier nicht der Fall. Das ist aber nicht die Schuld einer alten Idee. Auch die beste Idee wird in den Händen von Laien oder unter Quotendruck stehenden Inszenierern wertlos. Im umgekehrten Fall konnte Peter Jackson mit den einfachsten Mitteln und kaum einer Idee in der Tasche als Jugendlicher hochinteressante Szenen auf Zelluloid bannen. Talent.

    • jum
    • 11.10.2009 um 20:48 Uhr
    3. Timing

    Mich ärgert es, dass ich eine Kritik über einen Film lese, bevor ich den im Fernsehen mir anschauen konnte. Schlechtes Timing, finde ich, da ich mir doch gerne erstmal eine eigene Meinung bilden möchte. Naja, jetzt läuft er ja gerade und ich schaue mir mal weiter die "lebendigen Toten" an.

    • tgam21
    • 11.10.2009 um 22:32 Uhr

    Ich widerspreche dem Rezensenten. Das war ein guter Tatort, allemal verglichen den ebenso prätentiösen wie übermotivierten Tatorten, die mittlerweile üblich sind.

  2. Odenthal und Kopper sind nicht gerade mein Lieblingsteam, aber der heutige war für einen Ludwigshafener Tatort verhältnismäßig spannend. Die Kritik von Feridun Zaimoglu lese ich gerne - irgendwann nach Sonntag 21.45 Uhr, nicht vorher.

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