Ich habe einen Traum "Auf dem Schulweg trafen wir häufig auf Hyänen"
Der Äthiopier Haile Gebrselassie gewann in diesem Jahr zum vierten Mal den Berlin-Marathon. Er träumte immer schon davon, etwas Besonderes zu sein.
© dpa - Bildfunk

Haile Gebrselassie beim Marathon-Zieleinlauf in Berlin
Eines Tages in der Schule, ich ging damals in die 9. Klasse, liefen unsere Lehrer in der Pause zum Spaß um die Wette. Ich lief mit ihnen. Es stellte sich heraus, dass ich als 13-Jähriger schneller war als diese erwachsenen Männer. Sie kämpften, aber ich lief vor ihnen her. Das war der Tag, an dem ich mein Talent entdeckte.
Seit meinem ersten Schultag war ich zur Schule gelaufen. Die Schule lag zehn Kilometer von unserem Dorf entfernt in der nächsten Stadt. Also lief ich jeden Morgen um sechs Uhr los. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer wieder zurück.
36, geboren in Assela, Äthiopien, ist mit 27 Weltrekorden einer der schnellsten Langstreckenläufer aller Zeiten. Sein Marathon-Rekord von 2:03:59 ist bislang ungebrochen. Kürzlich gewann er zum vierten Mal in Folge den Berlin-Marathon.
Mein Weg führte durch eine wunderschöne Landschaft, ich lief durch einen Wald, durchquerte einen Fluss und sah viele Tiere, vor allem Vögel und Gazellen. Im Winter, wenn es morgens noch dunkel war, mussten wir uns zu mehreren Kindern zusammentun, denn im Dunkeln trafen wir häufig auf Hyänen. In der linken Hand hielt ich die Bücher. Das sieht man noch heute an meinem Laufstil. Mit der linken Hand hole ich weniger weit aus als mit der rechten.
Wenn ich von der Schule nach Hause kam, arbeitete ich bis zum Abend bei meinem Vater auf dem Feld. Ich bin das achte von zehn Kindern. Wir schliefen zu sechst in einem Zimmer. Ich habe sehr früh gelernt zu teilen. Das ist normale afrikanische Art, man teilt alles. Aber damals wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein Zimmer für mich allein. Mit elf Jahren baute ich mir mein eigenes kleines Haus. Eine Hütte aus Holz und Lehm. Ich baute mein eigenes Bett, mit einer weichen Matratze aus Gras. Normalerweise schliefen wir auf Tierhäuten.
Einige Zeit nach meinem Wettrennen gegen die Lehrer nahm ich an einem Schulwettbewerb teil und gewann. Ich begriff, dass ich schneller war als alle anderen. Das war der Tag, an dem meine Karriere begann, denn an diesem Tag entwickelte ich eine Vision von mir. Ich träumte davon, einer dieser großen Läufer zu werden. Bei Olympischen Spielen zu gewinnen. Weltrekorde zu laufen. Wie mein Vorbild Miruts Yifter, über den sie ständig im Radio sprachen, seit er in Moskau Gold gewonnen hatte. Ich träumte davon, jemand Besonderes zu sein.
Im Sport geht es nicht nur um den Körper. Ob man ein Rennen gewinnt, ist nicht nur eine Frage des Trainings. Oder wie stark man ist. Es ist auch eine mentale Frage. Eine Frage des Willens. Eine Frage des Geistes. Beim Laufen werden meine Gedanken frei. Man kann anders denken beim Laufen. Sobald ich laufe, beginnt mein Geist schöpferische Ideen zu entwickeln. Er denkt nicht an Probleme. Er erschafft Dinge. Ein einziger Tag ohne Laufen, und ich werde depressiv.
Was mich antreibt, ist der Wunsch, etwas Neues zu tun und die Menschen zu überraschen. Ich nehme mir gern etwas Unmögliches vor. Ich habe vor, noch mindestens meinen 30. Weltrekord aufzustellen.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
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- Datum 08.10.2009 - 09:53 Uhr
- Serie Ich habe einen Traum
- Quelle ZEIT Magazin Nr. 42, 08.10.2009
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