Wie lange sitzen wir eigentlich schon hier unten im Blütengrund? Sind es zwei Viertel Wein oder drei oder noch mehr? Das ist schließlich das Beste, wenn man in einem Weingebiet unterwegs ist: das Hocken, Nippen, Schauen, Nippen. Der Weißburgunder hat längst ein sirupartiges Daseinsgefühl in Kopf und Glieder gesenkt, und das Sonnenlicht schimmert in den Goldtönen, die nur der Trinker kennt, der sich am hellen Tag Zeit für ein Gläschen mehr nimmt.

Ursprünglich wollten wir nur schnell die Stelle besichtigen, an der die Unstrut in die Saale fließt, aber dann stand direkt am Ufer dieses lauschige Gartenlokal: Eine altersschwache Holzhütte, die als Ausschank dient, Trauerweide und Pergola spenden Schatten, Sonnenblumen strecken neugierig ihre Köpfe über den Jägerzaun. Am hauseigenen Bootssteg hat das Passagierschiffchen Reblaus festgemacht. Man kann vom Gartentisch aus beobachten, wie die beiden Flüsse sich vereinen. Die Saale nimmt in einer Stromschnelle Schwung auf, macht sich breit und wirft wichtigtuerische Luftblasen auf, um der trägen, schmaleren Unstrut zu demonstrieren, wer stärker ist. Die Unstrut drückt sich in der ersten gemeinsamen Kurvenbiegung verschämt am Ufer entlang, gemächlich strudeln die Gewässer ineinander, die letzten Blasen zerplatzen.

Mehr passiert hier nicht. Der Ort ist von einer sensationellen Beschaulichkeit. Im Verlaufe eines langen Nachmittags stürzt hier allenfalls eine Wespe ins Glas, oder eine Libelle nimmt vorübergehend am Tischrand Platz, oder nebenan auf der Streuobstwiese fällt ein wurmstichiger Apfel vom Baum. Aus der Ferne, von Kleinjena her, hört man das Bimmeln der Bahnschranken, wenn die regionale Burgenlandbahn vorüberzuckelt. Auf der anderen Seite der Saale schlagen von Zeit zu Zeit Radwanderer mit einem rostigen Eisenstück auf ein rostiges Rohr. Dann hangelt sich der Fährmann mit seinem Holzkahn über das Wasser und setzt die Kundschaft über: Pro Fahrgast nimmt er einen Euro, für Tiere fünfzig Cent.

Hinter dem Gartenlokal ragen die steilen Muschelkalk- und Buntsandsteinhänge auf, die die Unstrut in die Landschaft geschnitten hat. Fast küchengartenhaft klein sind die Weinterrassen parzelliert, obwohl der Blütengrund zu den größeren Lagen im Weingebiet Saale-Unstrut gehört. Ein Stück flussaufwärts hat sich vor hundert Jahren der Maler und Bildhauer Max Klinger eine Villa am Berg erbaut, die als Museum erhalten ist. Er fühlte sich in Mitteldeutschland wie in der Toskana. In einem Pavillon, seinem Radierhäuschen, das mitten in den Rebzeilen steht, zeichnete er. Der Hang wird heute vom Weingut Herzer aus Roßbach bestellt, das zu den Qualitätsbetrieben der Region gehört. Ausschließlich Riesling wächst in Klingers Blütengrund. Frisch und rund schmeckt er, wenn er auch nicht die symbolistische Rätseltiefe besitzt, die Klinger in seinen Kunstwerken suchte.

Man muss an Saale und Unstrut nicht viele Weine probieren, um festzustellen, wie falsch all die Vorurteile sind, die bisweilen immer noch über das Weingebiet kursieren. Dass sich den Rebstöcken nur Rhabarberwasser abpressen ließe, weil die Region zu weit im Norden liege. Dass die DDR, wie zu vielem, auch zur Weinproduktion unfähig gewesen sei und dass sich daran bis heute nicht viel geändert habe. Wer sich an die Qualitätsbetriebe hält und nicht zu sehr aufs Geld schaut, kann in Mitteldeutschland gute Weine trinken, vor allem die weißen. Vom Kloster Memleben im Nordwesten bis zum Kloster Pforta bei Bad Kösen im Südwesten erstreckt sich die Region. Die Zisterziensermönche haben hier den Weinbau begründet, erste urkundliche Erwähnung durch Kaiser Otto III. im Jahr 998. Für Massenerträge und den großen Reibach taugten die Hänge allerdings nie. Die Kleinwinzer und ihr Idealismus prägen den Weinanbau bis heute.

Zu DDR-Zeiten gab es nur zwei staatliche Weingüter, das Landesweingut Kloster Pforta und die Winzergenossenschaft Freyburg, die den Nebenerwerbsbauern ihre Ernte abkaufte. Christian Kloss, der Geschäftsführer des Landesweinguts Kloster Pforta (»Wir sind das Kloster Eberbach des Ostens!«), kennt die Geschichte des Betriebs nur vom Hörensagen, er ist Pfälzer. Aber er spricht mit großem Respekt über die Improvisationskünste seiner Vorgänger: Meilenweit waren die Produktionsbedingungen von den Verhältnissen im Westen entfernt. Man setzte auf die unberechenbare Spontanvergärung, weil an die anderswo selbstverständlichen Reinzuchthefen kaum heranzukommen war. Junge Rebstöcke mussten über Ostblockländer aufwendig »organisiert« werden. Ein Gutteil der Ernte sei sowieso in den Glasballonen der Kleinstbauern für den Hausgebrauch vergoren oder als »Südfrüchte« direkt über die Straße verkauft worden. Die Flaschen, die Christian Kloss unter seiner Verkostungspergola auf den Tisch stellt, haben mit dem liebenswerten DDR-Amateurismus nichts mehr zu tun. Blitzsauber und charakterfest werden Müller-Thurgau, Weißburgunder, Traminer oder Bacchus mittlerweile hier ausgebaut.