Warum machen Sie das? Judith Schalansky über ihren Atlas der abgelegenen Inseln
Judith Schalansky widmet sich seit Jahren einsamen Inseln. Gerade hat sie einen Atlas abgelegener Eilande herausgegeben.

"Warum machen Sie das?", fragt Roger Willemsen die junge Autorin Judith Schalansky
ZEITmagazin: Nach Johannes Mario Simmel ist niemand eine Insel.
Judith Schalansky: Wir sind alle Inseln!
ZEITmagazin: Und schwärmen von ihnen. Seit Jahren zeichnen Sie die abgelegensten Inseln und recherchieren deren Geschichte. Warum eigentlich?
Schalansky: Es ist der Traum von einem Ort, an dem man zu sich kommen kann, wo man nicht primär leben, sondern überleben muss – die Kinderfragen: Wie würde ich, auf mich gestellt, in der Natur leben? Wen oder was würde ich mitnehmen? Wir stellen uns Sandstrand und Palmen vor. Die Inseln, mit denen ich mich befasst habe, sind aber meist unwirtlich, öde, karg.
ZEITmagazin: Was sind das für Menschen, die dort bleiben?
Schalansky: Lauter Suchende, die sind einem per se sympathisch, und fast alle Gescheiterte, wie etwa August Gissler, der 16 Jahre seines Lebens die Kokosinsel umgrub auf der Suche nach dem Schatz von Lima und nichts fand außer einem vergoldeten Handschuh und ein paar Dukaten. Immerhin wusste er nach jedem Loch: Hier ist es schon mal nicht. Auf dem Sterbebett sagte er: »Wäre ich jung, ich würde wieder anfangen zu graben.« Ein perfektes Leben.
ZEITmagazin: Und wenn diese Inselmenschen keinen Schatz suchen, finden sie das Nichts?
Schalansky: Sie können sich das Nichts nicht vorstellen und sind überrascht, es wirklich anzutreffen. Gerade die subantarktischen Inseln haben weder Baum noch Strauch. Dort muss man sich endlich mit sich selbst beschäftigen.
ZEITmagazin: So entstehen insulare Kulturen?
Schalansky: Ja, wenn ein Eiland isoliert genug ist. Auf der Insel Banaba im Pazifik wurden zum Beispiel bis ins 20. Jahrhundert die Toten an den Hütten befestigt und erst gewaschen, wenn sie verwest waren. Dann wurden die Schädel woanders aufbewahrt als die Gebeine.
ZEITmagazin: Entstehen auch eigene moralische Systeme?
Schalansky: Gewiss. Von Pitcairn, wo die Meuterer der Bounty landeten, werden düstere Dinge über Vergewaltigungen berichtet. Auf der St.-Paul-Insel im Indischen Ozean lebten zwei Franzosen, die sich »der Gouverneur« und »der Untertan« tauften. Der Gouverneur nannte den Untertan einen durch und durch schlechten, der Untertan den Gouverneur einen durch und durch guten Menschen. Nie haben zwei Menschen besser zueinander gepasst.
ZEITmagazin: Das klingt so literarisch. Wollten Sie nie hin?
Schalansky: Es sind ja keine heilsbringenden Orte, und für die Literatur ist es ohnehin besser, man bleibt zu Hause und schlägt den Atlas auf.
ZEITmagazin: Auf Ihren Karten haben die Inseln etwas Leibliches.
Schalansky: Unser Erdkörper ist erst einmal unser aller Körper. Landkarten müsste man eigentlich zu den Erd-Erotika zählen und den 3-D-Globus zur Pornografie. Die einsamen Männer auf der Insel Amsterdam im Indischen Ozean nennen die Vulkane »Venus« oder »Brüste«.
ZEITmagazin: Die Landschaft ist ihre Klowand?
Schalansky: Absolut. Es heißt vom dortigen Distriktchef, sein Raum sei der einzige ohne Pin-ups.
ZEITmagazin: Gibt es noch weiße Flecken auf der Karte?
Schalansky: Leider nicht. Aber bei der Recherche nach einer antarktischen Insel fand ich die schöne Eintragung »island (unconfirmed)«.
ZEITmagazin: Auch die erste Utopie der Geschichte spielt auf einer Insel.
Schalansky: Ja, auch Thomas Morus’ Utopia wünscht, man könnte neu anfangen und alles anders machen. Aber dazu braucht man unbetretenes Land und eine Antwort auf die Frage: Ist ein besseres Leben überhaupt möglich?
ZEITmagazin: Ist es möglich?
Schalansky: Nach allen Erfahrungen mit Inseln: nein.
ZEITmagazin: Also bereichern Sie unser nutzloses Wissen?
Schalansky: Nein! Das Scheitern der anderen ist immer lehrreich. In diesem Wissen steckt die Weltgeschichte – ewig und aktuell: von Robinsons Einsamkeit bis zum Atoll, das aus ökologischen Gründen demnächst untergehen wird.
ZEITmagazin: Ihr Atlas ist Ihr Geschichtsbuch?
Schalansky: Er ist auch ein kolonialistisches Projekt, er will sich die Welt unterwerfen. In meiner Kindheit bei Greifswald war alles außerhalb unseres Fleckchens das Nichterreichbare. Zwischen DDR und BRD verlief zufällig der Falz des Buchrückens. Die andere Seite der Welt war also die andere Buchseite. Unsere Idee von Freiheit hat mit dem Festland zu tun. Wenn nur dreimal im Jahr das Schiff kommt, gibt es keine Freiheit.
ZEITmagazin: War die DDR Festland in diesem Sinn?
Schalansky: Sie war eine Insel.
- Datum 26.10.2009 - 12:29 Uhr
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- Serie Roger Willemsen fragt
- Quelle ZEIT Magazin Nr. 42, 08.10.2009
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