Warum machen Sie das? Judith Schalansky über ihren Atlas der abgelegenen InselnSeite 2/2

ZEITmagazin: Auf Ihren Karten haben die Inseln etwas Leibliches.

Schalansky: Unser Erdkörper ist erst einmal unser aller Körper. Landkarten müsste man eigentlich zu den Erd-Erotika zählen und den 3-D-Globus zur Pornografie. Die einsamen Männer auf der Insel Amsterdam im Indischen Ozean nennen die Vulkane »Venus« oder »Brüste«.

ZEITmagazin: Die Landschaft ist ihre Klowand?

Schalansky: Absolut. Es heißt vom dortigen Distriktchef, sein Raum sei der einzige ohne Pin-ups.

ZEITmagazin: Gibt es noch weiße Flecken auf der Karte?

Schalansky: Leider nicht. Aber bei der Recherche nach einer antarktischen Insel fand ich die schöne Eintragung »island (unconfirmed)«.

ZEITmagazin: Auch die erste Utopie der Geschichte spielt auf einer Insel.

Schalansky: Ja, auch Thomas Morus’ Utopia wünscht, man könnte neu anfangen und alles anders machen. Aber dazu braucht man unbetretenes Land und eine Antwort auf die Frage: Ist ein besseres Leben überhaupt möglich?

ZEITmagazin: Ist es möglich?

Schalansky: Nach allen Erfahrungen mit Inseln: nein.

ZEITmagazin: Also bereichern Sie unser nutzloses Wissen?

Schalansky: Nein! Das Scheitern der anderen ist immer lehrreich. In diesem Wissen steckt die Weltgeschichte – ewig und aktuell: von Robinsons Einsamkeit bis zum Atoll, das aus ökologischen Gründen demnächst untergehen wird.

ZEITmagazin: Ihr Atlas ist Ihr Geschichtsbuch?

Schalansky: Er ist auch ein kolonialistisches Projekt, er will sich die Welt unterwerfen. In meiner Kindheit bei Greifswald war alles außerhalb unseres Fleckchens das Nichterreichbare. Zwischen DDR und BRD verlief zufällig der Falz des Buchrückens. Die andere Seite der Welt war also die andere Buchseite. Unsere Idee von Freiheit hat mit dem Festland zu tun. Wenn nur dreimal im Jahr das Schiff kommt, gibt es keine Freiheit.

ZEITmagazin: War die DDR Festland in diesem Sinn?

Schalansky: Sie war eine Insel.

 
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