Dirigent Christian Thielemann Unser blaues Wunder
Zentrum der Kultur und des Bürgertums: Warum der Dirigent Christian Thielemann verständlicherweise nach Dresden geht
© AFP/Getty Images

Hier steht er noch am Pult der Münchner Philharmoniker. Doch Christian Thielemann, der begehrteste deutsche Dirigent, hat sich für Dresden entschieden
Es war diese eine Minute, die alles entschied. Als bei Christian Thielemanns grandiosem Gastauftritt als Dirigent der Dresdner Staatskapelle die letzten Töne von Bruckners Achter verklungen waren, da herrschte eine unendliche Minute lang, bevor dann der Applaus gewitterartig losbrach, ein vielhundertfaches Schweigen. In genau dieser Schweigeminute für die Schönheit der Musik, am 13. September in der Semperoper, hat sich Thielemann vermutlich entschieden, als Chefdirigent nach Dresden zu ziehen – und München zu verlassen. Nicht nur wegen des Orchesters also, sondern auch wegen des Publikums. Was Thielemann in dieser Minute erfuhr, war die Präsenz eines Kulturbürgertums, das sich in Deutschland vielleicht nirgendwo so rein erhalten hat wie in jenem inoffiziellen Dresdner Milieu, dem Uwe Tellkamp mit seinem Roman Der Turm ein Denkmal gesetzt hat. Es könnte also sein, dass trotz DDR und Staatssicherheit das Kulturbürgertum so vital blieb, weil es nicht, wie das vergleichbare westdeutsche Milieu, in den ideologischen Grabenkämpfen der siebziger und achtziger Jahre aufgerieben und ausgedünnt wurde. Die Begeisterung, mit der westdeutsche Lesekreise Uwe Tellkamps Erzählungen von zeitvergessenen Abenden in den Villen am Elbhang voll Hausmusik und Goethe-Zitaten aufgenommen haben, war das erste sichtbare Indiz dafür, dass Dresden auf dem Weg ist, wieder zum gesamtdeutschen Sehnsuchtsort zu werden.
Der Umzug eines Künstlers taugt eigentlich nicht zum Leitartikel. Doch die Entscheidung des begehrtesten deutschen Dirigenten für Dresden ist – zwanzig Jahre nach dem Mauerfall – ein Akt von nationaler Symbolik. Und zwar ein interessanterer als die leidige Waldschlösschenbrücke.
Nach den Theorien des amerikanischen Soziologen Richard Florida entscheidet sich auch die ökonomische Zukunft der Städte im postindustriellen Zeitalter daran, wie attraktiv sie für die sogenannte creative class sind. Das wurde in Dresden schon von August dem Starken und den Wettinern erkannt, die mit einer jahrzehntelangen finanziellen Kraftanstrengung eine beispiellose kulturelle Pracht entfalteten.
Und die Künstler aller Sparten wurden von Dresden angezogen – die Frühromantiker und Caspar David Friedrich genauso wie Heinrich von Kleist, Richard Wagner oder die Brücke um Ernst Ludwig Kirchner. Die Statistik belegt, dass Dresden nach Berlin im Osten heute wieder die höchsten Zuwachsraten in der »kreativen Klasse« hat und inzwischen bundesweit den größten prozentualen Anteil an angestellten Akademikern.
Das neu gegründete Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie geht im Wesentlichen der Frage nach, wie, zelltechnisch gesehen, neu entstehen kann, was eigentlich verloren ist. Selbst die wissenschaftliche Spitzenforschung also kann sich hier der Symbolik des Genius Loci nicht entziehen: Denn keine Stadt in Deutschland hat mit der verheerenden Bombardierung vom 13. und 14. Februar 1945 kulturell so viel verloren wie Dresden. Doch zugleich entstand nirgendwo so selbstverständlich neu, was vergangen war: Schon zu DDR-Zeiten wurden Zwinger und Hofkirche und Semperoper wieder aufgebaut, die Frauenkirche schließlich in einer nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit zwischen 1995 und 2005.
Die gefeierte Silhouette der Stadt, ihre ganze barocke Pracht ist im Grunde also eine einzige Blendung – und doch scheinen die Rekonstruktionen nirgendwo sonst so selbstverständlich an die Stelle der Originale getreten zu sein wie hier. Das hat zwei Gründe.
Der eine ist, dass das Bild von Dresden immer schon stärker war als die jeweilige Gegenwart. »Darum schließe ich zuweilen die Augen und denke an Dresden«, schrieb Kleist im Jahre 1801. Aber da stand noch alles. Hundertfünfzig Jahre später dann, zu DDR-Zeiten, als fast alles verschwunden war, wurde in jedem Dresdner Haushalt der Bildband Das alte Dresden von Fritz Löffler wie ein Reliquiar gehütet, weil es den Zustand der Stadt vor der Zerstörung in Hunderten von Fotografien festhielt. Die Dresdner hatten lange vor der aktuellen soziologischen Stadtforschung gewusst, dass der Wettkampf der Städte ikonografisch geführt wird und dass es Bilder sind, die man sieht, wenn man die Augen schließt. Sie stiften die Identitäten – nicht der Blick aus dem Fenster.
Worin das Geheimnis der Dresdner Selbstsicherheit liegt
Dass die rekonstruierte Vergangenheit den irritierenden Anschein von Kontinuität erweckt, hat seinen Grund aber auch darin, dass die Gebäude von der ersten Sekunde an wieder in ihren alten Funktionen genutzt wurden – und so wie die Dresdner sofort wieder allabendlich in die Semperoper strömten, so gaben sie auch der Frauenkirche dadurch ihre Selbstverständlichkeit zurück, dass sie sogleich damit begannen, dort ihre Gottesdienste zu feiern. »Dresden«, sagt der Autor Volker Braun, »heißt: die Kunst zu leben.« Vielleicht kommt aus diesem Wachhalten auch die unerschütterliche Selbstsicherheit der Stadt, die Umberto Eco vor wenigen Jahren fasziniert beschrieb und die seiner Meinung nach nur mit der von Paris, Rom, Buenos Aires und New York vergleichbar sei.
Es gelingt Dresden immer wieder, in unser aller Köpfen ein Traumbild von sich selbst zu erzeugen. Auch in dem von Christian Thielemann. Und als er dann auch noch merkte, dass es die Semperoper und das Kulturbürgertum tatsächlich gibt, da war es verständlicherweise um ihn geschehen.
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- Datum 14.10.2009 - 10:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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...einaml von Christian Thielemann persönlich zu erfahren, was seine Beweggründe waren, München zu verlassen um nach Dresden zu gehen.
Das "bürgerliche" Kunstverständnis, die Einstellung der Dresdener zur Kunst an sich, werden sicher auche eine Rolle bei der Entscheidungsfindung Christian Thielemanns gespielt haben; die Kränkung des Virtuosen Thielemann dürch übereifrige Parteikulturverwalter Münchens gab aber vermutlich den Ausschlag.
Wenn man dann diese Bewertung des von mir durchaus hochgeschätzten Münchner Oberbürgermeisters liest, wird es umso verständlicher, dass Thielemann in Dresden die bessere Zukunft für sich sieht:
..."Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) reagierte auf Thielemanns angekündigten Weggang vergleichsweise kühl. Seine Dresdenoption erkläre im Nachhinein, warum er sich mit dem Orchester, dem Intendanten, dem Kulturreferat und dem Münchner Stadtrat nicht auf einen «gangbaren Weg bei den Vertragsverhandlungen verständigen wollte». Damit liegt der Schwarze Peter bei dem Dirigenten, der noch bis 2011 mit München auskommen wird müssen. Es sei denn, er würde seinen bis dahin laufenden Vertrag vorzeitig beenden"...
Aus:
http://www.stern.de/kultu...
Das Verhalten des Herrn Ude ist leider nur die "BeleidigteLeberwurstattidude" eines Parteipolitkers, der sich wohl nicht mehr vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die sich für ihr eigenes Leben getrauen, sich parteiunabhängige Gedanken zu machen.
Mit 16 konnte ich Ende der 70er aus Dresden in eine westdt. Stadt gleicher Größe ausreisen. Schulisch gings von einer autoritär, aber engagiert geführten Oberschulklasse in ein Gymnasium mit entspannt-lockerem Umgang und erstaunlichem Geltenlassen der eigenen Individualität. Meine Eltern waren entsetzt über Rückstände der Lehrpläne und mangelnde Disziplin der Schüler, während ich sofort den fehlenden Druck, später auch die Freiheit zu diskutieren, schätzen lernte.
Kristallisationspunkt Ihres Artikels ist die Fähigkeit des gesamten Publikums, musikalische Spannung aufzugreifen und noch innerlich in die Pause hinein zu halten. Dazu gehört musikalische Bildung wie auch Disziplin, das eigene je unterschiedliche Bedürfnis (hier nach Klatschen etc.) zugunsten einer gemeinschaftlichen Regel zurückzustellen. In beidem wurden wir Schöler in DD getrimmt; das ging zu Lasten behaglicher Lässigkeit, den eigenen Empfindungen sofort ungefiltert Ausdruck geben zu können.
Stehen hier nicht auch Strenge und Konvention (Mitteleuropa 19.Jh)gegen amerikanisierte Freiheit und Beliebigkeit?
Die Haltung Ihres Artikels wirkt auf mich diametral entgegengesetzt zu den pejorativen Klischees, wie sie z.B. das Nachrichtenmagazin noch vor wenigen Jahren pauschal den Neuen Ländern, Sachsen zumal, zuzuteilen pflegte. Der Text schlägt einen Klang an, den ich so noch nicht gelesen - wenn auch selbst erlebt habe. Er wirkt authentisch, zudem von historischer Tiefe gestützt. Respekt - und Dank an den Autor.
Welcome home Herr Dirigent Thielemann. I am two generations removed from Dresden and I was always told of the beauty and culture of Dresden. Excellant by the way
Welcome home Herr Dirigent Thielemann. I am two generations removed from Dresden and I was always told of the beauty and culture of Dresden. Excellant by the way
Welcome home Herr Dirigent Thielemann. I am two generations removed from Dresden and I was always told of the beauty and culture of Dresden. Excellant by the way
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