Ein holpriger Schotterweg führt auf das gesperrte Militärgebiet in Großmittel. Auf der weitläufigen Brache in der Nähe von Wiener Neustadt robben normalerweise Bundesheerrekruten durch das Stoppelgras. Sie üben Krieg. Einen Krieg, den Peter Haueis längst für sich entschieden hätte. Er verfügt über das wichtigste Gut der modernen Kriegsführung: Information.

Auf einem Monitor verfolgt Haueis, wann sich wer wo bewegt – auch abseits des Areals. Gerade ist die Silhouette eines Autos zu sehen, das nahe dem Sperrgebiet die Straße entlangfährt. Dessen Fahrer ahnt nicht, dass er ins Visier einer Kamera geraten ist, die 1000 Meter über ihm schwebt und ihre Daten binnen Sekundenbruchteilen an einen weiß-blauen Container auf dem Großmittler Areal sendet. Dort steht Flugbetriebsleiter Haueis im Halbdunkel und lächelt zufrieden. Kurz darauf wird ein winziger Punkt, der am Himmel zu sehen war, immer größer. Schon zeichnet sich die Silhouette eines Helikopters ab, der knatternd zur Landung ansetzt. Weiß lackierte Kohlefaseroberfläche, Kiemen im Rumpf, am Bauch eine Kamera – der Camcopter S-100.

Die drei Meter lange und 200 Kilo leichte Aufklärungsdrohne ist die jüngste Entwicklung von Schiebel Electronics, einem Wiener Unternehmen, das mit seinen unbemannten Fluggeräten seit Jahren im Geschäft ist. Ein Geschäft, in dem der Übergang von einer friedlichen Nutzung hin zum Einsatz als todbringende Waffe fließend verläuft. Ganz gleich, in welchem Bereich die Unmanned Aerial Vehicles, kurz UAV, eingesetzt werden: Sie operieren immer in einer juristischen Grauzone. Was ist erlaubt und was nicht? Wie real ist der orwellsche Überwachungsstaat? Und wer ist verantwortlich, wenn nach einem Knopfdruck in einer Bodenstation Tausende Kilometer entfernt unschuldige Zivilisten sterben?

Das Geschäft mit den Drohnen boomt. Vor allem im Militärbereich kommen sie immer öfter zum Einsatz. Bereits im Vietnamkrieg experimentierten US-Militärs mit ferngesteuerten Himmelsspionen. Seitdem hochgerüstete Soldaten aus dem Westen im unwegsamen Afghanistan im Einsatz stehen, zählen Drohnen zum Standardrepertoire der Kriegsführung. Das auf Rüstungsfragen spezialisierte US-Forschungsinstitut Teal Group Corporation schätzt, dass sich die Investitionen für UAVs in den nächsten zehn Jahren auf weltweit 6,2 Milliarden Euro verdoppeln werden. Ihr Einsatzgebiet reicht von der Jagd nach Terroristen bis zu den »chirurgisch präzisen« Angriffen der israelischen Luftwaffe. Allein in Afghanistan und Pakistan sind gegenwärtig rund 7000 UAVs stationiert.

Drohnen können so klein wie Insekten sein oder eine Spannweite von bis zu 40 Metern haben. Mit dem Camcopter S-100 mischt Schiebel Electronics in diesem Segment erfolgreich mit. Vor allem im Mittleren Osten herrscht Bedarf nach den Geräten. Offiziell wird der S-100 bislang nur für Überwachungs- oder Aufklärungsflüge eingesetzt. Doch das kriegerische Potenzial der Drohne demonstrierte ein Werbevideo der französischen Rüstungsschmiede Thales. In dem Film war ein Schiebel-Gerät mit dem zivilen Erprobungskennzeichen OE-VXY zu sehen, das mit einer Luft-Boden-Rakete bestückt und in eine Präzisionswaffe verwandelt worden war. Im Visier: ein weißer Kleinbus. Sekunden später ist der Wagen ein rauchender Klumpen Blech. Das Video rief prompt die Austrocontrol, die zivile Luftfahrtbehörde, auf den Plan. Schließlich dürfen mit einem Erprobungskennzeichen militärische Einsätze nicht einmal angedeutet werden. Dass sich das Video später als Marketingaktion herausstellte – einzelne Sequenzen wurden von Thales zu einem martialischen Werbefilmchen zusammengeschnitten –, machte die Sache nicht harmloser. Kurz darauf verschwand das Video von der Homepage.

Firmenchef Hans Georg Schiebel bleibt trotz des Wirbels, den der Videoclip auslöste, gelassen – wie ihn überhaupt das tödliche Potenzial seiner Produkte wenig zu kümmern scheint. »Für mich passt das zusammen«, sagt der 46-jährige Unternehmer trotzig und stützt seinen Kopf mit dem Arm auf der Couchlehne ab. In seiner Firmenzentrale, einem Gründerzeithaus im fünften Wiener Bezirk, hängen zahlreiche Bilder am Gang. Auf einem gräbt ein Greis mit bloßen Händen eine Mine aus. Ein Bild mit Symbolcharakter: 1992 entwickelte das 1951 gegründete Unternehmen die ersten Minensuchgeräte, heute ist man Weltmarktführer.

Ob Kunden die Drohne bewaffnen, interessiert den Hersteller nicht

Über zehn Jahre lang bastelte Schiebel vergeblich an unbemannten Helikoptern zur Minensuche. Das ehrgeizige Projekt scheiterte schließlich an technischen Schwierigkeiten. Übrig blieben die Prototypen von Flugkörpern, die zum Camcopter S-100 weiterentwickelt wurden. Mittlerweile setzt die Firma mit ihren Drohnen mehr um als mit Minensuchgeräten. 2009 verdoppelte sich der Umsatz auf 40 Millionen Euro.