Mit einem harten politischen Kampf hat Elisabeth Selbert eigentlich nicht gerechnet. Die Kasseler Juristin gehört 1948/49 zu den vier Frauen in Bonns Parlamentarischem Rat. Sie ist sich sicher, dass die rechtliche Gleichheit von Mann und Frau auf allen Gebieten in Staat und Gesellschaft im Grundgesetz der neuen Republik verankert wird. Eine Diskussion über eine solche Selbstverständlichkeit – das erscheint der Sozialdemokratin nun wirklich nicht mehr nötig!

Da aber hat sie sich sehr geirrt. Denn kaum steht das Thema auf der Tagesordnung, hebt eine heftige Debatte an. Die große Mehrheit ihrer 61 männlichen Kollegen sieht plötzlich allerlei Klärungsbedarf, und nicht einmal die vier Frauen im Rat scheinen in diesem Punkt einig zu sein. Kern des Streits ist die Frage, ob die staatsbürgerliche Gleichheit von Männern und Frauen, die schon 1919 die Weimarer Verfassung gewährt hat, auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgedehnt werden, also auch Familie und Erwerbsleben einschließen soll.

CDU/CSU und FDP lehnen jeden Vorstoß in diese Richtung mit Verve ab, zur Begründung verweist man auf die »Nuancierungen der Natur«. Als das Ratsgremium den Antrag der SPD ablehnt, in der Verfassung Frauen und Männern gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu garantieren, initiiert Elisabeth Selbert eine Kampagne: Frauenverbände und Gewerkschaften rufen zum Protest auf, waschkörbeweise treffen die Briefe ein. Am Ende steht nach insgesamt drei Anläufen in Artikel 3 Absatz 2: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt.«

Die Hierarchie der Geschlechter hatte sich mit der Etablierung der bürgerlichen Familie Ende des 18. Jahrhunderts herausgebildet und galt seither (über nationale Grenzen hinweg) als naturgegeben und unveränderbar: Mit der Heirat gab die Frau ihre Rechte auf, verpflichtete sich zu Gehorsam und Dienstleistung gegen ihren Gatten und fand ihren »natürlichen« Ort in der Familie. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schrieben Gesetze den eheherrlichen Patriarchalismus fest. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) blieb bis weit in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein Hort der Rechtsungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Wie sehr die Geschlechterhierarchie in der Adenauerzeit ein Ergebnis der Rechtsordnung war, zeigen die einschlägigen Paragrafen eindrücklich: Ehefrauen besaßen keine Verfügungsgewalt über ihr Vermögen. War keine Gütertrennung vereinbart worden, konnte der Mann mit dem Geld seiner Frau nach Gutdünken verfahren.

Wollte eine verheiratete Frau einem Beruf nachgehen, musste sie ihren Gatten um Erlaubnis fragen und ihm zusichern, dass sie ihre Hausfrauenpflichten nicht vernachlässigen würde. Tat sie es doch, konnte er ihr Arbeitsverhältnis gerichtlich beenden lassen. Bei ehelichen Unstimmigkeiten lag das »Letztentscheidungsrecht« beim Ehemann, dem »Haupt der Familie«, der auch die Erziehungsgewalt über die Kinder besaß (was durchaus wörtlich zu nehmen ist: Das elterliche Züchtigungsrecht wurde in Deutschland erst im Jahr 2000 abgeschafft).

Wollte eine Frau die Trennung, weil sie einen anderen liebte, galt dies im Bürokratendeutsch als »Mehrverkehr«. Eine »schuldig« geschiedene Ehefrau erhielt keinen Unterhalt; heiratete sie wieder, blieb das Sorgerecht für ihre Kinder beim Exmann, der auch das Recht auf die Nutznießung ihres Vermögens behielt.