Alex Katz Ich sehe sie noch vor mir
Pop-Art als Kunst der Erinnerung: Das ambitionierte Museum Kurhaus in Kleve zeigt die Bilder des New Yorker Altmeisters Alex Katz
Alex Katz ist ein zierlicher, behänder Mann von 82 Jahren. Schweigt er, die Augen halb geschlossen, das schmale gebräunte Gesicht unter dem kahlen Schädel erstarrt und die Mundwinkel hoheitsvoll mürrisch nach unten gezogen, dann wirkt er wie ein altägyptischer Meister, ein wenig müde der Sonne und überdrüssig der exzentrischen Aufträge des Pharaos. Spricht er aber, dann lacht und leuchtet sein Gesicht, dann strahlt er die Energie eines Dreißigjährigen aus, bezaubert vom Jazz, von der Beat-Lyrik, begeistert von den Formen und Farben der einfachen Dinge. Man glaubt die Spannung und den Widerspruch seiner Kunst, ihrer archaischen Coolness und raffinierten Naivität, in seiner Erscheinung und Gestalt wiederzuentdecken. Aber vielleicht projiziert man sie auch nur in ihn hinein.
Denn eigentlich ist Alex Katz ein ganz einfacher Künstler. Geboren 1927 als Kind einer russischen Immigrantenfamilie in Brooklyn, New York, lebt er seit Ewigkeiten in seiner Heimatstadt und einem kleinen Ort in Maine, wo er ein Atelier hat. Seit Jahrzehnten porträtiert er dieselben Menschen, die ihn umgeben, allen voran Ada, mit der er seit 1958 verheiratet ist, seinen Sohn Vincent, dessen Familie, seine Künstlerfreunde. Studiert dieselben Orte und Gegenstände und Landschaften und Fassaden der Nachbarschaft mit einer besessenen Treue, die an Morandi erinnert. Und immer wieder, von den allerersten Bildern an, geht es um dieselben Herausforderungen, die ihn fesseln: um Figur und Fläche, Licht und Augenblick. Alex Katz ist ein einfacher Künstler, doch seine Kunst, das macht diese Werkschau in den hinreißenden, halb waldverschatteten, halb sonnenhellen Räumen des Museums Kurhaus in Kleve sichtbar, ist von schwer zu greifender Subtilität.
Lust an der Spiegelung, Zwang zur Wiederholung
Man mag sie einordnen in die große Auseinandersetzung der Malerei mit Fotografie und Film, mit Plakatkunst und der Ästhetik der Werbung, mag die Parallelen zu Warhol und den Seinen betonen. Man mag das seltsam Entrückte, Somnambule dieser Bilder mit der Traumkunst Magrittes und der Surrealisten verbinden. Man mag gar an Edward Hopper denken und dessen Stimmung aus Abwesenheit und Tristesse. Aber auch das, all das ist es nicht.
Katz’ Pop-Art, inspiriert vom abstrakten Expressionismus der unmittelbaren Nachkriegszeit und zugleich formuliert im Widerspruch zu ihm, kommt nicht aus der Mediendebatte, kommt nicht aus dem Traum, kommt nicht aus der Depression. Kommt überhaupt aus keiner Stimmung oder Bestimmung. Sie kommt allein aus der Erinnerung.
Katz malt nicht, Katz erinnert sich. Das macht die wundersame Kraft aus, die von diesen flachen, manchmal etwas verrutschten Gesichtern ausgeht. Von diesen strahlend bleichen Landschaften, farbglühend flüchtigen Blütenfeldern. Katz’ Bilder sind so präzise und so vage wie die Erinnerung selbst, so präsent und schon verwischt, verblasst. Und so wie die Erinnerung, so liebt diese Kunst den Moment, den Ausschnitt, der sich vor das Ganze stellt.
Katz hat daraus seine Cut-outs entwickelt: Figuren, die wie Pappkameraden im Raum stehen. Doch nicht von Pappe sind sie, sondern zumeist aus dünnem Aluminium, schwebende Kunstobjekte zwischen Gemälde und Skulptur. Auch auf den Bildern selbst wirken die Figuren oft wie ausgeschnitten vor der leeren Fläche des Hintergrunds. Erinnerte Menschen, herausgehoben aus dem monochromen Rauschen der Zeit. Es ist nicht der psychologische Moment, es ist die Mechanik der Erinnerung selbst, die sichtbar wird. In Katz’ streng stilisierten Doppel- und Serienporträts zeigt sich ihre Geometrie, die Lust an der Spiegelung, der Zwang zur Wiederholung. In seinen Landschaften, den nächtlichen Hausfassaden spürt man die Reflexe der Abwehr und der Sehnsucht – die Erinnerung als das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, und die Hölle, aus der es kein Entkommen gibt.
Balkenhol, Cucchi – sein Werk hat viele jüngere Kollegen inspiriert
Die Klever Ausstellung präsentiert in vierzig Werken den ganzen Katz, von den fünfziger Jahren bis zu neuesten Arbeiten wie der monumentalen Hommage an den klassischen japanischen Holzschnittkünstler Kitagawa Utamaro von 2008. Sechs Gesichter, sechs junge, elegante Großstadtfrauen, jede eingeschlossen in ihre Geschichte und doch völlig geschichtslos. Ein Bild als Erinnerung an sechs Frauen, an die sechs Gesichter einer einzigen Frau. Katz malt sie, wie er sie vor sich sieht, jetzt und aus der Erinnerung. Das heißt, er malt nicht sie, sondern den Augenblick, da sie da sind und lange schon fort. Ukiyo-e, "Bilder der fließenden Welt", so nennen die Japaner die Kunst des Holzschnitts.
Halb elf vormittags heißt ein anderes großformatiges Bild von 2008. Nichts als ein paar Bäume in der Nähe des Ateliers in Maine, ein grünes Schweben, morgenkühle Waldeslust. Die Präzision, mit der Katz Akzente setzt – hier ein Blatt, dort ein Segel oder auf einem Dach den rötlichen Schornstein –, auch diese Präzision verrät die Arbeit der Erinnerung: Ich weiß nicht mehr, wo und wann, aber an dieses eine Detail erinnere ich mich genau. Ich sehe es noch vor mir, dieses Segel, dieses Dach, dieses Fenster ganz oben. Ja, es brannte Licht.
Alex Katz, dessen Kunst so viele Kollegen angeregt hat, von Enzo Cucchi bis Stephan Balkenhol, fand spät Zugang zu deutschen Museen. 1995 bot ihm die Kunsthalle Baden-Baden die Bühne für den ersten großen Auftritt. Die Ausstellung in Kleve, die auf einer zuvor in Finnland und Frankreich gezeigten Werkschau beruht, wurde für das kunstbegeisterte Städtchen am Niederrhein von Katz selbst eingerichtet. Aber was heißt eingerichtet? Verwandelt hat er das Haus mit seiner leuchtenden Kunst in einen verwunschenen Ort, einen Raum zwischen den Zeiten.
Museum Kurhaus, bis zum 21. Februar 2010; Katalog 22,50 €; Tel. 02821/75010
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- Datum 19.10.2009 - 08:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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Wäre es nicht zu billig, man könnte die Ausstellungen des amerikanischen Pop-Artisten Alex Katz in der Tat "Katz und Maus" nennen.
Und die Mäuse - das sind wir, die Zuschauer. Einerseits aus der "Generation der Pop-Art", die ihre Höhepunkte in den späten 60er und 70er Jahren hatte. Namen wie Lichtenstein, Hamilton, Hockney, Rauschenberg, Jones, Warhol, Wesselman, Rosenquist, Blake, Kline fallen einem ein. Und andererseits sind es durchaus jüngere Menschen, die sich (wieder) für seine Pop-Malerei interessieren. Die Besucher der Katz-Ausstellung im Jahre 2006 in Bonn waren zum Teil sehr jung und zum Teil in einem Alter, das nahe an das Alters des Künstlers kommt. Diese großformatigen und dekorativ wirkenden Gemälde, zugleich farbenfroh als auch schablonenhaft, wurden für den amerikanischen Maler Alex Katz und die Bundeskunsthalle zu einem großen Erfolg.
Alex Katz malt schon lange. Aber erst relativ spät ist er von den Galeristen und dann auch vo einem breiterem Publikum wirklich entdeckt worden. Das hat ihn nie gestört. Er malt beeindruckend - groß und bunt und unerschrocken. Aber er selbst scheint still hinter seinen Werken verschwinden zu wollen. Ruhm ist ihm augenscheinlich nicht wichtig. Authentizität - darum ringt er beim Malen.
Alex Katz ist vielleicht der unbekannteste Maler aus seiner Pop-Art-Generation. Aber er wird nicht verhindern können, dass auch ihn der Ruhm letztendlich einholt. Und er hat diesen Erfolg verdient - auch wenn er ihn nicht gesucht hat.
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