Alex Katz Ich sehe sie noch vor mirSeite 2/2

Katz hat daraus seine Cut-outs entwickelt: Figuren, die wie Pappkameraden im Raum stehen. Doch nicht von Pappe sind sie, sondern zumeist aus dünnem Aluminium, schwebende Kunstobjekte zwischen Gemälde und Skulptur. Auch auf den Bildern selbst wirken die Figuren oft wie ausgeschnitten vor der leeren Fläche des Hintergrunds. Erinnerte Menschen, herausgehoben aus dem monochromen Rauschen der Zeit. Es ist nicht der psychologische Moment, es ist die Mechanik der Erinnerung selbst, die sichtbar wird. In Katz’ streng stilisierten Doppel- und Serienporträts zeigt sich ihre Geometrie, die Lust an der Spiegelung, der Zwang zur Wiederholung. In seinen Landschaften, den nächtlichen Hausfassaden spürt man die Reflexe der Abwehr und der Sehnsucht – die Erinnerung als das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, und die Hölle, aus der es kein Entkommen gibt.

Balkenhol, Cucchi – sein Werk hat viele jüngere Kollegen inspiriert

Die Klever Ausstellung präsentiert in vierzig Werken den ganzen Katz, von den fünfziger Jahren bis zu neuesten Arbeiten wie der monumentalen Hommage an den klassischen japanischen Holzschnittkünstler Kitagawa Utamaro von 2008. Sechs Gesichter, sechs junge, elegante Großstadtfrauen, jede eingeschlossen in ihre Geschichte und doch völlig geschichtslos. Ein Bild als Erinnerung an sechs Frauen, an die sechs Gesichter einer einzigen Frau. Katz malt sie, wie er sie vor sich sieht, jetzt und aus der Erinnerung. Das heißt, er malt nicht sie, sondern den Augenblick, da sie da sind und lange schon fort. Ukiyo-e, "Bilder der fließenden Welt", so nennen die Japaner die Kunst des Holzschnitts.

Halb elf vormittags heißt ein anderes großformatiges Bild von 2008. Nichts als ein paar Bäume in der Nähe des Ateliers in Maine, ein grünes Schweben, morgenkühle Waldeslust. Die Präzision, mit der Katz Akzente setzt – hier ein Blatt, dort ein Segel oder auf einem Dach den rötlichen Schornstein –, auch diese Präzision verrät die Arbeit der Erinnerung: Ich weiß nicht mehr, wo und wann, aber an dieses eine Detail erinnere ich mich genau. Ich sehe es noch vor mir, dieses Segel, dieses Dach, dieses Fenster ganz oben. Ja, es brannte Licht.

Alex Katz, dessen Kunst so viele Kollegen angeregt hat, von Enzo Cucchi bis Stephan Balkenhol, fand spät Zugang zu deutschen Museen. 1995 bot ihm die Kunsthalle Baden-Baden die Bühne für den ersten großen Auftritt. Die Ausstellung in Kleve, die auf einer zuvor in Finnland und Frankreich gezeigten Werkschau beruht, wurde für das kunstbegeisterte Städtchen am Niederrhein von Katz selbst eingerichtet. Aber was heißt eingerichtet? Verwandelt hat er das Haus mit seiner leuchtenden Kunst in einen verwunschenen Ort, einen Raum zwischen den Zeiten.

Museum Kurhaus, bis zum 21. Februar 2010; Katalog 22,50 €; Tel. 02821/75010

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 19.10.2009 um 13:09 Uhr

    Wäre es nicht zu billig, man könnte die Ausstellungen des amerikanischen Pop-Artisten Alex Katz in der Tat "Katz und Maus" nennen.

    Und die Mäuse - das sind wir, die Zuschauer. Einerseits aus der "Generation der Pop-Art", die ihre Höhepunkte in den späten 60er und 70er Jahren hatte. Namen wie Lichtenstein, Hamilton, Hockney, Rauschenberg, Jones, Warhol, Wesselman, Rosenquist, Blake, Kline fallen einem ein. Und andererseits sind es durchaus jüngere Menschen, die sich (wieder) für seine Pop-Malerei interessieren. Die Besucher der Katz-Ausstellung im Jahre 2006 in Bonn waren zum Teil sehr jung und zum Teil in einem Alter, das nahe an das Alters des Künstlers kommt. Diese großformatigen und dekorativ wirkenden Gemälde, zugleich farbenfroh als auch schablonenhaft, wurden für den amerikanischen Maler Alex Katz und die Bundeskunsthalle zu einem großen Erfolg.

    Alex Katz malt schon lange. Aber erst relativ spät ist er von den Galeristen und dann auch vo einem breiterem Publikum wirklich entdeckt worden. Das hat ihn nie gestört. Er malt beeindruckend - groß und bunt und unerschrocken. Aber er selbst scheint still hinter seinen Werken verschwinden zu wollen. Ruhm ist ihm augenscheinlich nicht wichtig. Authentizität - darum ringt er beim Malen.

    Alex Katz ist vielleicht der unbekannteste Maler aus seiner Pop-Art-Generation. Aber er wird nicht verhindern können, dass auch ihn der Ruhm letztendlich einholt. Und er hat diesen Erfolg verdient - auch wenn er ihn nicht gesucht hat.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service