Sechs Jahre lehrte und forschte Martin Pelzer (Name geändert) als Juniorprofessor. Jetzt steht er auf der Straße

Martin Pelzer war mal Professor. Sechs Jahre lang durfte er tun, was er am er liebsten macht: Studenten in die Geografie einführen, mit ihnen auf Exkursion fahren, ihre wissenschaftliche Neugier füttern. Pelzer schaffte Forschungsgelder heran, reiste auf wissenschaftliche Kongresse und hielt Vorträge, die später in Fachzeitschriften oder Sammelbänden gedruckt wurden. 75 Eintragungen zählt seine Publikationsliste bis heute.

Von Anfang an war Pelzer klar, dass er sich nicht nur als Forscher, sondern auch als Wissenschaftsmanager hervortun musste. Deshalb übernahm er Aufgaben, die unter seinen älteren Kollegen nicht besonders beliebt waren: Er engagierte sich als Studienberater und PR-Beauftragter seines Fachbereichs, kümmerte sich um die Bibliothek und versuchte bei der »Kinder-Uni« seiner Hochschule Schüler für seine Disziplin zu begeistern. Martin Pelzer meinte, alles richtig gemacht zu haben. Und als ein Ausschuss nach drei Jahren seine Leistung begutachtete und viele lobende Worte für ihn fand, glaubte der Juniorprofessor, seiner Laufbahn als Wissenschaftler stünde nichts mehr im Wege.

Doch seit dem 1. Oktober weiß Pelzer es besser: Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er seine Zukunft als Wissenschaftler hinter sich. Statt nur das Präfix Junior zu tilgen und eine Dauerstelle als Professor zu ergattern, steht Pelzer jetzt ohne Titel da – und ohne Job. Seine Universität musste er verlassen, die Betreuung laufender Diplom- und Promotionsarbeiten abbrechen. »Wie rausgeschmissen fühle ich mich«, sagt Pelzer.

Noch bewirbt sich der 40-Jährige bei anderen Hochschulen. Deshalb möchte er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Wenn er in den nächsten drei Monaten, in denen ihm seine Universität noch ein Übergangsgeld bezahlt, keine Stelle findet, droht dem Familienvater die Arbeitslosigkeit. Nur als Lehrbeauftragter kann Pelzer an seiner Universität tätig bleiben – für wenig mehr als 1000 Euro pro Kurs.

HartzIV statt C4, statt einer Beamtenstelle auf Lebenszeit das berufliche Aus: Eigentlich sollte die Juniorprofessur solche Schicksale verhindern helfen. Die neue Personalkategorie sollte die traditionelle deutsche Ochsentour zur Professur ablösen, bei der sich Wissenschaftler im vierten Lebensjahrzehnt wie Azubis bei einem Lehrstuhlinhaber verdingen und nebenbei ihre Habilitation verfassen müssen. Weil dieser Karriereweg in den meisten Ländern schon lange passé ist, hatte es junge Wissenschaftler aus Deutschland scharenweise ins Ausland gezogen.

Die Juniorprofessur sollte den Nachwuchswissenschaftlern nicht nur zu mehr Eigenständigkeit verhelfen, sondern ihnen auch halbwegs gesicherte Berufsaussichten eröffnen. Sechs Jahre lang durften sie ohne Vormund und mit eigenem Budget Studenten unterrichten, Prüfungen abnehmen und ihr eigenes Forschungsprofil entwickeln, um sich so für eine Lebenszeitprofessur zu qualifizieren. Als Anreiz für die Universitäten spendierte das Bundesforschungsministerium für jede neue Juniorprofessur eine Grundausstattung von anfangs 76.000, später 60.000 Euro.

Sieben Jahre später haben nun die ersten Juniorprofessoren ihre Zeit hinter sich gebracht. Aber die Revolution der wissenschaftlichen Karriere ist ausgeblieben. Zwar haben alle Bundesländer die neue Position mittlerweile in ihre Hochschulgesetze übernommen. Der Versuch, die Juniorprofessur als einzigen Weg zur Professur per Bundesgesetz festzuschreiben, scheiterte aber bereits 2004 beim Bundesverfassungsgericht. 800 Professuren wurden zu Beginn geschaffen – mehr sind es bis heute nicht geworden.