Hochschulen Weder Junior noch ProfessorSeite 3/3

Dabei hatten Fachleute in unzähligen Kommissionen und Expertisen immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Juniorprofessur als konkrete Karriereperspektive nicht attraktiv genug ist. Jedes Jahr reisen Politiker und Hochschulfunktionäre in die USA, um die große Gemeinde deutscher Wissenschaftsflüchtlinge zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Und jedes Jahr geben ihnen die Umworbenen die gleiche Antwort: Wir freuen uns, dass sich die Forschungsbedingungen dank der Exzellenzinitiative in der Heimat verbessert haben – doch eine sechsjährige Probezeit ohne Chance auf Weiterbeschäftigung ist weiterhin eine Zumutung.

Auch Kurosch Rezwan wäre ohne Aussicht auf einen festen Job niemals nach Deutschland gekommen. Der Schweizer promovierte mit Auszeichnung an der ETH Zürich. Nach seiner Zeit als Postdoc am Londoner Imperial College erhielt der Fachmann für keramische Werkstoffe mehrere hoch dotierte Angebote aus der Industrie. Doch trotz geringerer Bezahlung entschied sich Rezwan für die Wissenschaft – und für Bremen.

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Die Universität der Hansestadt veredelt als eine der wenigen Hochschulen alle Juniorprofessoren, die nicht über Drittmittel finanziert werden, mit einem Tenure Track. Fünfzehn ehemalige Nachwuchsforscher haben mittlerweile eine reguläre Professur übernommen, vier Verfahren laufen gerade. Bremen habe die Einführung der Juniorprofessur als ein »strategisches Projekt der ganzen Universität« verstanden, sagt Uni-Rektor Wilfried Müller. Am wichtigsten sei es dabei gewesen, so Müller, die Dekane für die Reform zu gewinnen. Denn es sind die Fachbereiche, die sicherstellen müssen, dass die Probeprofessoren nach sechs Jahren auf eine frei werdende Planstelle rücken können. Eine strenge Evaluation nach drei Jahren, bei der die Universität das Urteil von internationalen Gutachtern einholt, soll Fehlgriffe verhindern. »Das Verfahren ist aufwendig und erfordert ein geschicktes Personalmanagement«, sagt Müller.

Wohl deshalb scheuen die meisten deutschen Universitäten den Tenure Track. Sie wollen sich möglichst lange alle Optionen offenhalten und sich erst spät auf eine Person festlegen. »Heute können sich die Hochschulen das noch leisten«, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat. Auf die meisten Ausschreibungen bekommen die Universitäten schließlich genug Bewerbungen. Um eine freie Stelle in den Geisteswissenschaften buhlen oft gleich mehrere Dutzend Interessenten.

In den Naturwissenschaften dagegen sieht das schon anders aus. Und vielen Ingenieursfakultäten, die im Wettbewerb mit der Industrie stehen, fehlt schon jetzt der Forschernachwuchs. Kein Wunder, dass die wenigen Tenure-Track-Stellen in diesen Disziplinen angeboten werden. Die ausländischen Juroren des Exzellenzwettbewerbs, sagt Behrenbeck, äußerten ihre Überraschung darüber, wie viele deutsche Universitäten ihren wissenschaftlichen Nachwuchs in jahrelanger Unsicherheit halten. International konkurrenzfähig sei dieses Vorgehen nicht.

Im Fall von Kurosch Rezwan hat sich die Langzeitplanung jedenfalls gelohnt. Drei Jahre nach seiner Berufung schaffte der 34-Jährige, was nur ganz wenigen deutschen Forschern gelang: Er gewann einen der begehrten Nachwuchspreise des Europäischen Forschungsrats und holte 1,5 Millionen Euro nach Bremen. Als Anerkennung für seine Leistungen hievte die Universität Rezwan schon vor Ablauf der Sechsjahresfrist auf eine frei gewordene Professur. Der Übergang sei völlig reibungslos verlaufen, lobt der Forscher: »Ich konnte die gesamte Ausstattung meines Vorgängers übernehmen.«

 
Leser-Kommentare
  1. Das Problem ist, dass sich hinter den manchmal gut klingenden Neuerungen im allgemeinen Verschlechterungen der beruflichen Situation von Wissenschaftlern an Universitäten verstecken: früher waren Habilitationsstellen mit C1-Besoldung für 6 Jahre und im Erfolgsfall danach weiteren 4 Jahren mit C2 deutlich besser bezahlt als heute nach W1. Der Juniorprofessor hat also weniger Geld UND weniger Sicherheit - und das soll ein Fortschritt sein?
    Auch der angebliche Vorteil der Unabhängigkeit ist, zumindest in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, meist Illusion: um gute Foschung zu machen, braucht man da oft teure Geräte - und die gibt einem bei einer für max. 3 Jahre gesicherten Perspektive niemand; also ist man auf Unterstützung der etablierten Kollegen angewiesen, genau wie ein Habilitand früher ...
    Warum eigentlich glauben Politiker, dass Wissenschaftler dann die besten Leistungen bringen, wenn sie ständig fürchten müssen, in 1-2 Jahren auf der Strasse zu stehen? Langfristig angelgte Projekte sind damit für die meisten obsolet.
    Nur um zu vermeiden, dass vereinzelt Schnarchnasen auf Dauerstellen landen könnten, setzt man ausnahmslos alle auf die Abschussliste - eine beispielhafte Verschwendung der Ressource "Wissen".
    Liebe Kultusminister der Länder: ohne deutlich mehr unbefristete Stellen an den Hochschulen richtet Ihr deren (noch) vorhandene Qualität zu Grunde - also auf in den Kampf mit den Finanzministern!

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    • JensW
    • 16.10.2009 um 10:07 Uhr

    WORD!

    Genau so ist es.
    Th.R.

    • Buker
    • 16.10.2009 um 10:51 Uhr

    ...aber dank Juniorproffesuren läßt sich prima Geld sparen und das schien mir von Anfang an das wahre Ziel der gesamten Hochschulreform.
    Bildungsoffesnive Deutschland?
    Leider nur rethorisch im Wahlkampf!
    Aber sich immer fleißig wundern, warum die besten Leute das Land verlassen...

    Lachhaft!

    • JensW
    • 16.10.2009 um 10:07 Uhr

    WORD!

    Genau so ist es.
    Th.R.

    • Buker
    • 16.10.2009 um 10:51 Uhr

    ...aber dank Juniorproffesuren läßt sich prima Geld sparen und das schien mir von Anfang an das wahre Ziel der gesamten Hochschulreform.
    Bildungsoffesnive Deutschland?
    Leider nur rethorisch im Wahlkampf!
    Aber sich immer fleißig wundern, warum die besten Leute das Land verlassen...

    Lachhaft!

    • JensW
    • 16.10.2009 um 10:07 Uhr
    2.

    WORD!

    Antwort auf "Etikettenschwindel"
  2. Genau so ist es.
    Th.R.

    Antwort auf "Etikettenschwindel"
    • Buker
    • 16.10.2009 um 10:51 Uhr

    ...aber dank Juniorproffesuren läßt sich prima Geld sparen und das schien mir von Anfang an das wahre Ziel der gesamten Hochschulreform.
    Bildungsoffesnive Deutschland?
    Leider nur rethorisch im Wahlkampf!
    Aber sich immer fleißig wundern, warum die besten Leute das Land verlassen...

    Lachhaft!

    Antwort auf "Etikettenschwindel"
  3. Die Vorstellung der Hochschulpolitik, dass ständige Existenzängste zu Höchstleistungen zwingen, treibt die besten jungen Wissenschaftler/innen heute ins Ausland. Angst ist aber ein furchtbar schlechter Motivator, wenn es um Kreativität und Innovation geht.

    Die Bestrafungsphantasien für angeblichen Misserfolg treiben auch seltsame Blüten. 12 Jahre nach dem Diplom muss man ja eine "feste Stelle" erreicht haben, und das ist in Deutschland (und nur dort) fast ausnahmslos eine Professur. Natürlich ist das kaum zu schaffen. Danach ist egal, was man publiziert und welche Projekte man eingeworben hat. Aber seltsam: Auf Drittmittelprojekten kann man dann immer noch beschäftigt werden, in genau den endlosen Kettenverträgen, die zu bekämpfen die 12-Jahres-Regelung einst eingeführt worden war. Das führt zu der absurden Situation, dass man als habilitierter wissenschaftlicher Mitarbeiter Drittmittelprojekt leitet und Stellen besetzt, dann aber selber zum Projektmitarbeiter degradiert wird -- wenn man nicht gleich ganz auf der Strasse sitzt.

    Als ich mit nur 37 Jahren meine erste Professur bekam, hatte ich unter der 12-Jahres-Regelung gerade noch ein halbes Jahr Spielraum. Meine Doktorandenstellen konnte ich da schon längst nicht mehr besetzen, da ich selber keine zeitliche Perspektive mehr hatte, um noch eine Dissertation betreuen zu können. Kein Wunder, dass sich immer weniger qualifizierte Leute auf Promotionsstellen bewerben.

    • Puzi
    • 16.10.2009 um 11:25 Uhr

    Klingt zwar schöner als H4 statt W3 ist aber meines Wissens sachlich trotzdem Falsch, da keine neuen C stellen mehr ausgeschrieben werden sondern nur noch W1-3.

    • tartan
    • 16.10.2009 um 11:37 Uhr

    ....sind W3-Bezüge, wenn man sie erhält, durchaus international Spitze. Ziel einer Uni-Reform sollte im Grunde eine kostenneutrale Verdoppelung der (unbefristeten) Professorenstellen sein.

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    Ein Juniorprofessor ist bei W1, und das ist keinesfalls "spitze" sondern etwa auf dem Niveau eines Postdocs, insgesamt hält sich die Vergütung von Wissenschaftler in Deutschland sehr in Grenzen (W3 sind nur 10.000 EUR p.a. mehr als das durchschnittliche Einstiegsgehalt für einen promovierten Wissenschaftler, grosse Gehaltssteigerungen sind da aber nicht mehr vorgesehen; http://www.trendemployer.... ).

    Es ist eine Frechheit, dass das deutsche Universitätswesen mit seinem Personal in einer Weise umspringt, für welche die Privatwirtschaft längst am Pranger stünde und zwar zurecht. Die Konzeption der Juniorprofessur erscheint ohne Tenure-Track so, als suche man eine billige Arbeitskraft für Vorlesungen etc., die man ohne viel Federlesens nach sechs Jahren einfach wieder auf die Strasse setzten kann (die anderen Professoren machen dann halt mal ein "Forschungssemester"); forschungsmässig ist der Juniorprofessor im Nachteil gegenüber manchem Habilitanden, der eine Zeit ausschliesslich der Forschung widmen kann. Die Ausstattung der Juniorprofessur mit einem Startgeld von 60.000 EUR ist für einen Naturwissenschaftler ein Witz. Und vom Titel "Professor" kann man sich ein Eis backen, insbesondere, wenn er eine beschränkte Haltbarkeit hat. Aber alles andere würde ja Geld kosten, und so lange man noch genügend Dumme (bzw.: Idealisten) findet, kann man es ja machen.

    Ein Juniorprofessor ist bei W1, und das ist keinesfalls "spitze" sondern etwa auf dem Niveau eines Postdocs, insgesamt hält sich die Vergütung von Wissenschaftler in Deutschland sehr in Grenzen (W3 sind nur 10.000 EUR p.a. mehr als das durchschnittliche Einstiegsgehalt für einen promovierten Wissenschaftler, grosse Gehaltssteigerungen sind da aber nicht mehr vorgesehen; http://www.trendemployer.... ).

    Es ist eine Frechheit, dass das deutsche Universitätswesen mit seinem Personal in einer Weise umspringt, für welche die Privatwirtschaft längst am Pranger stünde und zwar zurecht. Die Konzeption der Juniorprofessur erscheint ohne Tenure-Track so, als suche man eine billige Arbeitskraft für Vorlesungen etc., die man ohne viel Federlesens nach sechs Jahren einfach wieder auf die Strasse setzten kann (die anderen Professoren machen dann halt mal ein "Forschungssemester"); forschungsmässig ist der Juniorprofessor im Nachteil gegenüber manchem Habilitanden, der eine Zeit ausschliesslich der Forschung widmen kann. Die Ausstattung der Juniorprofessur mit einem Startgeld von 60.000 EUR ist für einen Naturwissenschaftler ein Witz. Und vom Titel "Professor" kann man sich ein Eis backen, insbesondere, wenn er eine beschränkte Haltbarkeit hat. Aber alles andere würde ja Geld kosten, und so lange man noch genügend Dumme (bzw.: Idealisten) findet, kann man es ja machen.

  4. 8. @7

    Ein Juniorprofessor ist bei W1, und das ist keinesfalls "spitze" sondern etwa auf dem Niveau eines Postdocs, insgesamt hält sich die Vergütung von Wissenschaftler in Deutschland sehr in Grenzen (W3 sind nur 10.000 EUR p.a. mehr als das durchschnittliche Einstiegsgehalt für einen promovierten Wissenschaftler, grosse Gehaltssteigerungen sind da aber nicht mehr vorgesehen; http://www.trendemployer.... ).

    Antwort auf "Allerdings...."
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    Wohl niemand abeitet aufgrund der rosigen Verdienstmöglichkeiten in der staatlich finanzierten Grundlagenforschung. Überdurchschnittliche Gehälter sind aber auch gar nicht nötig. Es gibt doch genug begeisterte Forscher, die sogar noch Geld mitbringen würden, um ihrer Arbeit achzugehen.
    Was die Arbeitsbedingunen dagegen wirklich verbessern würde und damit auch den Output an Forschungsergebnissen pro eingesetztem Euro deutlich steigern würde, ist Planungssicherheit.

    Wohl niemand abeitet aufgrund der rosigen Verdienstmöglichkeiten in der staatlich finanzierten Grundlagenforschung. Überdurchschnittliche Gehälter sind aber auch gar nicht nötig. Es gibt doch genug begeisterte Forscher, die sogar noch Geld mitbringen würden, um ihrer Arbeit achzugehen.
    Was die Arbeitsbedingunen dagegen wirklich verbessern würde und damit auch den Output an Forschungsergebnissen pro eingesetztem Euro deutlich steigern würde, ist Planungssicherheit.

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