Schulschwänzer Stundenlohn

Frankreich verspricht Schülern einen Bonus, wenn sie nicht schwänzen

Schüler lauschen ihrem Lehrer in Marseille. Sie bekommen noch kein Geld für ihr Erscheinen

Schüler lauschen ihrem Lehrer in Marseille. Sie bekommen noch kein Geld für ihr Erscheinen

Wenn sich durchsetzt, was in Frankreich derzeit erprobt wird, dann kann Seneca einpacken. Sein Satz klang ohnehin schon abgenudelt wie ein alter Chanson: für die Schule lernen oder für das Leben? Das sind die Alternativen von gestern. Von jetzt an wird nur noch für Cash gelernt!

Drei Berufsschulen im Pariser Umland haben eine Prämie für ihre Schüler ausgelobt, wenn sie regelmäßig zum Unterricht erscheinen. Bisher hat dort jeder vierte Schüler regelmäßig gefehlt, selbst eine spezielle Eingreiftruppe, die Jagd auf Schulschwänzer machte, konnte das nicht ändern. Da Strafe offensichtlich nichts bringt, versuchen es die Rektoren jetzt mit Belohnung: Bis zu 10.000 Euro haben sie der Klasse mit der niedrigsten Fehlquote versprochen. Die Mittel kommen von Sarkozys »Hochkommissariat für Jugend«. Mit dem Geld können die Schüler eine Klassenfahrt unternehmen oder die Summe aufteilen, um so etwa allen einen Teil des Führerscheins zu finanzieren.

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Nach den Erkenntnissen der Experimentellen Wirtschaftsforschung könnte der Versuch durchaus Erfolg haben. Zumindest im Labor sind Versuchspersonen bereit zu kooperieren, wenn ihnen eine hohe Belohnung für ein Ziel versprochen wird, das sie nur gemeinsam erreichen können. Galt Schwänzen nach den sozialen Normen dieser Gruppe bisher als cool, ist es möglicherweise bald sehr unbeliebt, weil alle darunter leiden.

Leider haben Belohnungen aber auch Nebenwirkungen, die Sozialpsychologie spricht von »Verdrängung intrinsischer Motivation«: Anreize von außen ersetzen schleichend den eigenen Antrieb. Im Falle der Schüler würde das bedeuten, dass diejenigen, die bisher in die Schule gegangen sind, weil sie hofften, etwas für das Leben zu lernen, sich nach dem Experiment fragen, was sie eigentlich hier wollen, wo es doch keine Belohnung mehr gibt? Dann würde im nächsten Jahr nicht mehr jeder vierte Schüler fehlen, sondern vielleicht schon jeder dritte (es sei denn, es wird weiter bezahlt). Und schon während das Projekt noch läuft, dürften sich die Schüler anderer Schulen denken: »Ich bin ja schön blöd. Bei denen gibt es Geld, und ich gehe einfach so zum Unterricht!«

Ist Seneca also doch nicht überholt? Aus Sicht der Pädagogik war sein Satz eh nie zutreffend. Schüler lernen nicht für die Schule und auch nicht für das Leben. Sie lernen für ihre Lehrer. Wenn sie die respektieren und sich anerkannt fühlen, ist das die beste Motivation. Die richtige Währung heißt Aufmerksamkeit. Aber diese Ressource ist heute leider noch knapper als Geld.

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 16.10.2009 um 14:53 Uhr

    ...wie ein guter Gedanke. Das Geld können die Schüler dann zum Teil verwenden um Schulgeld für eine Schule ihrer Wahl zu zahlen. Dann sind die Lehrer abhängig von den Schülern. Gibt man das Geld entsprechend höher für guten schulischen Erfolg in vereinheitlichten Tests, so sind die Schüler interessiert gute Lehrer zu beschäftigen und die Lehrer gezwungen guten Unterricht zu geben.

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    Wenn die Lehrer an der Tafel den Affen machen, damit die Schüler Spaß im Unterricht haben ...
    Sein wir doch mal ehrlich - wo haben wir denn wirklich im Unterricht viel gelernt? - Richtig: bei einem Lehrer/in der echte Leistung von uns verlangt, und faire Noten gegeben hat.
    Wenn wir jetzt den Schülern die "Macht" über die Lehrer geben - das wäre ja so, als wenn die Angestellten über das Schicksal der sie Beurteilenden entscheiden müssen.
    Dann hätten wir die totalen Spaßschulen und die Schüler würden nach Klasse 10 von der Schule gehen - und könnten ihren eigenen Namen nicht buchstabieren!
    Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern.
    Schüler der unteren Klassen (bis Klasse 9) brauchen nun mal ab und zu den berühmten Tritt in den Hintern, damit was passiert. Sonst machen die nämlich ab Klasse 7 gar nichts mehr. Und wenn sie dann noch merken, dass der Lehrer ihnen in den Hintern kriecht, damit er gut "benotet" wird ... dann hurra!

    Wenn die Lehrer an der Tafel den Affen machen, damit die Schüler Spaß im Unterricht haben ...
    Sein wir doch mal ehrlich - wo haben wir denn wirklich im Unterricht viel gelernt? - Richtig: bei einem Lehrer/in der echte Leistung von uns verlangt, und faire Noten gegeben hat.
    Wenn wir jetzt den Schülern die "Macht" über die Lehrer geben - das wäre ja so, als wenn die Angestellten über das Schicksal der sie Beurteilenden entscheiden müssen.
    Dann hätten wir die totalen Spaßschulen und die Schüler würden nach Klasse 10 von der Schule gehen - und könnten ihren eigenen Namen nicht buchstabieren!
    Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern.
    Schüler der unteren Klassen (bis Klasse 9) brauchen nun mal ab und zu den berühmten Tritt in den Hintern, damit was passiert. Sonst machen die nämlich ab Klasse 7 gar nichts mehr. Und wenn sie dann noch merken, dass der Lehrer ihnen in den Hintern kriecht, damit er gut "benotet" wird ... dann hurra!

    • multix
    • 16.10.2009 um 22:32 Uhr

    J.H.: "die Sozialpsychologie spricht von »Verdrängung intrinsischer Motivation«: Anreize von außen ersetzen schleichend den eigenen Antrieb" Vive la France! Eine bildungspolit. Kapitulationserklärung in Vollendung. Das Problem ist dem Deutschen nicht fremd, zunehmende Teile der Jugend ist immer weniger für den Schulerfolg - gerade i.d. Berufsschule - zu motivieren. Warum? J.H.: "Die richtige Währung heißt Aufmerksamkeit. Aber diese Ressource ist heute leider noch knapper als Geld." Exakt.
    Aber im Kontext der Verdrängung intrins. Motivation (insbes. durch Medienkonsum, auf formale Leistungen abhebender Unterrichtung u.a. externe Motivsetzungen) gerät dies zur Sucht nach Aufmerksamkeit, die sich im Schulbetrieb nicht befriedigen lässt - warum auch?
    Das Problem liegt eher darin, dass den SchülerInnen das Motiv zum Lernen i.d. Jagd nach Aufmerksamkeit abhanden kommt - ein Teufelskreis.
    Man schaue sich die durchkommerzialisierte Jugendkultur und ihre Steigbügelhalter an - warum einen Beruf erlernen, wenn man im Aufmerksamkeitsranking durch "coole, krasse, fette etc." Selbstpräsentation im öffentl. Raum - am besten in einer der anges. Nachmittagsshows als Anti-oder-was-auch-immer-Nachwuchsstar - so viel mehr "bonus points" sammeln kann?
    Die gibt´s auch im Internet in zahllosen Plattformen/Blogs/Chats abzustauben, wozu also lesen, lernen, pauken - sich anstrengen. Motto: Born to be a hero for one day. In the easiest way - it´s my way.
    showdown as shutdown. a neverendingstory.

    • aci
    • 17.10.2009 um 13:25 Uhr

    Wenn die Forderung hieße, der Staat solle das Wahrnehmen von Grundrechten durch seine Bürger finanziell fördern, wäre wohl mit unverständnisvoller Resonanz zu rechnen. Doch genau das ist ja die Forderung!
    Es wirkt, wie multix schon erwähnt hat, wie eine Verzweiflungstat gegenüber der Sturheit einer Jugendgruppe, die für allgmeine Bildungsziele schwerer zu begeistern ist als für das alltägliche Fernsehbild - glauben die Initiatoren etwa, mit Bestechung könnte dies geändert werden?

  1. Wenn die Lehrer an der Tafel den Affen machen, damit die Schüler Spaß im Unterricht haben ...
    Sein wir doch mal ehrlich - wo haben wir denn wirklich im Unterricht viel gelernt? - Richtig: bei einem Lehrer/in der echte Leistung von uns verlangt, und faire Noten gegeben hat.
    Wenn wir jetzt den Schülern die "Macht" über die Lehrer geben - das wäre ja so, als wenn die Angestellten über das Schicksal der sie Beurteilenden entscheiden müssen.
    Dann hätten wir die totalen Spaßschulen und die Schüler würden nach Klasse 10 von der Schule gehen - und könnten ihren eigenen Namen nicht buchstabieren!
    Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern.
    Schüler der unteren Klassen (bis Klasse 9) brauchen nun mal ab und zu den berühmten Tritt in den Hintern, damit was passiert. Sonst machen die nämlich ab Klasse 7 gar nichts mehr. Und wenn sie dann noch merken, dass der Lehrer ihnen in den Hintern kriecht, damit er gut "benotet" wird ... dann hurra!

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Das hört sich an,..."
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    • multix
    • 19.10.2009 um 11:09 Uhr

    "Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern." Richtig, die sog. Eigenmotivation wird i.d. Rahmen eher geschwächt, weil es in solchen Verhältnissen in 1ter Linie darum geht sich irgendwie zu behaupten / zur Geltung zu bringen.
    Meine Generation bezog ihre intrins. Motivation aus dem sog. informellen Bildungsbereich - d.h. aus einem i.d. 70/80er höchst lebendigen Teils d. Jugendkultur, die nach Kreativität, Eigenständigkeit, Auseinandersetzungs & Kritikfähigkeit drängte. Das fand seinen Weg z.T. auch i.d. Klassenzimmer, da entstand Reibung und Spannung durch Widerspruch, Fragen untereinander u. ggü den Lehrkräften - usw. Wenn ich mir dagegen heute Unterricht angucke, dann ist dieses anregende Spannungsfeld verschwunden - die kids ziehen sich mehr oder weniger angeödet den Vortrag rein, mit etwas Glück speichern sie vom Infotainment auch was ab. Für Diskurs ist kein Platz, keine Zeit - aber auch kein Bedürfnis vorhanden, weil Jugend sich scheinbar ihre Freiheiten nicht mehr erkämpfen/erarbeiten muß, da sie als vollwertige Konsumenten gelten und sich darin eingerichtet haben ständig von außen motiviert, subvent. und ggf. aufgefangen zu werden. So wird der Class - zum (i.d.R. öden) Showroom
    umgewertet, welch ein Irrtum.

    • multix
    • 19.10.2009 um 11:09 Uhr

    "Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern." Richtig, die sog. Eigenmotivation wird i.d. Rahmen eher geschwächt, weil es in solchen Verhältnissen in 1ter Linie darum geht sich irgendwie zu behaupten / zur Geltung zu bringen.
    Meine Generation bezog ihre intrins. Motivation aus dem sog. informellen Bildungsbereich - d.h. aus einem i.d. 70/80er höchst lebendigen Teils d. Jugendkultur, die nach Kreativität, Eigenständigkeit, Auseinandersetzungs & Kritikfähigkeit drängte. Das fand seinen Weg z.T. auch i.d. Klassenzimmer, da entstand Reibung und Spannung durch Widerspruch, Fragen untereinander u. ggü den Lehrkräften - usw. Wenn ich mir dagegen heute Unterricht angucke, dann ist dieses anregende Spannungsfeld verschwunden - die kids ziehen sich mehr oder weniger angeödet den Vortrag rein, mit etwas Glück speichern sie vom Infotainment auch was ab. Für Diskurs ist kein Platz, keine Zeit - aber auch kein Bedürfnis vorhanden, weil Jugend sich scheinbar ihre Freiheiten nicht mehr erkämpfen/erarbeiten muß, da sie als vollwertige Konsumenten gelten und sich darin eingerichtet haben ständig von außen motiviert, subvent. und ggf. aufgefangen zu werden. So wird der Class - zum (i.d.R. öden) Showroom
    umgewertet, welch ein Irrtum.

    • multix
    • 19.10.2009 um 11:09 Uhr

    "Wenn hier jemand von Intrinsischer Motivation spricht, hat er wohl noch nie vor einer Klasse gestanden. Das mag in Klassen mit 8 Schülern gehen, die alle einen ähnlichen Hintergrund und Leistungswillen haben. Aber nicht - so ist die Realität nun mal - bei 30 Schülern in total überfüllten Klassenzimmern." Richtig, die sog. Eigenmotivation wird i.d. Rahmen eher geschwächt, weil es in solchen Verhältnissen in 1ter Linie darum geht sich irgendwie zu behaupten / zur Geltung zu bringen.
    Meine Generation bezog ihre intrins. Motivation aus dem sog. informellen Bildungsbereich - d.h. aus einem i.d. 70/80er höchst lebendigen Teils d. Jugendkultur, die nach Kreativität, Eigenständigkeit, Auseinandersetzungs & Kritikfähigkeit drängte. Das fand seinen Weg z.T. auch i.d. Klassenzimmer, da entstand Reibung und Spannung durch Widerspruch, Fragen untereinander u. ggü den Lehrkräften - usw. Wenn ich mir dagegen heute Unterricht angucke, dann ist dieses anregende Spannungsfeld verschwunden - die kids ziehen sich mehr oder weniger angeödet den Vortrag rein, mit etwas Glück speichern sie vom Infotainment auch was ab. Für Diskurs ist kein Platz, keine Zeit - aber auch kein Bedürfnis vorhanden, weil Jugend sich scheinbar ihre Freiheiten nicht mehr erkämpfen/erarbeiten muß, da sie als vollwertige Konsumenten gelten und sich darin eingerichtet haben ständig von außen motiviert, subvent. und ggf. aufgefangen zu werden. So wird der Class - zum (i.d.R. öden) Showroom
    umgewertet, welch ein Irrtum.

  2. lassen sich Klassenaktivitäten finanzieren, die wiederum den Zusammenhalt und soziales Miteinander fördern. Gleichzeitig wird Fehlverhalten stärker durch die Gemeinschaft kontrolliert. http://viereggtext.blogsp...

    • Piney
    • 30.10.2009 um 23:23 Uhr

    Ich persönlich finde dieses Mittel absolut sinnlos, da ich nicht verstehe, warum manche nicht in die Schule gehen, sondern lieber vor dem Fernseher hocken oder sonst etwas sinnloses machen. Ob diese Schüler nicht wissen, dass sie ihr ganzes Leben wegen ein paar Stunden mehr Spaß verbauen? Man sollte diese Schüler einfach mal auflaufen lassen und sie somit später die Konsequenzen spüren lassen. Danach könnte man hingehen und eben diese Schüler zu Gesprächsrunden einladen, in denen sie allen anderen Schülern den Verlauf ihres Lebens einmal schildern.

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