Schüler lauschen ihrem Lehrer in Marseille. Sie bekommen noch kein Geld für ihr Erscheinen © Anne-Christine Pouijoulat/AFP/Getty Images

Wenn sich durchsetzt, was in Frankreich derzeit erprobt wird, dann kann Seneca einpacken. Sein Satz klang ohnehin schon abgenudelt wie ein alter Chanson: für die Schule lernen oder für das Leben? Das sind die Alternativen von gestern. Von jetzt an wird nur noch für Cash gelernt!

Drei Berufsschulen im Pariser Umland haben eine Prämie für ihre Schüler ausgelobt, wenn sie regelmäßig zum Unterricht erscheinen. Bisher hat dort jeder vierte Schüler regelmäßig gefehlt, selbst eine spezielle Eingreiftruppe, die Jagd auf Schulschwänzer machte, konnte das nicht ändern. Da Strafe offensichtlich nichts bringt, versuchen es die Rektoren jetzt mit Belohnung: Bis zu 10.000 Euro haben sie der Klasse mit der niedrigsten Fehlquote versprochen. Die Mittel kommen von Sarkozys »Hochkommissariat für Jugend«. Mit dem Geld können die Schüler eine Klassenfahrt unternehmen oder die Summe aufteilen, um so etwa allen einen Teil des Führerscheins zu finanzieren.

Nach den Erkenntnissen der Experimentellen Wirtschaftsforschung könnte der Versuch durchaus Erfolg haben. Zumindest im Labor sind Versuchspersonen bereit zu kooperieren, wenn ihnen eine hohe Belohnung für ein Ziel versprochen wird, das sie nur gemeinsam erreichen können. Galt Schwänzen nach den sozialen Normen dieser Gruppe bisher als cool, ist es möglicherweise bald sehr unbeliebt, weil alle darunter leiden.

Leider haben Belohnungen aber auch Nebenwirkungen, die Sozialpsychologie spricht von »Verdrängung intrinsischer Motivation«: Anreize von außen ersetzen schleichend den eigenen Antrieb. Im Falle der Schüler würde das bedeuten, dass diejenigen, die bisher in die Schule gegangen sind, weil sie hofften, etwas für das Leben zu lernen, sich nach dem Experiment fragen, was sie eigentlich hier wollen, wo es doch keine Belohnung mehr gibt? Dann würde im nächsten Jahr nicht mehr jeder vierte Schüler fehlen, sondern vielleicht schon jeder dritte (es sei denn, es wird weiter bezahlt). Und schon während das Projekt noch läuft, dürften sich die Schüler anderer Schulen denken: »Ich bin ja schön blöd. Bei denen gibt es Geld, und ich gehe einfach so zum Unterricht!«

Ist Seneca also doch nicht überholt? Aus Sicht der Pädagogik war sein Satz eh nie zutreffend. Schüler lernen nicht für die Schule und auch nicht für das Leben. Sie lernen für ihre Lehrer. Wenn sie die respektieren und sich anerkannt fühlen, ist das die beste Motivation. Die richtige Währung heißt Aufmerksamkeit. Aber diese Ressource ist heute leider noch knapper als Geld.