Frankreich Immer noch ein Dämon
Französische Schriftsteller haben in diesem Herbst Deutschland entdeckt. Auf den Nachbarn mit der üblen Vergangenheit schaut man weiterhin mit Unbehagen
Ein französischer Soldat liebt eine Deutsche, der Erste Weltkrieg trennt die beiden; die Frau ist schwanger, aber heiratet einen anderen; ihre Tochter Gretl kommt im Zweiten Weltkrieg (»mein goldenes Zeitalter«) als Wehrmachtshelferin nach Paris, trifft den Vater und bleibt ihm fremd; seine Enkelin, Französin, reist schließlich ins vereinte Deutschland, um herauszufinden, wer Gretl war. »Hätten wir uns gekannt, ich wüsste nicht, ob wir uns geliebt hätten«, lautet der letzte Satz des Romans Le secret Gretl von Marie-Odile Beauvais.
Hannah Arendt trifft 1950 ihre große Liebe Martin Heidegger wieder und sagt danach: »Solange wir im Blick des anderen vor allem deutsch, jüdisch oder chinesisch sind, bleiben wir getrennt. Das ist vielleicht die Lehre unseres Jahrhunderts« – so steht es am Schluss des Theaterstücks Le Démon de Hannah von Antoine Rault.
Eine hypernervöse Pariserin fliegt von Berlin nach Hause und denkt über den deutschen Pianisten nach, den sie im Sony Center (dem »Symbol der Vereinigten Staaten von Deutschland«), im Café Einstein und im Brecht-Haus vollgequatscht hatte und der ihr unausgesetzt mit Richard Bruno Heydrich kam, dem Wagnerianer, Operntenor, Komponisten, dem Vater von Reinhard Heydrich. Die Pariserin und der Berliner werden keine Liebenden, und im Landeanflug merkt sie, dass ihr die deutsche Sprache wieder abhandenkommt. »Es ist wie jedes Mal: eineinhalb Stunden für den Verfall des Deutschen«, sagt sie gegen Ende des Romans L’autoportrait bleu von Noémi Lefebvre.
Missglückte Begegnung, das ist das meistverwendete Motiv der Literatur über die Deutschen (und die Franzosen), die in diesem Herbst in Paris erschienen ist. Ein gutes Dutzend neuer Bücher geht dem deutschen Phänomen nach, nicht gerechnet die übersetzten Romane und die Sachbücher (unter diesen herausragend: Berlin-Ouest von Jacqueline Hénard). Die Romane spiegeln auch dann, wenn sie in der Jetztzeit spielen, die Hitlerzeit wider. Die Emulsion aus Nazidreck und Teutonentum bleibt dick wie Mayonnaise. Ein verstörender Befund, und er passt zu der in Paris wieder aufgeflammten Debatte um die Wiedervereinigung: Was hatte François Mitterrand damals gedacht, war die Furcht vor einem neuen deutschen Wahn berechtigt, und ist sie es vielleicht gar jetzt noch? Sein ehemaliger Berater Jacques Attali beschwor kürzlich im Nachrichtenmagazin Express den »deutschen Dämon«, der noch immer existiere; die scharfe Antwort des deutschen Botschafters im gleichen Blatt veranlasste Attali sodann zu einer nicht minder expliziten Replik.
Zwei der neuen Romane spielen im Nazideutschland, Berlin 36 von Alexandre Najjar und Cadence von Stéphane Velut. Najjar, preisgekrönter Erfolgsautor, lässt Jesse Owens, Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl auftreten, außerdem eine junge französische Reporterin, die über die Olympischen Spiele 1936 berichten soll. Schwierig, dem Thema Überraschendes abzugewinnen, und es gelingt auch nicht. Ganz anders Stéphane Veluts Erstlingsroman, der für den angesehenen Prix Wepler vorgeschlagen ist. Cadence spielt Ende 1933 und schildert ein privates Verbrechen in einer Welt des öffentlichen Verbrechens. Dem Icherzähler, Kunstmaler, wird ein Mädchen zugeführt, das er für den »Führer« porträtieren soll, als »Ikone deutschen Ruhms«. Das Opfer ist ihm ausgeliefert, denn es weiß, dass es anderenfalls »dorthin zurückkehren muss, woher es kam«. Der Erzähler malt auftragsgemäß, plant aber unter diesem Deckmantel ein perverses Verbrechen. Das Mädchen wird Sache, die im Übrigen genau vermessen werden muss, wodurch sie sich verdoppelt und neben ihrer physischen eine wissenschaftliche Existenz erhält. Der Täter meint, mit den Nazis nichts zu schaffen zu haben, hält diese für weitaus wahnsinniger als sich selbst, beobachtet mit Abscheu ihre körperliche Verwandlung in Hunde, bis er merkt, dass er selbst eine Ratte geworden ist. Diese ein wenig belehrende Wendung hätte vielleicht nicht sein müssen, trotzdem lässt sich der Roman nicht aus der Hand legen, vielleicht auch deswegen, weil er mit dem Ekel spielt, und Ekel zieht an.
Cadence ist ein Roman; auch Le secret Gretl trägt diese Bezeichnung und ist doch eher ein Bericht mit Dokumenten. Aber was für einer! Am bedrückendsten die Passagen, in denen die Autorin ihre Erfahrungen mit deutschen Bürokraten schildert, die sie um Hilfe bei der Suche nach Spuren ihrer Tante ersucht. Das Vergessen ist hoch organisiert, seine Formel lautet »Privatsphäre«. Selbst dort, wo erinnert und nicht verdrängt werden soll, schleicht sich die vulgäre Gedankenlosigkeit einer Zeit ein, die keine rechte Lust mehr auf Scham hat: »Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erhalten das Gedenkbuch gegen Erstattung der Versandkosten kostenlos«, heißt es auf der Website der Gedenkstätte, und Marie-Odile Beauvais ringt an dieser Stelle förmlich um Worte. Sie zeigt, wie das Vergessenwollen die Deutschen deformierte, ihre Architektur wie ihre Seelen.
Die Momentaufnahmen des Romans Mon enfant de Berlin von Anne Wiazemsky, auch er eine dokumentierte Rekonstruktion, tragen zur Ätiologie der Gedächtnisstörung bei. Die Heldin ist Claire Mauriac, ja, genau: die Tochter des berühmten Schriftstellers François Mauriac, sie zieht als Rotkreuzhelferin ins in Trümmern liegende Berlin, um dort etwas anderes zu werden als »die Tochter des«. Sie erlebt das Volk der Täter, dessen Bewusstsein eine Ruinenlandschaft ist. Die Amnesie bricht aus, und die von ihr Befallenen sprechen von der Stunde null. Claire bekommt eine Tochter, die während der Geburt beinahe stirbt. Der rettende Arzt wird später verhaftet, er war ein Kriegsverbrecher. Das »Berliner Kind« ist die Autorin selbst. Ihr Buch wurde für den Prix Renaudot vorgeschlagen.
Während die politische Literatur Frankreichs den Deutschen meist zubilligt, ihre verbrecherische Vergangenheit aufgearbeitet zu haben, bleibt die Belletristik misstrauisch. Martin Heidegger stolpert in Le Démon de Hannah durch den Drahtverhau seiner Rechtfertigungen (»Ich habe niemanden getötet und niemandem den Tod gewünscht«); Paul Celan alias Lenz wiederum wird, so schildert es der kaum verschlüsselte Beziehungsroman Ordalie von Cécile Ladjali, auf einem Treffen der Gruppe 47 dafür kritisiert, seine Leser zu »entmutigen«, und der unglücklich in Celans Gefährtin Ingeborg Bachmann verliebte Icherzähler schreibt: »Ich hatte keinerlei Mitleid für Lenz und seinesgleichen. Ich schämte mich für unsere Scham.«
Das gleiche Motiv taucht in Brigitte Girauds Une année étrangère auf. Eine 17-jährige Französin verlebt als Au-pair einen Winter nahe Lübeck, und vielleicht ist die deutsche Melange in diesem Roman am dichtesten beschrieben. Die Geschichte eines Mädchens, das in fremder Umgebung als fünftes Rad am Wagen beginnt, bis es die Achse der Familie wird, entwickelt sich langsam und ohne Rätsel, hellt aber ihre Umgebung auf. Das schwere Essen, die seltsamen Tischsitten, der starre Frohsinn im Partykeller, die sehr deutsche Abwesenheit jeglichen Spiels mit der erotischen Verführung, das könnten ebenso Klischees sein, wird aber mit verstecktem Humor erzählt, und dann taucht der unvermeidliche Opa auf, der im Krieg Frankreich lieben gelernt hat, eben auf seine Art. Das Mädchen arbeitet sich durch Thomas Mann, wechselt dann, »wie einst ein großer Teil der deutschen Nation«, die Lektüre und liest stattdessen Mein Kampf.
Die plappernde Hauptdarstellerin des Autoportrait bleu müht sich gleichfalls an Thomas Mann ab. Das Romandebüt ist sicherlich das unterhaltsamste Buch des Genres Die-Deutschen-sind-heute-so-weil-sie-früher-so-waren. Es ist ebenfalls für den Wepler-Preis vorgeschlagen und bringt das Kunststück fertig, Schweres wie ein Soufflé zu präsentieren. Danach empfiehlt sich ein Digestif: Honecker 21 von Jean-Yves Cendrey. Der Autor lebt in Berlin, und seine Geschichte erzählt von einem Versager, der französisches Design liebt, sich selbst verachtet und passenderweise ins denkmalgeschützte Corbusierhaus zieht. Deutsche Kulinarik (der Besitzer eines familiär-gemütlichen Puffs empfiehlt »Kartoffelgulasch, Blutwurstroulade, Ochsenschwanzragout«), die Geschlechtslosigkeit der neuen Berliner, die Waldnatur der Stadt, die chinesische Winkekatze als Symbol der Globalisierung, da ist vieles gut beobachtet. Und es ist das einzige Buch, in dem Berlin einfach nur eine normal kaputte Metropole ist und wo der Selbsthass seiner Einwohner nichts Nachfaschistisches an sich hat.
Aber das ist die Ausnahme. Nehmen wir noch zwei Übersetzungen hinzu, nämlich die Autobiografie Evas Geschichte der von den Nazis gemarterten Jüdin Eva Schloss (in Deutschland bereits 2005 erschienen) sowie den Berlin-Roman Book of Clouds der Amerikanerin Chloe Aridjis, dann ist der Schluss zwingend, dass Frankreich heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, erneut prüfend auf Deutschland blickt. Der Kommunismus, das war der gemeinsame Gegner, der die beiden Länder zusammenzwang, aber heute? Die Interessen der Nachbarn konvergieren, sie brauchen Europa und deswegen einander, doch das ist nicht so konkret wie Russenpanzer und SS-20. Das verlangt nach permanenter Aufklärung und Vergewisserung.
Keine Retourkutschen! Wer uns da ansieht, ist ein Frankreich, das durchaus die eigene Verstrickung in den Holocaust diskutiert. Nur sind in diesem Herbst eben wieder einmal die Deutschen dran. Nein, aufhören wird das nie. Ja, das ist gut.
Chloe Aridjis: Le livre des nuages
mercure de france, Paris 2009; 215 S., 21,80 €
Marie-Odile Beauvais: Le secret Gretl
Fayard, Paris 2009; 397 S., 21,90 €
Jean-Yves Cendrey: Honecker 21
actes sud, Paris 2009; 223 S., 18,50 €
Brigittte Giraud: Une année étrangère
Stock, Paris 2009; 208 S., 17,00 €
Jacqueline Hénard: Berlin-Ouest
Perrin, Paris 2009; 249 S., 17,80 €
Cécile Ladjali: Ordalie
Actes sud, Paris 2009; 204 S., 18,00 €
Noémi Lefebvre: L’autoportrait bleu
verticales, Paris 2009; 143 S, 13,90 €
Alexandre Najjar: Berlin 36
Plon, Paris 2009; 286 S., 20,– €
Antoine Rault: Le Démon de Hannah
Albin Michel, Paris 2009; 115 S., 10,– €
Eva Schloss: L’histoire d’Eva
Le Cherche Midi, Paris 2009; 350 S., 17,– €
Stéphane Velut: Cadence
Christian Bourgois, Paris 2009; 190 S., 15,– €
Anne Wiazemsky: Mon enfant de Berlin
Gallimard, Paris 2009; 249 S., 17,50 €
- Datum 15.10.2009 - 14:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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