Frankreich Immer noch ein DämonSeite 2/2
Während die politische Literatur Frankreichs den Deutschen meist zubilligt, ihre verbrecherische Vergangenheit aufgearbeitet zu haben, bleibt die Belletristik misstrauisch. Martin Heidegger stolpert in Le Démon de Hannah durch den Drahtverhau seiner Rechtfertigungen (»Ich habe niemanden getötet und niemandem den Tod gewünscht«); Paul Celan alias Lenz wiederum wird, so schildert es der kaum verschlüsselte Beziehungsroman Ordalie von Cécile Ladjali, auf einem Treffen der Gruppe 47 dafür kritisiert, seine Leser zu »entmutigen«, und der unglücklich in Celans Gefährtin Ingeborg Bachmann verliebte Icherzähler schreibt: »Ich hatte keinerlei Mitleid für Lenz und seinesgleichen. Ich schämte mich für unsere Scham.«
Das gleiche Motiv taucht in Brigitte Girauds Une année étrangère auf. Eine 17-jährige Französin verlebt als Au-pair einen Winter nahe Lübeck, und vielleicht ist die deutsche Melange in diesem Roman am dichtesten beschrieben. Die Geschichte eines Mädchens, das in fremder Umgebung als fünftes Rad am Wagen beginnt, bis es die Achse der Familie wird, entwickelt sich langsam und ohne Rätsel, hellt aber ihre Umgebung auf. Das schwere Essen, die seltsamen Tischsitten, der starre Frohsinn im Partykeller, die sehr deutsche Abwesenheit jeglichen Spiels mit der erotischen Verführung, das könnten ebenso Klischees sein, wird aber mit verstecktem Humor erzählt, und dann taucht der unvermeidliche Opa auf, der im Krieg Frankreich lieben gelernt hat, eben auf seine Art. Das Mädchen arbeitet sich durch Thomas Mann, wechselt dann, »wie einst ein großer Teil der deutschen Nation«, die Lektüre und liest stattdessen Mein Kampf.
Die plappernde Hauptdarstellerin des Autoportrait bleu müht sich gleichfalls an Thomas Mann ab. Das Romandebüt ist sicherlich das unterhaltsamste Buch des Genres Die-Deutschen-sind-heute-so-weil-sie-früher-so-waren. Es ist ebenfalls für den Wepler-Preis vorgeschlagen und bringt das Kunststück fertig, Schweres wie ein Soufflé zu präsentieren. Danach empfiehlt sich ein Digestif: Honecker 21 von Jean-Yves Cendrey. Der Autor lebt in Berlin, und seine Geschichte erzählt von einem Versager, der französisches Design liebt, sich selbst verachtet und passenderweise ins denkmalgeschützte Corbusierhaus zieht. Deutsche Kulinarik (der Besitzer eines familiär-gemütlichen Puffs empfiehlt »Kartoffelgulasch, Blutwurstroulade, Ochsenschwanzragout«), die Geschlechtslosigkeit der neuen Berliner, die Waldnatur der Stadt, die chinesische Winkekatze als Symbol der Globalisierung, da ist vieles gut beobachtet. Und es ist das einzige Buch, in dem Berlin einfach nur eine normal kaputte Metropole ist und wo der Selbsthass seiner Einwohner nichts Nachfaschistisches an sich hat.
Aber das ist die Ausnahme. Nehmen wir noch zwei Übersetzungen hinzu, nämlich die Autobiografie Evas Geschichte der von den Nazis gemarterten Jüdin Eva Schloss (in Deutschland bereits 2005 erschienen) sowie den Berlin-Roman Book of Clouds der Amerikanerin Chloe Aridjis, dann ist der Schluss zwingend, dass Frankreich heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, erneut prüfend auf Deutschland blickt. Der Kommunismus, das war der gemeinsame Gegner, der die beiden Länder zusammenzwang, aber heute? Die Interessen der Nachbarn konvergieren, sie brauchen Europa und deswegen einander, doch das ist nicht so konkret wie Russenpanzer und SS-20. Das verlangt nach permanenter Aufklärung und Vergewisserung.
Keine Retourkutschen! Wer uns da ansieht, ist ein Frankreich, das durchaus die eigene Verstrickung in den Holocaust diskutiert. Nur sind in diesem Herbst eben wieder einmal die Deutschen dran. Nein, aufhören wird das nie. Ja, das ist gut.
Chloe Aridjis: Le livre des nuages
mercure de france, Paris 2009; 215 S., 21,80 €
Marie-Odile Beauvais: Le secret Gretl
Fayard, Paris 2009; 397 S., 21,90 €
Jean-Yves Cendrey: Honecker 21
actes sud, Paris 2009; 223 S., 18,50 €
Brigittte Giraud: Une année étrangère
Stock, Paris 2009; 208 S., 17,00 €
Jacqueline Hénard: Berlin-Ouest
Perrin, Paris 2009; 249 S., 17,80 €
Cécile Ladjali: Ordalie
Actes sud, Paris 2009; 204 S., 18,00 €
Noémi Lefebvre: L’autoportrait bleu
verticales, Paris 2009; 143 S, 13,90 €
Alexandre Najjar: Berlin 36
Plon, Paris 2009; 286 S., 20,– €
Antoine Rault: Le Démon de Hannah
Albin Michel, Paris 2009; 115 S., 10,– €
Eva Schloss: L’histoire d’Eva
Le Cherche Midi, Paris 2009; 350 S., 17,– €
Stéphane Velut: Cadence
Christian Bourgois, Paris 2009; 190 S., 15,– €
Anne Wiazemsky: Mon enfant de Berlin
Gallimard, Paris 2009; 249 S., 17,50 €
- Datum 15.10.2009 - 14:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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