Vampirfilm "Durst" Schlachtfeld der LiebeSeite 2/2

Auch sein dänischer Kollege Lars von Trier treibt das Genrekino ins Extrem für einen Showdown der Geschlechter. In seinem Horrorfilm Antichrist erscheinen Mann und Frau (Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg) als Vertreter gänzlich gegensätzlicher Prinzipien: Natur gegen Naturbeherrschung, satanisches Dunkel gegen Aufklärung, entfesselte gegen passive Aggression, Hysterie gegen Ruhe, Hexe gegen Hexenverfolger. Austragungsort der Feindschaft ist auch hier der Körper, den von Trier wie ein Schlachtfeld behandelt.

Was wollen uns diese Filme sagen? Dass das Kino gerade dabei ist, die Liebe zu entsublimieren, zu profanisieren und zu brutalisieren, von der Zweisamkeit mit Vorliebe als Zweikampf zu erzählen? Dass im ausgehenden ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends die Illusion dahin, die Romantik zerstoben, das Gefühl entzaubert ist? Dass es keine Semantik, keine Ideale, keine Codes der Liebe, ja nicht einmal mehr die Psychologie des Paares gibt. Was bleibt, so viel steht fest, sind Körper, die im Schlaglicht theoretischer Überbauten aufeinanderprallen. Sowohl bei Park Chan-wook als auch bei Lars von Trier sind diese Überbauten so perfekt wie durchscheinend konstruiert. Beide scheinen ihre abendländischen Ideenkonstrukte vor allem dafür zu errichten, um sie im Verlauf ihrer Filme wieder lustvoll einzureißen. Und aus den Ruinen entsteigt die reine Physis.

Bei von Trier verengen sich all die großen Diskurse letztlich zu einer grotesk übersteigerten Szene häuslicher Gewalt. In der Enge einer Waldhütte kämpfen hier irgendwann keine Prinzipien mehr gegeneinander, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Mit Mühlsteinen, Scheren, Holzklötzen und irgendwann mit bloßen Händen tritt man gegeneinander an. Der körperlich Stärkere wird gewinnen.

Park Chan-wook, der durch eine extrem gewalttätige und extrem stilisierte Rachetrilogie zu einem Kultregisseur des internationalen Autorenkinos wurde, schickt seine beiden Vampire in einen Kampf zwischen hemmungsloser Lust und Moral, Mordgier und der Sehnsucht nach Erlösung. Die Vampirin entdeckt den Spaß an der mörderischen Jagd, an übernatürlichen Kräften, Unsterblichkeit und dem Leben als Outlaw. Wenn man so will, handelt es sich auch um eine Befreiung. Der Priester hingegen versucht immer wieder, dem entfesselten Treiben Einhalt zu gebieten. Doch seine verzweifelten Beschwichtigungsversuche werden allein schon durch die Filmsprache zunichte gemacht. Durst ist eine meisterlich inszenierte Choreografie des Grauens.

Die sexuell entfesselte Heldin wird von ihrem vernünftigen Gegenpart eliminiert

Hier werden Korkenzieher in Herzen gedrückt, kleine Finger angezapft, wird der rote Saft aus Kanülen getrunken und mit schmatzenden Bissen aus Kehlen gesaugt. Schlimmste Zumutung ist eine Tonspur, die unerbittlich jedes Spritzen und Schmatzen, Schneiden, Sägen, Wirbelbrechen und Gliederzerquetschen registriert. Und sosehr sie sich auch lieben mögen: Am Ende sind auch die Vampire hier nur noch Körper. Sexualisiertes, verletzliches, vergängliches Fleisch. Ein paar Quadratmeter Haut über ein paar Litern roter Flüssigkeit.

Lars von Trier und Park Chan-wook, die beiden radikalsten Filmemacher des Gegenwartskinos, konfrontieren uns mit Horrorfilmen, in denen sich Liebende bis aufs Letzte bekämpfen. Von Trier betrachtet diesen Kampf händereibend, Park Chan-wook mit einem gewissen Mitgefühl. In beiden Filmen wird eine sexuell entfesselte, furienhafte Heldin am Schluss von ihrem vernünftigen Gegenpart eliminiert.

Sieger gibt es trotzdem keine. In Antichrist humpelt ein versehrter Mann vom Schlachtfeld jahrhundertealter Geschlechterkriege, vorbei am Scheiterhaufen, auf dem er gerade seine Frau verbrennt. In Durst geht die weißliche Sonne der Apokalypse über einem abgekämpften Paar auf.

 
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