Clearstream-Prozess Das große Fressen
Nicolas Sarkozy gegen Dominique de Villepin: Der Clearstream-Prozess offenbart, wie sehr die französische Elite von Hass und Abscheu regiert wird.
Am Fleischerhaken werde er den Denunzianten aufhängen: So wird Nicolas Sarkozy zitiert. Neben denen anderer Prominenter fand sich auch sein Name in den Listen angeblicher Schmiergeldkonten bei Clearstream, einer Firma in Luxemburg, die Wertpapiergeschäfte abwickelt. Die Listen stellten sich als gefälscht heraus, und seit Mitte September baumelt der Fleischerhaken des Präsidenten über fünf Angeklagten, die sich im Pariser Justizpalast gegen den Vorwurf der Verleumdung verteidigen. Der bekannteste unter ihnen ist Dominique de Villepin, einst Außen-, dann Innen-, schließlich Premierminister. Der prominenteste Nebenkläger wiederum heißt Sarkozy.
Während ihres Zweikampfes um die Präsidentschaftskandidatur 2007 wurden die beiden Konkurrenten zu Erzfeinden. Nun setzen sie ihren Streit fort, vor Gericht. Und könnten unterschiedlicher nicht sein: de Villepin, der hochgewachsene Berufsdiplomat, der nie ein Wahlamt innehatte, vielmehr stets seitwärts in seine Funktionen hineinschwebte – und sein Dämon Sarkozy, der sich durch zahllose Wahl- und Parteikämpfe biss und schließlich ganz oben ankam. Doch solange de Villepin nicht erledigt ist, bleibt er eine potenzielle Führungsfigur der Rechten. Schließlich geht der Chiracist ihnen nicht so auf den Wecker wie Sarkozy, der Dauerreformer.
Demnächst erscheint wieder ein Roman de Villepins: Der letzte Zeuge; jetzt aber ist er selbst Angeklagter. Und zwar in einem Monsterprozess, in dem die »Schuldigen« (Sarkozy) und die 39 Nebenkläger, die zur Elite des Landes zählen, offene Rechnungen begleichen und sich in Selbstrechtfertigungen ergehen. Zuweilen gerät das Hauen und Stechen dermaßen durcheinander, dass selbst Prozessbeteiligte nicht mehr mitkommen.
»Sie haben die besten Schulen besucht – und fallen dann auf so jemanden rein?«
Die Umrisse des Vorgangs sind freilich geklärt. Im Spätsommer 2004 ist der Untersuchungsrichter Renaud van Ruymbeke, Kämpfer gegen die Korruption, frustriert: Alle Versuche, den Weg von Schmiergeldern aus Frankreichs Fregattengeschäft mit Taiwan aufzuklären, scheitern am »militärischen Geheimnis«. Da trudeln anonyme Briefe ein, die ein mafiöses Netz beschreiben, dessen Geldwaschmaschine Clearstream sein soll. Anbei CD-ROMs mit Namen: Politiker jeder Couleur, Geschäftsleute, Intellektuelle. Renaud van Ruymbeke muss bald entdecken, dass alles erlogen ist. Die Jagd nach dem Urheber beginnt.
Als Absender der Briefe stellt sich Jean-Louis Gergorin heraus, zu jener Zeit Vizechef des Rüstungskonzerns EADS. Auch er ist nun angeklagt und behauptet heute, er habe die Listen nicht selbst geschrieben, sondern nur »in gutem Glauben« an ihren Wahrheitsgehalt dem Richter van Ruymbeke zugeleitet. Guter Glaube! Das Wort erbittert den Nebenkläger Alain Gomez, einst Chef des Rüstungskonzerns Thomson, Hauptbeteiligter des Fregattengeschäfts mit Taiwan. Gergorin arbeitete damals bei der Konkurrenzfirma Matra. Was glaubt Gomez, wie sein Name auf die Clearstream-Listen kam? »Das ist Gergorins Handschrift«, bricht es aus dem weißhaarigen Wirtschaftsrecken hervor, »er hat mir früher schon mit gefälschten Telegrammen etwas anhängen wollen.« In diesem Prozess fallen nicht nur französische Spitzenpolitiker übereinander her, sondern auch Industrielle.
Sarkozys Namen freilich hat jemand anders eingetragen, und man weiß auch, wer: ein Mathematiker namens Imad Lahoud. Nachdem der Experte für Wahrscheinlichkeitstheorie ein halbes Jahr lang wegen Betrügereien im Gefängnis gesessen hatte, machte er sich im Oktober 2002 beim militärischen Geheimdienst mit vorgeblichen Kenntnissen über Finanzoperationen Osama bin Ladens interessant. Zugleich nahm er Kontakt mit Jean-Louis Gergorin auf, dem EADS-Vize, der ihn sofort als Informatik-Berater engagierte. Und ihn später angewiesen haben soll, bei der Firma Clearstream entwendete Computerdateien »zu vervollständigen«, wie Lahoud sagt. Zu seiner Entlastung führt der ebenfalls angeklagte Lahoud an, er sei als Exsträfling von seinem Wohltäter abhängig gewesen: »Ich war seine Sache.« In das hämische Gelächter des Publikums sagt Gergorin: »Imad Lahoud hat auf eigene Faust gefälscht, ich wusste von nichts.«
Der einstige EADS-Stratege hat einen Hang zu Verschwörungstheorien. Er glaubt zum Beispiel, dass sein ehemaliger Chef bei Matra im Jahr 2003 von Weißrussen mit einer Geheimwaffe ermordet wurde. Mit dieser Story lag Gergorin den Spitzen der Politik in den Ohren, und da konnte ihm ein Lahoud nur nutzen, dieses Mathe-Genie mit der stupenden Überzeugungskraft, das ebenfalls überall Komplotte vermutete. Ungläubig fragt der Vorsitzende Richter, was sich dieser Tage ganz Paris fragt: Gergorin habe die erlauchtesten Schulen mit glänzenden Noten absolviert, sei ein gefragter Geostratege, »und dann fallen Sie auf jemanden wie Imad Lahoud herein?« – »Er hatte mich in seinen geistigen Netzen gefangen«, antwortet der Topmanager kläglich.
- Datum 16.10.2009 - 07:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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Es ist ja doch ein zyklisch immer wiederkehrendes Phänomen.
Die Degeneration der gesellschaftlichen Machteliten - in der Frühzeit der Priesterkasten - und das Aufbrechen allumfassender Manieriertheitspsychosen ist eine recht unumstrittene historische Tatsache.
Dass wir heute in der sogen. industriellen Welt der nördlichen Hemisphäre dieser fundamentalen gesellschaftlichen Degeneration in immer extremerer Weise gegenüberstehen, wird in den kommenden Jahren wohl auch immer augenfälliger und unübersehbarer werden.
Solche omnipotenten und real-leistungsunfähigen Feudaleliten, die ausschließlich qua Besitzerbschaftssystem, Vettern- und Günstlingswirtschaft in die Machtfunktionen gespült werden, so wie
Stoffwechselausgangsprodukte an das Ufer der Flüsse getrieben werden, wenn keine hinreichend funktionierende Abwasserreinigung existiert, ist ebenfalls ein mehr als nur hinreichend bekanntes Phänomen.
So gesehen tapern wir als europäische Gesellschaftenunion in einen offenbar unausweichlichen Niedergang, weil der Begriff "Leistung" und "Wettbewerb" sich nur noch auf die Methodik der heute existierenden finanzspekulativen Bescheisser- und Betrügereliten gründet.
Kein schöner Land in dieser Zeit, fürwahr.
Phantastisch, dieser beitrag !
Danke !!
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des Pentagon, als dessen Bulldogge Sarcozy in Frankreich agiert, seit er auf der UNO-Vollversammlung in New York 2003 in einer einzigen eleganten Rede die gefälschten Kriegsgründe seines Vorredners Colin Powell als solche beim Namen nannte und dafür standing ovations erhielt.
Phantastisch, dieser beitrag !
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