Als Letzte starb Germaine, die Besitzerin des Grand Hôtel Nord-Pinus in Arles. Viel ist nicht geblieben von ihr, ein paar Erinnerungen, ein paar Fotos in ein paar Winkeln des Hotels, vergilbte Geschichten. Auf ihrem letzten Foto sitzt sie wie immer rechts vom Hoteleingang, aber die einst extravaganten Kleider sind matt wie das Gefieder eines kränkelnden Vogels, und ein Glas Champagner hält sie auch nicht mehr in den Händen. Es ist das Foto einer alten Frau, die auf Erlösung wartet und währenddessen von der Vergangenheit zehrt, als ihr Hotel illustre Gäste beherbergte und sie die ungekrönte Königin von Arles war. Und wenn ihr auf der verwaisten Terrasse, die die Passanten längst als Trottoir benutzten, der Zugang ins Reich der Vergangenheit verwehrt blieb, schlug sie mit ihrem Stock nach den Leuten. Als ob sie den Weg frei halten wollte für jene, die einst gekommen sind und ihr die Hand geküsst hatten.

Die Welt kam zu Germaine und ihrem Hotel jeweils im April und September, während der Stierkämpfe, der Féria. Sie wand sich durch die schmalen Gassen bis zur Place du Forum, an deren Kopfseite das Hotel steht, und sie bevölkerte die Terrasse und später die Bar rechts am Ende der Lobby und zum Schluss die zwanzig Gästezimmer. Die Welt, ihre Welt, das war eine Galaxie außerhalb des bürgerlichen Universums, Picasso das Zentralgestirn, Cocteau eine kleine Sonne, und um die Galaxie herum schwebten all die Mitläufer wie eine Oortsche Wolke. Ihre Welt kam, um jeweils drei Tage lang das Leben zu feiern, aufgeputscht durch das Spiel mit dem Tod in der Arena, angetrieben von Champagner, Roséwein und mehr. In ihren besten Tagen waren Germaines Gäste wie die Stiere, stürmten in die Arena des Lebens, wild und ungehemmt, als ob es kein Sterben gäbe. Zehn Jahre lang hielten sie die arlessche Ekstase durch, dann forderte das Leben seinen Tribut, und sie waren zu alt, zu schwach oder zu krank, um über ihre Verhältnisse zu leben.

Die lebhaftesten Kämpfe außerhalb der Arena wurden im Zimmer Nummer 10 ausgetragen, einem quadratischen Raum mit ausladenden Balkonfenstern, einem Kamin und großen, in üppige Goldrahmen gefassten Spiegeln. Das Zimmer, in dem einst Napoleon geschlafen hatte, war später das Zimmer von Luis Miguel Dominguín, dem in den vierziger und fünfziger Jahren besten Matadoren der Welt. Auf dem Balkon mit Blick zur Place du Forum ließ er sich nach gewonnenem Kampf hochleben. An den Wänden des Zimmers hängen überall Fotos von ihm, schwarz-weiß, ein stolzer, schlanker Mann mit schmaler Nase und schmalen Lippen. Fotos mit nacktem Oberkörper, in Kampfmontur und immer wieder Fotos mit Freunden und Bewunderern, die bei ihm im Hotel rumhingen, wenn er sich auf den Stierkampf vorbereitete. Picasso ist darunter und Jean Cocteau. Stets scheint Cocteau in seiner Nähe. Auf einem der Bilder sitzen die beiden gemeinsam auf dem gusseisernen Bett in Zimmer Nummer 10, Dominguín schaut stolz mit Augen, so dunkel wie die Haut eines Osborne-Stieres, Cocteau mit der Traurigkeit eines Verliebten, der weiß, dass seine Liebe niemals erwidert werden wird. Denn nachts gehörte das Bett meist Ava Gardner, damals eine der schönsten Frauen der Welt, die einstige Gattin von Frank Sinatra, die für Dominguín Hollywood aufgegeben hatte und nach Spanien gezogen war.

Es ist auch das Zimmer, in dem der Fotograf Helmut Newton 1973 die Schauspielerin Charlotte Rampling schwarz-weiß in Szene setzte. Das kleine Foto neben dem Badezimmereingang, eine Kopie, wirkt ein wenig verloren. Rampling sitzt nackt mit einem Glas Wein und rauchend auf dem Tisch vor dem Goldspiegel, über ihr der üppige Leuchter, ein Bein auf die Armlehne eines Sessels ausgestreckt, sie sieht verletzlich sündig aus.

Ohne die Fotos sähe das Zimmer beinahe noch immer so aus wie damals. Das liegt an Anne Igou, der neuen Besitzerin. Vor zwanzig Jahren kaufte sie das halb zerfallene Hotel von Germaine, die zwei Monate danach erlöst wurde. Anne ist eine große Frau mit wild gelocktem Haar, die zwei Pastis in null Komma nix wegkippen kann und trotzdem geistreich bleibt. Am liebsten spricht sie dann über die Philosophie, die aus dem Alltag verschwunden sei, und über damals, als die Fotos aufgenommen wurden und noch philosophastert wurde. Anne Igou mag Kunst, und vor allem mag sie Fotos, was wohl auch daran liegt, dass sie zehn Jahre lang mit dem Fotografen Peter Lindbergh liiert war. Im Nord-Pinus hat sie es geschafft, den Geist der frühen Tage zu bewahren und gleichzeitig offen für Neues zu sein. Sie hat das Hotel nicht kaputt renoviert, sondern es liebevoll und mit Kunstverstand zurück ins Leben geführt. In der Lobby stehen Art-déco-Sessel neben einer Couch, die mit marokkanischen Decken verziert ist, der üppige Kronleuchter an der Decke wirft das Licht auf eine knallrote iPod-Jukebox. Vom Hoteleingang zur Bar, auch Art déco, sind es vielleicht zwanzig Meter. Man läuft an der Rezeption vorbei, passiert die gewundene Treppe, die in die Obergeschosse führt, und ein paar Sessel und Clubtische. Würde man an der Bar vorbeilaufen, käme man in eine Abstellkammer und sähe die Vitrinen mit den Reliquien des Hotels: Briefen von Maria Callas, Scott F. Fitzgerald, Graham Greene, Jean Cocteau und noch mehr Fotos. Durch all diese Hinterlassenschaften bekommt man das Gefühl für eine Epoche, die noch zwanglos und freizügig war.

Wenn man in der Bar des Nord-Pinus sitzt, klopft einem natürlich nicht mehr Picasso auf die Schulter, man wird nicht von Cocteau angemacht oder von Dominguín gefragt, wie einem sein Kampf mit dem dritten Stier gefallen habe. Da ist auch keine Ava Gardner, die einen Dry Martini zwischen ihren roten Lippen hindurchfließen lässt, etwas genervt um sich schaut, gierig raucht und sich ärgerlich fragt, wieso ihr Stierkämpfer offenbar schon wieder mit Cocteau abhängt, anstatt mit ihr ein wenig sündig zu sein. Ein paar laute Amerikaner sind da, heute, und sagen, oh yeah, I think it is Picasso. Ein Monsieur ganz in Schwarz, der ein bisschen aussieht wie der Typ aus der Davidoff-Zigarrenwerbung, sitzt am Ende des Tresens, vor sich einen vin blanc. Wann immer Anne Igou dann in ihrem langen Kleid und mit Flipflops an den niedlichen Füßen kurz durch die Bar patscht, weil sie irgendwas in Zusammenhang mit ihrer Fotoausstellung organisieren muss, zuckt er zusammen. Ein Handy klingelt, und es folgt ein belangloses Oh it’s so lovely here- Gespräch, und genau dann ist man ganz froh um die lebendigen Toten an den Wänden, die einen anschauen und denen man zuprosten kann.