Argentinien Liebe ist nur ein Ort

Die Nacht hat neunzig Minuten, und die Gäste kommen nicht zum Schlafen her – in den Stundenhotels von Buenos Aires verkehren Jugendliche, Ehebrecher und Paare, die zu Hause keinen Platz haben

In Buenos Aires braucht es zwei Silben, um ein Gespräch vom Small Talk unter die Gürtellinie zu treiben. Vier Buchstaben, die Erzählungen auslösen, in denen von sagenhaftem Sex, grenzenloser Leidenschaft, manchmal auch von ein bisschen Liebe die Rede ist. Wenn sie gut ausgehen. Aber nicht alle Geschichten enden glücklich, nicht mal in der schönsten Stadt der südlichen Hemisphäre.

Mariana, 33, Akrobatik-Lehrerin: Meine erste Nacht in einem Telo war weder schön noch romantisch. Ehrlich gesagt: Es war einfach nur scheißkalt.

Niemand weiß genau, wann der Lunfardo, der Jargon vom Rio de la Plata, dem Wort »Hotel« in die Glieder fuhr, seine Silben vertauschte und das »Telo« schuf – ein Etablissement, das die Nacht im Neunzigminutenrhythmus taktet und Zimmer für Gäste bereithält, die nicht zum Schlafen herkommen. Es gibt Menschen, die behaupten, Argentiniens Stundenhotels seien 100 Jahre alt, andere datieren ihre Anfänge auf die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Fest steht, dass es spanische Einwanderer waren, die als Erste aufhörten, Fragen zu stellen, wenn Paare ihre Pensionen betraten, ohne Rückzugsraum in den engen Familienunterkünften, um einander zugeraunten Absichten Taten folgen zu lassen, beschwingt vom Fernet, angespitzt vom drängenden Versprechen der Tangos.

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Ramón, 37, Unternehmer: Viele Telo-Kunden sind Jugendliche, die ihren Partner nicht mit nach Hause nehmen dürfen. Sie gehen vor allem an den Wochenenden hin, samstags muss man manchmal Schlange stehen, um ein Zimmer zu kriegen. Während der Mittagspause und am frühen Abend, nach Dienstschluss, kommen die Ehebrecher – und das sind die meisten. Somos un país tramposo, Argentinien ist ein betrügerisches Land.

Offiziell werden die Stundenhotels als »Albergues Transitorios« bezeichnet, Übergangsherbergen, und allein im Stadtgebiet von Buenos Aires gibt es rund 170 von ihnen. Der Preis für ein Zimmer schwankt zwischen 30 und 450 Peso, 5 bis 80 Euro, pro turno von eineinhalb Stunden, je nach Lage, Service und Ausstattung. Das Angebot reicht von freudlosen Kaschemmen im Bahnhofsviertel Constitución über unscheinbare Wohngebäude in Palermo, wo nur dezente Schilder und die typischen Sichtschutzhecken vor der Eingangstür auf die Sondernutzung hinweisen, bis hin zu den großen, edelglatten Neubauten an der zwölfspurigen Panamericana, jenseits der Stadtgrenze.

Wollte man so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Telo-Nenner ausmachen, könnten es die Spiegel an den Zimmerdecken sein, die Gratiskondome auf der Bettkante, die Schalttafeln am Betthaupt zur Inszenierung mehr oder weniger raffinierter Illuminationsszenarien, der kostenlose Pornokanal im Fernsehen. Am ehesten wohl alles zusammen.

Juan Pablo, 34, Kameramann: Als ich das erste Mal mit einem Mädchen in einem Telo war, hab ich mich so für die ganzen Lichtschalter begeistert, dass ich mehr an ihnen rumgefummelt hab als an ihr. Ich glaube, sie hat das persönlich genommen.

Leser-Kommentare
  1. nicht mal in der schönsten Stadt der südlichen Hemisphäre....

    war der Autor je in Buenos Aires ?

  2. Als ich wusste, dass es in Deutschland kein Telo gab, konnte ich es nicht glauben. Deutsche Jungendliche haben Sex nicht nur in seine WG, sogar im Familien Haus. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie Sex bei dem Zimmer ihrer Eltern hatte! Was für eine liberale Familie! Und als sie in Buenos Aires war, wollte sie so oder so ein Telo besuchen. Leider, hatte sie keinen Erfolg :P
    Aber ich hab eine Frage: wo schlafen die Untreue in Deutschland?

  3. Also ich lebe in BA seit mehreren Jahren. Natürlich weiß man von der Existenz dieser Albergues, aber daß Hotels wie sie, die es in dieser Art genauso in New York, Manila oder Kairo gibt, für einen solchen "ausschweifenden" Bericht Stoff bieten, scheint mir nicht besonders nachvollziehbar - zumal nicht unter dem Aspekt einer Zielsetzung, die darin besteht (bestehen sollte), einen Einstieg in argentinische Verhältnisse zu liefern. Aber, chacun à son gout - das gilt wohl auch für Stundenhotels (und natütlich Autoren, die darüber schreiben).

  4. Ganz so liberal scheinen die Eltern doch noch nicht zu sein. Und viele Jugendliche können sich sicher das Telo nicht leisten. Nirgendwo sonst habe ich so viel Paare in der Öffentlichkeit, die ein Park, eine stille Straße, aber auch eines der zahllosen Cafés sein kann, wie in Buenos Aires, und ich lebe hier schon ein paar Jahre. Nicht umsonst wurde in Buenos Aires der Tango erfunden. Da kann man, ein bisschen formal verfremdet, sich nach Herzenslust umeinander winden und findet noch Zuschauer, die Beifall spenden.

    Über Tangobars und Milongas und das Lebensgefühl des Portenos, des Stadindianers der Haupt- und Hafenstadt am Rio de la Plata, mehr in meinem Stadtführer: [...]
    [Anmerkung: Bitte vermeiden Sie kontinuierliche Produktwerbung. Die Redaktion/vv]

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