Italien Zum Glück gibt es Capri

Das Hotel Villa Brunella – beim ersten Besuch reiste Sibylle Berg mit Liebeskummer an, beim zweiten mit der Liebe ihres Lebens.

Welch ein Ausblick: die Faraglioni vor Capri

Welch ein Ausblick: die Faraglioni vor Capri

Jetzt: Vor dem Grand Hotel Parker’s in Neapel liegt das Meer absurd blau, und auf ihm schwimmt Capri wie eine eingedrückte Torte. Zart klingt eine Mafia-Schießerei vom Hügel herunter bis zur Hotelterrasse, die aussieht wie ein hängender Garten. Neben mir der Mensch, der mit Glück bei mir bleiben wird für den kleinen Rest Lebens und mit dem es sich verreist wie mit einer guten Freundin, die ich wohl früher hatte, bevor alle guten Freundinnen Mutter oder verrückt wurden. Ich wollte diesmal anders ankommen, nicht vom Flughafen zur Fähre hetzen, ohne Neapel begrüßt zu haben, ohne die Insel gesehen zu haben, da draußen auf dem Meer. In meinem Alter reist man langsam. Damit die verbleibende Zeit nicht so schnell vergeht.

Ich schaue Capri an, wo ich einmal so unglücklich war und allein. Der Tisch hinter mir auf der Terrasse wird gedeckt. Ich bin unverwundbar. Ich bin alt. Ich bin Familie.

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Damals: Es war mein erster und letzter Liebeskummer, vor zwölf Jahren, in einem Alter, da man sich noch unendlich glaubt. Ich hatte es nicht mehr ertragen in meiner Wohnung, die das Zuhause einer Abgewiesenen war, wo kein Telefon klingelte und mich Bekannte mieden, weil ich immer die gleichen Geschichten von Verlust erzählte. Ich war dumm und verwechselte Hormone mit etwas Verbindlichkeit, ich war naiv und glaubte, nur was Schmerzen erzeugt, wäre echt.

Ich war weggefahren, um vor allem zu fliehen, auf eine Insel, da ich hoffte, sie könnte kippen und untergehen. Auf dem Meer war Sturm und Regen, eine blöde Idee, auf eine Insel zu fahren mit Liebeskummer. Auf der Fähre vier sich übergebende Passagiere. Eine Dame mit drei Tüten. Es war zehn Uhr. Wie kann man sich da in drei Tüten übergeben?

Vom Hafen in Capri fuhr ich mit einer Standseilbahn, die leer war, zum Marktplatz, der leer war, die Restaurants geschlossen, keine Menschen zu sehen und nur ein Hotel geöffnet: die Villa Brunella.

Jetzt: Am Hafen von Capri sieht es aus wie in Ligurien. Im Sommer. Reiseleiter mit Schirmen, verwirrte Amerikaner, zu viele Shorts, zu viel Angst. Die Menschen haben Angst in Ländern, die nicht ihre sind. Sie pressen sich in die Standseilbahn, lassen sich auf dem Marktplatz oben im Ort von den auf der Lauer liegenden Kellnern fangen und in den ersten Kaffeehausstuhl drücken; vielleicht werden sie später noch einen Rundgang machen, wenn sie sich sicherer fühlen.

Zu voll. Alles zu voll, außer die Boutiquen. Da ist es leer, und vor den Türen stehen diese wunderbaren Verkäuferinnen, die es nur in Italien gibt, die wirken wie strenge Lehrerinnen. An den Boutiquen vorbei, die Via Tragara entlang, eine der schönsten Straßen, aus Gold und Efeu gebaut. Die Villa Brunella sieht genauso aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. In den Felsen gehauen, wie kleine Nester kleben die zwanzig Zimmer am Hang. Diesmal ist es wärmer.

Leser-Kommentare
    • wilco
    • 19.10.2009 um 0:54 Uhr

    ist das ! Ich bin ganz besoffen davon. Welcher Humor, welche Poesie, welche Melancholie. Sybille Berg in Hochform. Weit mehr als eine Reisegeschichte. Macht Lust auf mehr.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Erzählung war ein schöner Start in die Woche :)
    Ich wünsche ihnen viel Glück und Freude.

    Die Erzählung war ein schöner Start in die Woche :)
    Ich wünsche ihnen viel Glück und Freude.

  1. 2. Danke

    Die Erzählung war ein schöner Start in die Woche :)
    Ich wünsche ihnen viel Glück und Freude.

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