Finnland Taxi zum Weltraum

Zu zweit ins Polarlicht schauen und dabei nicht frieren – das geht nirgends so gut wie in den Glas-Iglus von Lappland.

Er stand am Fenster der Blockhütte und schaute hinaus in den nassen, grauen Wald. Es tropfte von der niedrigen Dachkante, tropfte von den Kiefern und Birken, von jedem Halm und jedem Zweig. Ganz Lappland tropfte, aber das Regengeräusch drang nicht zu ihm durch. Doppelte Fensterflügel, mehrere Lagen Isolierglas. Klar, dachte er, bei minus dreißig Grad im Winter. Es war kurz nach Mittag, er gähnte, drehte sich um und betrachtete das Doppelbett. Eine Hälfte war unberührt. Bedauerlich. Im Kamin lag noch Glut vom Abend, er warf ein paar Holzscheite nach und blies hinein, bis sich das Feuer wieder entfachte. Dann setzte er sich in den Schaukelstuhl und legte die Füße auf den Tisch. Vor dem Fenster stand eine Holzskulptur. Sie gefiel ihm, eine Art Möbiusband, mannshoch, zusammengefügt aus geschwungenen, geglätteten Stammabschnitten. Es gab viele Holzskulpturen auf dem Hotelgelände, sie überraschten zwischen den Bäumen. Jeden Sommer, hatte Jussi Eiramo gesagt, lade er Holzbildhauer aus der ganzen Welt hierher ein.

Der Hotelbesitzer hatte ihm vormittags die ganze Anlage gezeigt: Hotel Kakslauttanen, first-class log cabins and igloo village. Zwei Stunden lang waren sie auf federndem Torfboden durch den lichten, kleinwüchsigen Wald gegangen, hin und her auf Stegen und Brücken über klare Bäche und sumpfige Flecken. Der Mann – weißer Vollbart, dickes graues Haar, Wollhemd über der Hose – war ein eigenartiger Hotelier. Großzügig einladend im einen, abweisend im anderen Moment. »Wie alt sind Sie?«, hatte er Herrn Eiramo gefragt. »Dafür sollten Sie sich nicht interessieren!«, hatte der geantwortet. »Solche Fragen von Fremden gehören nicht zur finnischen Kultur.« Peng. Passte zum schönen, strengen finnischen Norden, dem der Mann – 1100 Kilometer nördlich von Helsinki, 250 Kilometer nördlich vom Polarkreis – sein Lebenswerk abgerungen hat.

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Kaks heißt auf Finnisch zwei, lauttanen bedeutet Rentierfleischlager: In der Nähe des Hotels Kakslauttanen ist ein großer Rentiersammelplatz; früher wurde hier auch das Fleisch geschlachteter Tiere gelagert und im Winter über gefrorene Seen, Flüsse und Sümpfe nach Süden und Norden transportiert. Eiramo kam vor 35 Jahren aus Mittelfinnland hierher. Viel war hier nicht los. Die Samen, Lapplands Urbevölkerung, züchteten Rentiere, ein paar Zivilisationsmüde suchten Gold, ein paar Rucksackwanderer die einsame Wildnis, und alle, einschließlich der Tiere, kämpften im Sommer gegen die Mücken und im Winter mit der Kälte. Lappland war leer (und ist es noch: zwei Einwohner pro Quadratkilometer, vergleichsweise sind es in ganz Finnland 17, in Deutschland 230). Es gab so gut wie keinen Tourismus, die wenigen staatlichen Hotels dienten Beamten auf Dienstreisen. Jussi Eiramo kaufte ein Stück Land, eine Motorsäge, Holzwerkzeug. Er baute acht kleine Blockhütten. Er baute eine Sauna für vier Personen, eine Cafeteria von 30 Quadratmetern, alles zimmerte und schreinerte er selbst, es wurde, sagt er, 1974 das erste private Hotel in Lappland.

Heute gibt es im Hotel Kakslauttanen 32 Blockhütten für zwei bis zehn Personen und mehrere Restaurants. Jede Blockhütte hat eine eigene Küche und Sauna, Kamin und Elektroheizung. So gut sind die Holzhäuser ausgestattet, dass ein Manko verwundert: Keines hat TV. Wie kommt denn das, Herr Eiramo? »Haben wir abgeschafft«, hatte der Weißbart seinen Gast beim Rundgang ganz unapologetisch beschieden. »Unser Fernseher ist der offene Kamin.« Unterwegs auf dem Gelände hatte Herr Eiramo ein paar Besonderheiten von Kakslauttanen vorgeführt: üppige Blockhaus-Suiten mit Himmelbett und Outdoor-Whirlpool; eine eindrucksvoll verräucherte Großsauna für 70 Personen; ein traditionelles Lappen-Torfhaus, das äußerlich schien wie von Rübezahl gebastelt, innen aber kuschlig-plüschig ausstaffiert war wie für Schneewittchens Hochzeitsnacht. Schließlich waren sie einen Hügel hinaufgegangen ins Iglu-Dorf. Im Nieselregen war schwer vorstellbar gewesen, was Dauerfrost von Dezember bis März jedes Jahr möglich macht: Hotelgäste können in 30 Schnee-Iglus übernachten (ausgestattet mit Rentierfellen und Daunenschlafsäcken – koppelbar), in einer Eiskapelle heiraten, im Eisrestaurant speisen und in einer Eisgalerie Eisskulpturen betrachten. Die Temperatur in den kleinen und großen weißen Gewölben bleibt konstant zwischen minus drei und minus sechs Grad, auch wenn’s draußen, was vorkommt, minus vierzig hat. Schnee-Iglus haben Polarvölker deshalb seit Menschengedenken gebaut. Glas-Iglus dachte sich Herr Eiramo erst vor ein paar Jahren aus. Aurora borealis hat ihn dazu gebracht, die kapriziöse.

Nordlappland ist Nordlicht-Land. Jederzeit im Winter können die farbigen Lichtwogen am Nachthimmel erscheinen – oder auch nicht. Sie sind kaum vorauszusagen. Häufig sah Herr Eiramo seine Gäste hoffnungsvoll zum Firmament starren, nachts, frierend, im Freien: War das irgendwie auch vom warmen Bett aus möglich? Nach langem Tüfteln, Recherchieren, Probieren entstanden 1999 in Kakslauttanen die ersten fünf Iglus aus Glas. Heute sind es zwanzig. In zwei Reihen sitzen sie fremdartig im Wald wie diszipliniert geparkte Taxis zum Weltraum, transparente Halbkugeln auf festem Sockel, groß genug für zwei Betten, Heizung und WC. Auch das Thermoglas ist heizbar, so bleibt der Schnee nicht liegen. »Im Winter kommen viele Asiaten«, hatte der Hotelier erzählt. Sagen Sie, Herr Eiramo, stimmt es, dass Japaner unterm Polarlicht gezeugten Babys ein glückliches Leben vorhersagen? Herr Eiramo hatte ausweichend geantwortet. »Wir läuten nachts eine Glocke, wenn das Polarlicht erscheint, man hört das in allen Hütten. Die Betten in den Iglus kann man zusammenschieben.«

Leser-Kommentare
  1. 1. ?

    WTF ich sehe den Zusammenhang zwischen Seite 1 und 2 nicht so wirklich?

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