Brasilien Hotel der Treulosen

Im Descasados fanden einst die Ehebrecher von Rio de Janeiro Zuflucht. Heute ist das Hotel eines der romantischsten der Stadt

Vom Hotel Santa Teresa aus ist die Stadt in Sichtweite

Vom Hotel Santa Teresa aus ist die Stadt in Sichtweite

In einer Stadt, in der die Liebe so leicht zu finden und so schnell zu verlieren ist wie in Rio de Janeiro, muss es auch einen Ort geben für die Verlassenen, die Treulosen und Hinausgeworfenen. Ein stilles Plätzchen, an dem man eine Pause einlegen kann, um sich von den erotischen Wirrungen des Lebens zu erholen.

Auf den schlanken Balkonen mit den schwarz-weißen Marmorböden sollen sie gesessen haben, so erzählen es die Einheimischen, und versonnen hinabgeblickt auf die Dächer ihres Viertels. Hier warteten die Männer auf Nachricht von daheim, auf einen versöhnlichen Brief ihrer betrogenen Ehefrauen, die ihnen auf die Schliche gekommen waren und sie aus dem Haus gejagt hatten. Von hier oben sahen sie den hübschen Mädchen in den Gassen hinterher oder grübelten beim Anblick der zwei spitzen, cremefarbenen Kirchtürme über ihre Sünden. Die einen seien nur ein paar Tage geblieben, heißt es, bis die Lage zu Hause sich wieder beruhigt hatte, die anderen, bei denen sie sich nicht beruhigte, blieben lange. Man kann es sich auch heute noch gut vorstellen, das beschauliche, abwartende Leben der Gäste des Hotel dos Descasados, des Hotels der Geschiedenen.

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Santa Teresa, hoch oben in den Hügeln über dem Zentrum Rios, ist das romantischste Viertel der Stadt, ganz der richtige Ort für diese Geschichte von Liebe und Betrug. Im 19. Jahrhundert waren die reichen Bürger hier hinaufgezogen, um der Hitze und dem Gelbfieber am Meer zu entkommen, und hatten rosafarbene und himmelblaue Kolonialvillen und Schlösschen mit Giebeln und Erkern in das dichte Grün des Urwalds gesetzt. Heute leben Bohemiens, Künstler und immer mehr Europäer in den alten Häusern. Hinter verwitterten Fassaden reihen sich Galerien und Ateliers längs der Straßen aneinander, über das aufgeworfene Kopfsteinpflaster spannt sich ein wildes Geflecht aus Kabeln und Telefonleitungen, und Glasscherben auf einer hohen Mauer brechen funkelnd das Sonnenlicht. Durch die steilen Gassen rumpelt die letzte Straßenbahn Rios – die bonde, ein einzelner, knallgelber Waggon, an dessen Haltestreben sich zur Mittagszeit Trauben von Schuljungen in weißen Hemden klammern.

Die Gleise der bonde führen auch durch die Rua Almirante Alexandrino, vorbei am Santa Teresa Hotel, das in der alten Zeit Grand Hotel hieß, aber besser bekannt war als das Hotel der Geschiedenen. Im Herbst 2008 hat es als Fünfsternehaus neu eröffnet, nach drei Jahren der Renovierung und fünfeinhalb Millionen Euro Investitionen. Es ist ein besonderer Ort geworden, ganz anders als die weißen, internationalen Hotelhochhäuser unten an den Strandpromenaden von Copacabana und Ipanema: ein Haus für Reisende, die während ihres Aufenthalts weiterreisen wollen – hinein in die Seele Brasiliens.

Auf den Fluren und in den Zimmern, in der Eingangshalle, an den Treppen und in der Bar – überall erwarten den Besucher Skulpturen, Bilder und Kunstwerke, die etwas mit der Kultur und Tradition des Landes zu tun haben. »Tropical Design« nennt der französische Projektentwickler und Dekorateur François Delort sein Konzept, und zu jedem Gegenstand, jedem Möbelstück kann er eine Geschichte erzählen. Jahrelang war Delort in allen Bundesstaaten unterwegs, um die Einrichtung des Hotels zusammenzustellen. Das Holz für die Fußböden, das Gebälk und viele Möbel etwa fand er auf Farmen im südlichen Minas Gerais, den Kopfschmuck und den Speer in der Lobby kaufte er einem Indio ab, dem er zufällig in den Straßen Rios begegnete. Von einer anderen Reise brachte er Skulpturen von Affen, Jaguaren und Gürteltieren mit, die vier wunderliche Brüder in einem Dorf am Amazonas schnitzten. Werke berühmter brasilianischer Designer stehen neben alten Holzformen zur Herstellung von Käse und Götterfiguren aus der afrobrasilianischen Voodoo-Religion Candomblé. Die schweren Zimmertüren sind aus sieben verschiedenen Tropenhölzern zusammengesetzt – »der Besucher soll symbolisch in den Regenwald eintreten«, sagt Delort.

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    • Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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    • Schlagworte Hotel | Brasilien | Reise | Rio de Janeiro | Amazonas
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