Brasilien Hotel der TreulosenSeite 2/2

Er ist ein schmaler, kleiner Mann mit einem Tattoo auf dem Oberarm und geröteten Augen. Einige Bewohner Santa Teresas seien anfangs gegen das Projekt gewesen, erzählt er, weil sie fürchteten, dass ein Luxushotel die Mieten explodieren lassen und die Atmosphäre des Bohemeviertels zerstören würde. Banner mit »Gringo go home« hingen damals an der Baustelle, inzwischen hätten sich die Gemüter wieder beruhigt.

Delort sitzt auf der Terrasse der Bar, unterhalb des Hauptgebäudes. Im 19. Jahrhundert, damals war das Hotel noch eine Kaffeeplantage, hatte man in diesem Trakt die Pferde und Sklaven untergebracht, beim Renovieren grub Delort Hufeisen und Handschellen aus. Als ihm die Anekdote von den geschiedenen Männern zu Ohren kam, taufte er den Ort ihnen zu Ehren »Bar dos Descasados«. Details aber kenne er nicht, sagt Delort. »Es ist eben eine der vielen Geschichten, die man sich hier in Rio erzählt.«

Zum Hotel gehören auch ein Restaurant, ein Spa und ein tropischer Garten mit Mango-, Limonen-, Avocadobäumen und einem Pool aus blauem Schiefer. Hier im Garten ist die Großstadt Rio zwar noch in Sichtweite, aber gleichzeitig sehr weit weg. Der Blick reicht über das riesige Häusermeer des Zentrums bis zur Guanabara-Bucht mit ihrer langen Brücke und dem Ozean. Links und rechts winden sich die schmutzig braunen Häuser der Favelas wie erkaltete Lavaströme die Hänge hinab, vorbei an den weißen Gebäuden der vornehmen Viertel. Und direkt unter einem liegen die bunten Dächer Santa Teresas. Es ist still, nur ein Besenbinder ist zu hören, der irgendwo in den Gassen seine Waren ausruft, und ab und zu das Knattern eines Mopeds. Als die Sonne tiefer steht, schlagen die Glocken der nahen Kirche.

Olivia Fasanello ist eine Frau, die Auskunft geben können sollte über die Geschichte des Hotel dos Descasados: Seit fast schon fünfzig Jahren lebt sie hier oben in Santa Teresa, »und ich danke Gott jeden Morgen dafür«. Ihr verstorbener Mann Ricardo war ein berühmter brasilianischer Designer, dessen Stühle heute in Museen ausgestellt und bei Sotheby’s versteigert werden. Sie sitzt in seinem Atelier in der Rua do Paraiso, eine elegante ältere Dame mit einer großen Sonnenbrille im Haar. Ende der siebziger Jahre, zwischen zwei Umzügen, wohnte sie mit ihrer Familie für ein paar Wochen im Grand Hotel. »Ein heruntergekommener Kasten«, erinnert sich Frau Fasanello. »Mein Mann musste mit seinem Gewehr nach den Ratten schießen.« Pensionierte Professoren, Künstler und Intellektuelle zählten damals zu den Gästen, die Sache mit den Geschiedenen aber sei leider nur eine Legende, sagt sie, »wenn auch eine schöne«. Wahr oder eben nicht: Treulose Männer, aus ihrem Haus geworfen und nun auf Vergebung hoffend oder auf ein neues Abenteuer – diese Geschichte passt tatsächlich nirgendwohin besser als hier nach Santa Teresa, dem romantischsten Viertel des wunderbaren Rio de Janeiro.

Santa Teresa Hotel, Rua Almirante Alexandrino 660, Santa Teresa 20241 260, Rio de Janeiro, Brasilien, Tel. 0055-21/22211406, www.santateresahotel.com, DZ ab 230 Euro

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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    • Schlagworte Hotel | Brasilien | Reise | Rio de Janeiro | Amazonas
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