Tansania In den Armen der Wildnis

Die Lodge The Retreat in Tansania lässt Gäste in Liebeslernbetten des Stammes der Makonde schlafen. Aufregender sind nur die Tiere, die einen morgens wecken.

Sie ist schwarz und hochgewachsen. Seelenruhig stolziert sie über den staubigen Boden. Mit jedem Schritt zieht sie den Fuß auffällig an, bevor sie ihn geradezu graziös wieder absetzt. Dass sie keine Angst hat! Schließlich lauern doch überall Gefahren. Links liegen Krokodile im Wasser, weiter rechts glotzen Büffel, und wahrscheinlich sitzt irgendwo auch ein hungriger Löwe im Gras. Nach einigen Sekunden bleibt sie plötzlich stehen, dreht sich um, schlägt ein-, zweimal mit den Wimpern und ruft: »Huhu!« – »Huhu!«, rufe ich zurück, was für ein Empfang, denke ich, bis ich Trottel merke, dass sie gar nicht uns meint, sondern ihren Mann, der fünfzig Meter hinter ihr gerade seine Nase in Elefantendung steckt.

Daressalam, Airport. Der junge iranische Pilot setzt sich die Ray-Ban auf und kippt im Cockpit der Cessna ein paar Schalter hoch und runter. Laut brummend setzt sich die Maschine in Bewegung. Häuser und Straßen schrumpfen auf Monopoly-Format, wie Geister ziehen die Schatten der Wolken übers Land. Schon nach kurzer Zeit, zwanzig Minuten vielleicht, weicht die Zivilisation einer tiefen Wildnis; Trockenwälder, Savanne, der Boden leuchtet sandbraun und terrakottarot. Selous Game Reserve heißt diese Wildnis, sie entspricht mit 50000 Quadratkilometern in etwa der Fläche des Landes Niedersachsen und ist eines der wenigen noch intakten – und von der Unesco geschützten – Ökosysteme der Welt. Irgendwann sehe ich den Ruaha River, einen breiten, grünen Fluss, der unter uns wie ein U durch die Landschaft mäandert. Daneben ein Hügel, auf dem eine Lodge steht. The Retreat – das außergewöhnliche Anwesen einer außergewöhnlichen Frau. Oder ist es etwa gewöhnlich, dass eine Frau allein drei Wochen durch die Wildnis wandert – Tsetsefliegen hin, Löwen her – auf der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Lodge? Dass sie eine Art Fort errichten lässt, mit Lehmwänden und Wehrtürmen? Und dass sie ihre Gäste in sogenannten »Liebeslernbetten« vom Stamm der Makonde schlafen lässt?

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Uma Grob, 53, blonder Zopf, blaue Augen, ist diese außergewöhnliche Frau. Vor etwa zwanzig Jahren kam die Schweizerin für die Organisation Ärzte ohne Grenzen nach Tansania. Sie hat im Süden des Landes Schwerstkranke operiert, sie war Professorin für Orthopädie an der Universität in Daressalam und hat dort das Muhimbili Orthopaedic Institute aufgebaut – die renommierteste Klinik Ostafrikas. Während all dieser Jahre ist Uma Grob immer wieder in den Selous gefahren, um, wie sie sagt, »in der Natur mich selbst zu finden«. Als ihr die Regierung Tansanias schließlich eine Lizenz für eine Lodge anbot, zögerte sie nicht. »Ich möchte, dass andere Menschen im Selous erleben können, was ich immer wieder selbst erleben durfte und darf«, sagt Uma Grob, als sie uns von der staubigen Landebahn abgeholt hat und wir mit dem alten Toyota Land Cruiser zu ihrer Lodge fahren. Aber was heißt hier fahren? Der Wagen holpert über Stock und Stein. Irgendwann stehen wir vor einem ausgetrockneten Seitenarm des Flusses. Enock, 25, Fahrer und walking guide der Lodge, hält an, stellt den Motor ab. Er möchte das Vogelpaar, das gerade vor uns steht, nicht vertreiben, Southern ground hornbills , zu Deutsch Kaffernhornraben, jedes Tier etwa einen Meter groß. »Diese Vögel fliegen kaum, sie spazieren den ganzen Tag und rufen sich gegenseitig mit hu hu und ho ho«, sagt Enock, als er den Wagen wieder gestartet hat und wir schnurstracks auf den Haupteingang der Lodge zusteuern: ein uraltes geschnitztes Portal mit Säulen und Figuren. Uma Grob hat es bei einem Händler in Indiens Wüstenstadt Jodhpur gefunden.

Als wir die Lodge betreten, nehmen meine Augen ein paar Antiquitäten wahr, hüfthohe geschnitzte Figuren aus der Kolonialzeit, Masken der Makonde, einen Einbaum, der als Bücherregal dient, Möbel aus Marokko. Und den wunderbaren Boden, indischer Kupferschiefer. Doch wie von Geisterhand geführt, zieht es mich zur Poolterrasse, hinter der die Landschaft steil abfällt und von der man einen unvergesslichen Ausblick hat: Zweihundert Meter sind es bis zum Ruaha River, an dessen Ufer sechs Gästehäuser stehen, Wohnzelte aus Rajasthan, geschützt von Palmwedeldächern. Dazwischen ein weiterer Pool. Auf den Sandbänken des Flusses dösen Krokodile, neugierige Nilpferde lugen aus dem Wasser, dreißig mögen es sein, und jenseits des Flusses streift der Blick über ein grünes Meer aus Miombo-Bäumen, Gräsern und Schirmakazien, bis er sich schließlich am Horizont verliert. Die untergehende Sonne wirft noch ein orangefarbenes Tuch über das Land, und im Nu ist es stockdunkel.

Ein paar Kerzen beleuchten die weiß gedeckte Tafel, ein Angestellter serviert Garnelen-Risotto und Weißwein. Wir sitzen hoch oben auf dem zu allen Seiten hin offenen Wehrturm. Uma Grob ließ ihn hier aus gutem Grund errichten: Als sie zum ersten Mal auf diesen Hügel kam, fand sie die Reste eines in Vergessenheit geratenen Beobachtungspunktes. Der Selous hat stürmische Zeiten hinter sich. Die Araber brachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Sklaven durch dieses Gebiet bis nach Sansibar, und im Ersten Weltkrieg bekämpften sich hier deutsche und britische Truppen. Auf der Seite der Briten stand Frederick C. Selous. Er war so etwas wie der Buffalo Bill Afrikas und hatte in dem Wildschutzgebiet schon Anfang des 20. Jahrhunderts Großwildjagden organisiert. Das letzte hemmungslose Gemetzel war in den 1980er Jahren, in denen der Selous zum Killing Field wurde. Inzwischen gibt es wieder 70000 Elefanten und 4000 Löwen, mehr als in irgendeinem Nationalpark Afrikas. »Ihr könnt morgen mit Enock eine walking safari machen«, sagt Uma Grob und wünscht uns »eine wilde Nacht«.

Vier Frauen starren mich an, als ich unter dem Moskitonetz liege, alle nackt, und jede hält mit den Händen ihre spitzen Brüste hoch. Es sind geschnitzte Figuren, die als Eckpfosten dieses Liebeslernbettes dienen, das auf dem hölzernen Boden inmitten des Zeltes steht, Blick zum angrenzenden Fluss. Uma Grob bekam es 1983 von einem spirituellen Heiler geschenkt, als Dank für ihren Einsatz – sie hatte einem Makonde-Jungen das Leben gerettet, der nach der rituellen Beschneidung fast verblutet wäre. Bei der Initiation der werdenden Männer, jando genannt, gibt es große Feste mit Maskentänzen; später werden sie zu einem Buschcamp in die Pampa geführt, wo man ihnen auf diesen hölzernen Spielwiesen erklärt, wie man Liebe macht, wie Frauen es gerne mögen und dass Sex eine wichtige Kraft im Leben ist. Wir selbst lernen in dieser Nacht mehr über die erhabenen Laute wilder Tiere, die in uns einen Schrecken auslösen. Die Hippos grollen, eine Raubkatze brüllt, ein Vogel kreischt, und im Morgengrauen watet ein Wesen durchs Wasser, das riesig sein muss. Als es am Busch vor unserem Eingang zu rascheln beginnt, schleichen wir uns vor – und sind wie gelähmt. Keine vier Meter weiter steht ein Elefant und beginnt zu frühstücken.

The Retreat ist ein Ort, der selbst Stadtneurotikern ihre Seele zurückgibt. Vier Stunden sind es mit dem Jeep zum nächstgelegenen Dorf. Simsen? Kein Empfang! Fernseher? Gibt’s nicht! Schnell mal sein Ego mit einem neuen Prada-Pullöverchen aufpolieren? Keine Chance! Hier liegt man den lieben langen Tag rum, niemand will etwas von einem, die Natur schon gar nicht, man liest, wird von leichtem Wind umweht und spürt, wie man eins wird mit sich und vielleicht auch mit dem Kosmos. Manchmal grollt ein Hippo, und wenn wirklich mal etwas passiert, dann fliegt eine Gabelracke an den Rand des Pools, putzt sich ihre blauen Flügel, zeigt ihre Kehle, die knallig lila leuchtet, und verschwindet wieder. Am späten Nachmittag bricht Enock mit uns zur walking safari auf, im Gepäck unsere Zahnbürsten, da wir, wie Enock sagt, »in einem Camp schlafen werden«. Und während wir entlang des Ruaha River in Richtung Westen laufen, ahnen wir nicht, dass der kommende Abend noch romantischer und die Nacht noch wilder werden wird als im Liebeslernbett.  

Leser-Kommentare
  1. Man fragt sich, mussten die Bestandteile der Lodge wirklich unbedingt die halbe Welt durchqueren? Indien, Marokko? Aber dennoch danke für diesen netten Reiseartikel.

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