Schwarz-gelbe Koalition Spannender als Rot-GrünSeite 3/3

ZEIT: Ihr Kollege Heinz Bude meint, dass auch diese angeblich so egoistischen bürgerlichen CDU-FDP-Wähler sehr wohl an sozialem Zusammenhalt interessiert sind (ZEIT Nr.42/09).

Engler: Das muss sich noch nicht widersprechen. Solange Integration über Teilhabe an der Erwerbsgesellschaft funktioniert, waren die ärmeren Bürger auch für Wohlhabende akzeptabel und nicht nur Kostgänger. Wenn aber soziale Exklusion und Marginalisierung weiter voranschreiten, dann ist Solidarität mit denen, die aus der Erwerbsgesellschaft fallen, schwieriger zu organisieren. Die »bürgerlichen« Politikangebote haben dann den verführerischen Unterton »Wir sind die Mitte – und die anderen sollen mal schauen, wie sie zurechtkommen!«. Das passiert nicht von heute auf morgen. Aber die Betonung des Leistungsgedankens, der ja verständlich ist, ebnet diesen Weg der Entsolidarisierung: Es gibt diejenigen, die etwas leisten – und den Rest.

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ZEIT: In Ostdeutschland hat die Leistungsträgerpartei FDP überraschend starke Ergebnisse erzielt. Ist da ein neues Milieu entstanden?

Engler: Der Erfolg dürfte sich in nächster Zeit nicht wiederholen. Das stabile Milieu fehlt im Osten immer noch. Die FDP hatte Glück, nicht in einer nationalen Regierung zu sein. So konnte sie die geistige Mitverantwortung an der ökonomischen Krisensituation an den Rand schieben. Wenn sie an der Macht gewesen wäre, hätte das Wahlergebnis anders ausgesehen.

Zeit: Wie wird sich die schwarz-gelbe Republik verändern?

Engler: Als Publikum, Wähler und Bürger werden wir mit dem Niedergang der Volksparteien eine transparentere Politik erleben, weil die unterschiedlichen Positionen der vielen Parteien deutlich sichtbarer und nicht mehr hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden. Es wird schwieriger für die Akteure, aber spannender für die Beobachter: Plötzlich sind Tabubrüche über Nacht möglich; in den Schaltzentralen der Parteien werden eine Fülle neuer Konstellationen durchgespielt. Und im Saarland gibt es Schwarz-Gelb-Grün – etwas, was vor Kurzem noch gar nicht gedacht werden durfte. Dennoch klingt es gar nicht mehr so verrückt. Schon jetzt passiert mehr Neues als unter Rot-Grün.

ZEIT: Und was wäre dabei die wichtigste Aufgabe für die Politik der kommenden Jahre?

Engler: Es gibt die paradoxe ostdeutsche Erfahrung nach 1989 von Freiheitsgewinn und gleichzeitigem Selbstbestimmungsverlust. Das wirkt jetzt gesamtdeutsch: Man ist im Besitz politischer Freiheit; zugleich ringen viele um ihre Rolle als Bürger, weil sie Klient sind, da sie ihr Leben ökonomisch nicht mehr bewältigen. Falls es mit der Rückkehr wirtschaftlicher Normalität nicht klappt, muss die Politik einen neuen Gesellschaftsvertrag entwerfen, ohne jenen griesgrämigen Gesichtsausdruck, mit dem immer behauptet wird, dass neue Ideen nicht funktionieren.

Das Gespräch führte Alexander Cammann

 
Leser-Kommentare
  1. Das Bild, daas skizziert wird empfinde ich als so furchtbar wie es ist.

    Tatsächlich wird es wieder modern werden in Lager zu denken. Die einen werden nicht unter der neuen Denke nichts mehr geben wollen und die anderen werden sich zunehmend wehren.

    Eine Gesellschaft kann nur zusammenhalten wenn sie nicht permanent von oben gesprengt wird. Zusammenhalt kann nur entzstehen wenn nicht mehr auf den "Sozialschmarozern" und "türkischen Parallelgesellschaften" herumgehackt wird.

    Die einen leisten und die anderen haben keine Chance zu normalen Löhnen zu leisten. Das ist der Widerspruch. Es wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die eine nach unten offene Lohnspirale erzeugt haben. Die Überwachung durch die Arbeitgeber hat eine entwürdigende Menge angenommen (Urintests bei Einstellung).

    Mittlerweile hat sich ein Ausbeutungs- und Überwachungsstaat ältester Manier etabliert.

    Auf alte Konzepte muss man mit alten Konzepten reagieren. Das ist dann so modern wie es die Gegenseite es zuläßt.

    Ich rufe den Machthabern und Arbeitgeber zu:"Werdet moderner". Dann werden auch wir moderner.

    • joG
    • 17.10.2009 um 19:37 Uhr

    "Bei ihnen findet man eine seltsame Gesinnungsethik, wonach es bestimmte Positionen gibt, die an sich gut sind: Steuern senken ist an sich gut, Privatisieren öffentlicher Güter und Dienstleistungen ist an sich gut. Diese Haltung wird das Regierungshandeln zunächst bestimmen – im Sinne einer Re-Ideologisierung von Politik."

    Dies als Grundannahme einer politischen Analyse zu nehmen ist andererseits heroisch, da man auf die Unbildung des Gegenüber mit solchen Behauptungen baut. Ist er nämlich etwas besser ausgebildet, so weiss er, dass man ihm dumm kommt.
    Es lassen sich nämlich durchaus die genannten Themen ableiten und nach ihrer Richtigkeit im Einzelfall prüfen, die notwendigen und ausreichenden Bedingungen bestimmen sowie quantifizieren. Dazu ist die Volkswirtschaft da. Da handelt es nicht um "Gesinnungsethik" sondern viel mehr um die Befolgung einiger Volkswirtschaftlichen Ableitungen zur in einer Demokratie durchaus akzeptablen Durchsetzung der Wünsche seiner Wähler. Das mag einem Linken nicht gefallen, aber es ist nicht unbedingt daher nach brabbelnde Ethik, wie behauptet.
    Wenn also man nicht einfach daher schwätzen will, sollte man schon sich die Zeit nehmen und erklären, wieso man annimmt, dass es eine "Re-Ideologisierung" ist und nicht lediglich eine Ruckbesinnung auf den Stand vor der sozialistischen Ideologisierung der hiesigen Gesellschaft, die ja die letzten Jahrzehntein Deutschland unbestreitbar wild wuchs.

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    Ganz falsch, was Herr Engler sagt: Die Reideologisierung fand im linken Lager statt; hier haben wir es mit einer neuen Gesinnungsethik zu tun. Mindestlöhne sind an sich gut; erneuerbare Energien sind an sich gut (egal wie teuer sie sind); kostenlose Kinderbetreuung ist an sich gut (egal wie wohlhabend die Eltern sind); "länger gemeinsam Lernen" ist an sich gut (egal auf welchem Level gemeinsam gelernt wird); die Gleichstellungspolitik ist an sich gut (auch wenn das mit staatlichen Umerziehungsprogrammen einhergeht). Dieser Reideologisierung ist die SPD nun selbst zum Opfer gefallen, was man exemplarisch an der Debatte um die Atomkraft sieht. Denn "an sich schlecht" finden die Wähler die Atomkraft offensichtlich nicht - sonst hätte schwarz-gelb keine Mehrheit gewonnen. Schwarz-gelb wiederum hat nicht gesagt, dass es um jeden Preis ein Zurück zur Atomkraft geben soll, sondern nur dass die Laufzeiten verlängert werden sollen - was Stromkosten spart und Zeit für den Umstieg verschafft. Ist das Ideologie? Dein, die Gegenposition ist ideologisch.

    Ganz falsch, was Herr Engler sagt: Die Reideologisierung fand im linken Lager statt; hier haben wir es mit einer neuen Gesinnungsethik zu tun. Mindestlöhne sind an sich gut; erneuerbare Energien sind an sich gut (egal wie teuer sie sind); kostenlose Kinderbetreuung ist an sich gut (egal wie wohlhabend die Eltern sind); "länger gemeinsam Lernen" ist an sich gut (egal auf welchem Level gemeinsam gelernt wird); die Gleichstellungspolitik ist an sich gut (auch wenn das mit staatlichen Umerziehungsprogrammen einhergeht). Dieser Reideologisierung ist die SPD nun selbst zum Opfer gefallen, was man exemplarisch an der Debatte um die Atomkraft sieht. Denn "an sich schlecht" finden die Wähler die Atomkraft offensichtlich nicht - sonst hätte schwarz-gelb keine Mehrheit gewonnen. Schwarz-gelb wiederum hat nicht gesagt, dass es um jeden Preis ein Zurück zur Atomkraft geben soll, sondern nur dass die Laufzeiten verlängert werden sollen - was Stromkosten spart und Zeit für den Umstieg verschafft. Ist das Ideologie? Dein, die Gegenposition ist ideologisch.

  2. Ganz falsch, was Herr Engler sagt: Die Reideologisierung fand im linken Lager statt; hier haben wir es mit einer neuen Gesinnungsethik zu tun. Mindestlöhne sind an sich gut; erneuerbare Energien sind an sich gut (egal wie teuer sie sind); kostenlose Kinderbetreuung ist an sich gut (egal wie wohlhabend die Eltern sind); "länger gemeinsam Lernen" ist an sich gut (egal auf welchem Level gemeinsam gelernt wird); die Gleichstellungspolitik ist an sich gut (auch wenn das mit staatlichen Umerziehungsprogrammen einhergeht). Dieser Reideologisierung ist die SPD nun selbst zum Opfer gefallen, was man exemplarisch an der Debatte um die Atomkraft sieht. Denn "an sich schlecht" finden die Wähler die Atomkraft offensichtlich nicht - sonst hätte schwarz-gelb keine Mehrheit gewonnen. Schwarz-gelb wiederum hat nicht gesagt, dass es um jeden Preis ein Zurück zur Atomkraft geben soll, sondern nur dass die Laufzeiten verlängert werden sollen - was Stromkosten spart und Zeit für den Umstieg verschafft. Ist das Ideologie? Dein, die Gegenposition ist ideologisch.

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