DIE ZEIT: Was freut Sie am Nobelpreis?

Herta Müller: Ich sehe darin eine Belohnung. Viele glauben, wer den Nobelpreis bekomme, gewinne einen besonderen Status. Als Schriftsteller aber kann man keinen Status haben. Es freut mich, dass die Behandlung meines Themas belohnt wird, bei dem es immer um Diktatur geht, um das planmäßige Zerstören des Einzelnen, der in der totalitären Gesellschaft überhaupt nichts zählt. Es freut mich für die Freunde, die Opfer des Terrors wurden, und das sind nicht wenige. Und es freut mich für Oskar Pastior. Ich glaube, er hätte sich kindlich darüber gefreut.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch Atemschaukel haben Sie diesem wunderbaren Schriftsteller, der vor fünf Jahren gestorben ist, ein Denkmal gesetzt.

Müller: Ja, schon, aber es ist bitter, dass er das nicht mehr erleben durfte. Man sagt sich dann, vielleicht sitzt er in seinem Wolkenzimmer und schaut zu. Das ist ein magischer Trost, aber ich glaube nicht daran. Seine Urne wurde in die Erde getan, nicht in den Himmel.

ZEIT: Manchmal hat man die Hoffnung, die Vergangenheit könnte vergehen. Kann sie das?

Müller: Sie vergeht bei keinem Menschen, egal, unter welchen Umständen er gelebt hat. Jeder hat Ängste, etwa wenn Beziehungen zerbrechen oder wenn man an einer Krankheit leidet. Durch solche Dinge wird man verändert, die bleiben. Und das gilt erst recht, wenn man mit extremen Situationen zu tun hatte, die einen beschädigt haben, wenn man Todesangst erlitten hat, weil man wie ich von einem repressiven Apparat verfolgt wurde, und das fünfzehn Jahre lang. Aber auf seltsame Weise gewöhnt man sich daran, es wird zu einer gespenstischen Normalität. Man zähmt seine Angst und versucht, daraus etwas anderes zu machen. Das gelingt sogar zeitweise, obwohl man immer weiß, dass es eigentlich anders ist. Man steht neben sich, und das habe ich in all den Jahren lernen müssen: neben mir zu stehen. So wie ich auch jetzt neben mir stehe, wenn es um diesen Preis geht. Ich bin auf eine sehr praktische Weise schizophren.

ZEIT: Haben Sie uns im Westen, als Sie 1987 hierherkamen, als ahnungslos empfunden?

Müller: Insofern nicht, als man sich hier in Deutschland mit Diktaturen auskennt. Man hat den Nationalsozialismus nicht nur erlebt, man hat ihn ja gemacht. Und dann kam die Diktatur in der DDR, die denselben Zuschnitt hatte wie die anderen osteuropäischen Diktaturen.

ZEIT: Hier und da gab es Vorbehalte gegen Ihr Werk.

Müller: Es gab den Vorwurf, ich würde immer nur über die Vergangenheit schreiben. Wann, fragte man, schriebe ich endlich über Deutschland und die Gegenwart. Ich fand das seltsam. Bei Autoren wie Primo Levi, Jorge Semprún oder Georges-Arthur Goldschmidt hätte man die Beschäftigung mit den Verbrechen der Nazis nie infrage gestellt.

ZEIT: Vielleicht liegt es daran, dass man in der Bundesrepublik die rechte Ideologie schärfer gesehen hat als die linke.

Müller: Das stimmt, der kommunistische Terror wurde lange nicht wahrgenommen. Die Schikanen, die man als Westdeutscher auf der Transitstrecke oder am Bahnhof Friedrichstraße hätte ertragen müssen, hat man sich lieber erspart und fuhr in die andere Richtung, ins Offene, nach Frankreich oder Italien etwa, wo man was erleben konnte. Was auch hätte man in der DDR erleben können, in diesem so kalten, düsteren, frustrierten Land? Die DDR war ja kein Staat. Die Rumänen waren Rumänen, die Ungarn waren Ungarn, aber die Deutschen im Osten konnten sich von denen im Westen nur durch die Ideologie unterscheiden. Die wurde dann aufgezwungen, und deshalb war die DDR so gnadenlos.

ZEIT: Als Sie Rumänien endlich verlassen durften, wurden Sie vom Bundesnachrichtendienst als Mitarbeiterin des rumänischen Geheimdienstes, der Securitate, betrachtet.

Müller: Die Securitate war verhasst, und wenn man jemandem schaden wollte, hat man ihn als ihren Mitarbeiter denunziert. Das hat die Securitate mit mir gemacht, weil ich keine Spitzeldienste leisten wollte, und der BND hat es geglaubt. Er muss die Fehlinformation vom Büro der Landsmannschaft bezogen haben, die saßen ja im selben Haus, im Übergangslager Langwasser, meiner ersten Station nach der Ausreise. Ich kriegte, schon bevor ich nach Deutschland kam, Briefe von sogenannten Landsleuten, ich sei unerwünscht. Es gab Kampagnen gegen mich in landsmannschaftlichen Zeitungen, wo ich als Spitzel gebrandmarkt wurde. Man hat sogar behauptet, ich hätte mein erstes Buch, die Niederungen, im Auftrag des Geheimdienstes geschrieben. Und der BND hat mich so empfangen, als wäre ich ein Spitzel. Ich sollte dann sagen, mit welchen Geheimdienstlern ich zu tun gehabt hätte, und ich erklärte: Die hatten mit mir zu tun, nicht ich mit ihnen, das ist ein Unterschied. Da sagte der Beamte: Lassen Sie die Unterscheidung meine Sache sein, dafür werde ich bezahlt. Das hat mir fast das Herz gebrochen. Ich wäre am liebsten sofort weitergereist, aber wohin? Und als ich dann nach Berlin kam, das war nur einige Wochen später, tauchte der Verfassungsschutz auf und erzählte mir, dass ich gefährdet sei durch die Securitate-Leute, dass sie zu meinem Schutz Streife fahren würden. Ich solle mir eine Schreckschusspistole kaufen, keine Geschenke annehmen, nicht in fremde Wohnungen gehen. Der letzte Satz, als ich das Büro des BND endlich verlassen durfte, war: Wenn Sie einen Auftrag haben, können Sie es immer noch sagen. Das alles passte überhaupt nicht zusammen.

ZEIT: Nun haben Sie ja keine Sachbücher geschrieben, sondern poetische. Was bedeutet die literarische Anverwandlung für Sie?