Keith Jarrett in Berlin

Im magischen Dreieck

Keith Jarrett gab in Berlin ein betörend schönes Konzert.

Verlässt sich auf die Eingebungen des Moments: der Pianist Keith Jarrett

Verlässt sich auf die Eingebungen des Moments: der Pianist Keith Jarrett

Keith Jarrett lässt sich Zeit, bevor er auf der Bühne der Berliner Philharmonie erscheint. Nach einer Viertelstunde setzt er sich an sein Klavier, legt die Hände auf die Tasten und wartet. Spielt einen schweren Akkord, geladen mit Spannung und sachten Dissonanzen, schlägt ihn noch einmal an, und schon spaltet Jarrett den Akkord auf, führt ihn in verschiedenen Stimmen auseinander, lässt die Stimmen sich wieder annähern, einander sanft umkreisen, spielt kurz einen versteckten Kanon und kommt selbst in Bewegung, wenn seine Linke tief ins untere Register steigt, einen Basslauf andeutet, einen erdigen Groove, der plötzlich in sich zusammenbricht.

Anzeige

Eine zarte Melodie kommt ins Spiel, Moll, eingehüllt in eine Reihe von Blockakkorden, spinnt sich immer weiter, bevor sie zerbröselt, um schließlich als wuchtiger Choral aus den Ruinen aufzuerstehen. Alles fließt in Jarretts kaleidoskopischem Zugriff auf die Facetten der Klaviermusik: Blues und Barock, Minimal Music und Funktionsharmonik, Abstraktion und Romantik – permanent entstehen neue Legierungen, permanent zerfallen sie wieder.

An diesem Prinzip hat sich nichts geändert, seit Jarrett vor fast vierzig Jahren begann, Solokonzerte zu geben, in denen er sich ohne das Netz vordefinierter Strukturen allein auf die Eingebungen des Moments verlässt. Man meint es zu kennen, weil man Aufnahmen von solchen Konzerten gehört hat – die Mitschnitte von etwa zwanzig solcher Abende sind mittlerweile veröffentlicht, TheKöln Concert von 1975 hat längst den Rang eines Klassikers. Doch die CD verwischt den Unterschied zwischen improvisierter und komponierter Musik. So rückt sie die fragile Situation ihrer Entstehung, das Ringen um Konzentration und Inspiration umso stärker in den Hintergrund, je präsenter die Mitschnitte der Konzerte sind.

Während des Konzerts zählt jedoch nur das Hier und Jetzt im magischen Dreieck: Musiker, Instrument, Publikum. Der Musiker hat darin die Verletzlichkeit des Suchenden. Keith Jarrett ist ein manchmal schmerzlich konsequenter Künstler, ein Perfektionist. Einer, der eine Idee nicht wieder aufgreift, wenn ihn ein klingelndes Handy aus ihrer Entwicklung gerissen hat. Der ein anderes Stück nicht weiterverfolgt, weil für einen Moment sein Ideenstrom versiegt. Der zwischendurch sein Publikum belehrt, dass es sich doch, bitte schön, konzentrieren möge. Das ist nicht immer nett, es ist nicht immer leicht zu ertragen. Doch ungleich schwerer ist das Publikum für Jarrett zu ertragen. Dämliche Zwischenrufe kommentiert er mit einem fast schon verzweifelt leichtfüßigen Blues im Errol-Garner-Format. Ein Glück, dass er in seinen Konzerten eine Pause macht.

Gesammelt geht er in den zweiten Teil des Konzerts, noch einmal setzt er die Pole seines Spiels unter Spannung: mit kernigen Mustern im Bass bringt er sich selbst und den Raum in Bewegung, mit kleinen, unregelmäßig gegliederten Melodiemodulen bildet er eine zweite musikalische Schicht, die er wiederum in eine akkordische Architektur einbaut, deren verschiedene Stockwerke ein musikalisches Eigenleben zu führen scheinen. Später löst sich das Gewebe in samtene Arpeggios, bevor in einem hart rhythmisierten Ostinato die Obertöne ihren eigenen Gesang anstimmen. Schön ist das, betörend schön, eine Musik jenseits aller Kategorien der Klaviermusik, nicht Klassik, nicht Jazz.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Ja, genauso war es ! Vielen Dank an Stefan Hentz für die kompetente und objektive Kritik.

  2. Endlich: eine sinnvolle Kritik zu diesem einzigartigen Abend.

    Es war eine fast religiöse Erfahrung: das Entstehen und die Weiterentwicklung, aber auch das Scheitern und die (Zer-)Störung musikalischer Gedanken zu erleben.

    Das schönste Stück? Die vorletzte Zugabe, ein Moment Musical von einem anderen Stern.

    Ich hoffe, es wird keine CD von diesem Konzert geben.

  3. Ich bin seit Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Fan der Musik von Keith Jarrett und war auch in Berlin dabei. Seine Musik, vor allem wie sensibel und packend er Momente gestaltet und spielt ist einmalig. Er ist unbenommen ein ganz Großer! Aber der 12.10. in Berlin war für mich erstens keine musikalische Sternstunde und zweitens fand ich die Unsouveränität von Mr. Jarrett an diesem Abend besonders nervend. Nicht seine musikalische Souveränität, sondern ich meine die fehlende Leichtigkeit, mit der (vor allem) Jazzmusiker ähnlich tief, kreativ, experimtierfreudig und liebend den Moment gestalten....inkl. dem was das Publikum macht. Diese Souveränität fehlt dem fragilen Künstler gänzlich. Dabei räume ich ein, das sein Genius eben nur durch die Fragilität existieren kann. Vielleicht. Ich schließe mich aber insgesamt dem Kritiker des Spuegels (www.spiegel-online.de) an, der die profane aber für mich passende Frage stellt, warum Mr. Jarrett nicht gänzlich auf das Publikum verzichtet, wenn es ihn so derart stört.
    Übrigens hat an dem Abend aus meiner Sicht eine einfache psychologische Übertragung stattgefunden: Keith Jarrett titulierte das Publikum in der ersten Hälfte als gestresst. Für mich war das Publikum diszipliniert, aber nicht gestresst. Gestresst war Mr. Jarrett aus meiner Sicht.
    Die Blues-Passagen fand ich übrigens für KJ unüblich weil trivial und oberflächlich.

  4. Hallo Jazzcupido, ich weiss nicht,wo Sie und Herr Janko Tietz in der Philharmonie gesessen haben, aber bei uns kam die Improvisation sehr entspannt an.Die Spiegel-Kritik fand ich nicht objektiv.
    Mir hat der zweite Teil des Konzerts sehr gut gefallen, besonders das zweite (arpeggierte) Stück, auf die Blues-Nummern hätte er meiner Meinung nach verzichten können,aber das Publikum wollte sie hören.

  5. Danke an Herrn Hentz. Sie waren im selben Konzert.

    Darüber ist so viel Mist geschrieben worden. Von Spiegel und Welt vorne weg. Es darf sich nicht nur im Internet jeder äußern, dessen Omma auch schomma ein Jazz-Konzert mitgemacht hat (odda so). Was da alles zu lesen war. Die Geschichte von ECM, über uncoole Reaktionen auf stümperhaften Digitalkamera-Einsatz und gar über falsch gestimmte Töne (jaja): Experts at work. Nur, das mit der Musik kam so gar nicht vor. Halt, halt. Schon - dass aber auch wieder nicht das Niveau des Köln-Konzerts erreicht wurde: ein Skandal. Und dann noch dauernd die Zuhörer überfordern... Die haben dann bis 11 stehend geklatscht, damit keiner merkt, dass sie nicht mehr mitkommen.

    Wir werden - hoffentlich bald, Meister Eicher - das Geschehen auf CD nachvollziehen können. Ich vor allem das dritte Stück. Da können Spiegel- und Welt-Autoren die Ohren durchspülen und Hören üben.

    Einzig dass Jarret immer nach Jarret klingt, könnte man ihm vorwerfen. Man stelle sich Bach im kritischen Licht der oben genannten vor - x Seiten Geschwätz über Friedeman. For shure. Ach so: Und für´s Englisch empfehle ich "Spotlight".

    • 16.10.2009 um 0:36 Uhr
    • samas

    Was darf ein Musiker vom Publikum erwarten, wenn er ein Konzert gibt? Was darf ein Zuhörer von anderen Zuhörern im Konzert erwarten? Klingelnde Mobiltelefone und lautes Husten haben in unser Konzertleben genauso Einzug gehalten, wie das Rascheln in und mit Handtaschen sowie knisterndes Auspacken von Hustenbonbons und ggf. ebensolches Zusammenfalten der Bonbonpapiere. All das ist ebenso normal geworden, wie demonstrativer Beifall in einen ausklingenden Schlußakkord und lautes Flüstern mit dem Sitznachbarn, meist mit dem Inhalt, daß ein Stück schön begonnen habe.

    Der Konzertabend mit Keith Jarrett war in dieser Hinsicht nicht normal. Nach der ersten Ansprache war es ruhig wie selten in der Berliner Philharmonie. Und genau das hat den Abend so großartig werden lassen. Ich wünsche mir, daß eine solch spannungsgeladene Atmosphäre öfter in Konzerten herrscht. Dann darf auch das Publikum von den Musikern einiges erwarten.

  6. Lieber Herr Bill_Bo,
    warum empören Sie sich eigentlich über abweichende Meinungen von Ihnen?
    Sie tun genau das, wofür Sie andere kritisieren, nämlich sich und Ihre Meinung zu erhöhen. Stellen Sie doch einfach Ihre Meinung dar, ohne andere abzuwerten.
    P.S. Bevor Sie anderen English-Hinweise geben, lieber Herr Bill_Bo, Keith Jarrett schreibt sich mit "Doppel-T" im Nachnamen.....;-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Stefan Hentz
  • Datum 15.10.2009 - 06:34 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
  • Kommentare 7
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Kultur | Musik | Konzert | Jazz | Pianist
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service