Als Arvid Jansens Mutter den Brief mit der Diagnose Magenkrebs erhält, ist sie allein. »Eine Weile blieb sie einfach am Küchentisch sitzen, den Briefumschlag in der Hand, und sah aus dem Fenster auf denselben Rasen, denselben weißen Lattenzaun, dieselben Wäscheständer und dieselben absolut identischen grauen Reihenhäuser, die sie seit vielen Jahren sah, und sie dachte, was sie schon seit fast genauso vielen Jahren dachte, dass es ihr hier eigentlich überhaupt nicht gefiel.« Das war das Erste, was sie dachte, als sie von ihrem Krebs erfuhr. Arvid, der zweitälteste von vier Söhnen und längst dem Osloer Fertighaus entwachsen, bekommt die Nachricht später. Dass er, der Icherzähler des Romans, immer mal wieder seinen Posten als Sohn verlässt und als auktorialer Erzähler weiß, was er eigentlich nicht wissen kann, verwirrt ein bisschen. Und man ist geneigt, seine Allwissenheit zu psychologisieren. Vielleicht will dieser Sohn, aus lauter Verzweiflung ein bisschen größenwahnsinnig, überall sein und vielleicht vor allem in der Mutter?

Ich hatte Per Pettersons Buch auf dem Flughafen angefangen zu lesen. Hatte Arvid Jansen, der wie sein Autor 1952 geboren ist und ihm überhaupt ähnlich, aus früheren Büchern wiedererkannt. Und mich wieder darüber gewundert, wie oft ich das Lesen unterbrach. Als könne dieser Roman nur in kleinen Portionen gelesen werden; sei aber dann eine Art Kraftnahrung; eine verlässliche Reisebegleitung, fast schon etwas wie eine tragbare Behausung.

Es braucht für den Erzähler-Sohn ein ganzes Buch, um die Frau einzuholen, die seine Mutter ist – ein Mensch, wortkarg, von unbedingter Entschlossenheit und schöner, gelassener Verrücktheit, jemand, der sich ganz und gar selbst gehört. Früher hatte Arvids Suche nach ihr die Form einer Provokation angenommen, als er, jung, die Universität verlassen und als glühender Maoist in der Fabrik angefangen hatte. Sie hatte ihm dafür eine Ohrfeige verpasst. Oder die Form von Trotz: Als er mit einer ehrgeizigen Geburtstagsrede in der Tasche zu ihrem fünfzigsten Geburtstag angereist war und sich dann mit etlichen Gläsern Alkohol selbst ausgeschaltet hatte, sodass nur der fatale Satz »Ich kann mich an nichts von dir erinnern« über seine Lippen kam. Nun ist Arvid 37 und erfährt, dass seine kranke Mutter sich unverzüglich auf den Weg »nach Hause« gemacht hat: in jenes jütländische Dorf, aus dem sie stammt. Arvid also verlässt für kurze Zeit die Schreckensstarre, die ihn befallen hat, seit seine Frau die Scheidung einreichte, und reist seiner Mutter entgegen, ins Sommerhaus. Es verhaken sich zwei Geschichten ineinander, die das Ende von etwas erzählen – das Ende? So weit wird man nicht kommen. Pettersons Buch erzählt, wie Leben in der Erwartung des Endes sein kann; und wie es, Ende hin oder her, vor allem als Konsequenz von alldem verläuft, was vorher passiert oder eben nicht passiert ist.

© Hanser Verlag

Zu Recht ist Per Petterson mit seinen stillen, eindringlichen Büchern berühmt geworden, spätestens seit dem IMPAC-Award für Pferde stehlen (2006). Auch das Haus dieses neuen Buchs ist so gut gebaut, dass man seine Architektur nicht bemerkt. Zwingend und als ob es nicht anders sein könnte, durchdringen sich die Zeitschichten; in komplexer Ordnung und allergrößter Einfachheit. Die Geschichte von Arvid und seiner Mutter, für die es keine Lösung außerhalb ihrer beider wortkargen und zärtlichen Geschichte gibt, ist eine Etüde über Leben und Sterben. »Du Knirps«, sagt seine Mutter zu ihm. Einmal wächst der Knirps über sich hinaus, als er die lästige Kiefer vor dem dänischen Sommerhaus fällt, die der Mutter schon lange ein Dorn im Auge und dem Vater zu schwere Arbeit geworden ist. Aber als er diese Meisterleistung für seine Mutter vollbringt, ist es zu spät. Sie ist schon woanders unterwegs. Zu spät, wie für den Vater, als er von seiner Frau die Diagnose erfährt und seine Hand unsicher und vage in ihre Richtung zeigt. Aber »Körperkontakt war noch nie seine Stärke gewesen, außer im Boxring, und ihr Ding war es wohl auch nicht, aber jetzt schob sie meinen Vater vorsichtig, fast liebevoll beiseite, damit sie vorbei konnte. Er ließ sie gewähren, aber widerwillig genug, mit genau dem Grad von Widerstand und Schwerfälligkeit, der ihr zu verstehen gab, dass er ihr gern etwas Handfestes gegeben hätte, ein Zeichen, ohne dass er es in Worte zu fassen brauchte. Das hier kommt doch viel zu spät, sagte sie sich im Stillen, viel zu spät, sagte sie, aber er hörte sie nicht.«